Vielleicht ist es nicht offensichtlich, aber die Utopie einer freien Marktwirtschaft gründet in dem Verlangen nach Gerechtigkeit. Weshalb sollte man sich also dagegen aussprechen?
Die Herausbildung der Fiktion des freien Marktes, der sich selbst ordnen und lenken würde, hat bis zu ihrem ersten, fatalen Realisierungsversuch im 19. Jahrhundert einen langen Vorlauf. Die Sehnsucht der Menschen nach einem unfehlbaren, politischen System erhielt von Thomas Hobbes durch der Entwicklung der Maschinenmetapher des Leviathan zur Legitimierung der absolutistischen Herrschaftsform einen prägnanten Ausdruck.1 Bereits die Gestalt des Leviathan wies drei für die Utopie einer freien Marktwirtschaft unverzichtbare Ingredienzen auf: eine transzendentale, ordnende Gewalt, einen entkoppelten Mechanismus und ein Triebmittel, das den sieben Todsünden entnommen wurde.
Der absolutistische Souverän hatte die Machtposition inne, die man für nötig erachtete das Staatsgefüge zu kontrollieren. Sein Machtwort hatte unbedingte Geltung. Er war der Inbegriff des Rechts des Stärkeren, indem er als das Haupt des Leviathan über dem Gesetz stand und diesem dadurch Geltung verschaffte. Man sah in ihm den ersten Beweger, dessen Zentralgewalt die Maschine des Staates in Gang setzte. Der Staat trat als entkoppelter Mechanismus an die Stelle des Gremiums der vormals mächtigen Fürsten, die von nun an nicht mehr ihrem eigenen Gutdünken folgen konnten, ohne das des Monarchen berücksichtigt zu haben. Wider allen Anscheins war der Absolutismus darauf ausgelegt die Macht der Adelskaste zu brechen und das Staatsgefüge mit einer rechtlichen Grundlage zu versehen.
Um das eigene Vorankommen zu betreiben, blieb den Höhergestellten nichts anders übrig als in einen demütigenden Wettkampf um die Gunst der Herrschers einzutreten. Als wahres Triebmittel dieses Wettbewerbs lässt sich die Todsünde des Neides (invidia) ausmachen.2 Die Günstlingswirtschaft ist geprägt vom Neid auf den Glanz des Anderen, den es zu überstrahlen oder zu vernichten galt.
Alle Macht im Staat sollte in den Händen eines Einzelnen liegen, der als Souverän über dem Gesetz stehen musste, um völlig frei entscheiden zu können. Doch niemand hätte die Schaffung einer solchen Machtposition zugelassen, wenn sie nicht mit einem Gesellschaftsvertrag verknüpft gewesen wäre, der den Herrscher dazu nötigte das Wohl des Staates als sein eigenes zu betrachten. Der Eigennutz des Souveräns sollte das Gemeinwohl fördern, so die Idee. Der absolutistische Herrscher wurde zum ersten Diener des Staates hochstilisiert, den er zur Gänze repräsentieren sollte.
Die Entwicklung der absolutistischen Monarchien im 17. und 18. Jahrhundert zeichnete jedoch ein anderes Bild als das angestrebte. Die Vorstellung, dass es einer absoluten Machtposition bedürfe, um die Rechte aller abzusichern und das Funktionieren des Maschinenstaats zu gewährleisten, hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Absolutismus erwies sich als institutionalisierter Machtmissbrauch durch ein übermächtiges Herrscherindividuum. An die Stelle der Repräsentation trat die Identifikation mit dem Staat. „L’État, c’est moi“ – die berühmte Formel Ludwigs XIV. gibt ein unmittelbares Zeugnis davon. Die Einrichtung der Beziehung des Herrschers zu seinen Untertanen erfolgte nicht wie angestrebt im Feld des Symbolischen, sondern auf der imaginären Ebene. Die schlimmsten Verwerfungen konnten nicht ausbleiben.
Der Leviathan hatte im Vereinigten Königreich seine staatsrechtliche Fassung erhalten und war ebendort als erstes ins Straucheln geraten.3 Und auch die ersten Bemühungen das Konzept zu verbessern wurden auf der Insel unternommen. Dem Scharfsinn eines Adam Smith ist es zu verdanken, dass es schließlich gelang die Schwachstellen des Gesellschaftsvertrags auszumachen. Neben der Todsünde des Neides, der instrumentalisiert wurde, um die Adelskaste politisch zu schwächen, hatte man verabsäumt eine weitere Todsünde durch ihre Instrumentalisierung zu zähmen, und zwar die Gier (avaritia). Die Gier war es nämlich, die den Leviathan zu vernichten drohte und letztlich auch vernichtete. Die Gier ist im Gegensatz zum Neid jedoch keine politische Triebkraft, sondern eine ökonomische.4
Ende des 18. Jahrhunderts konnten schließlich die Konsequenzen gezogen werden. Das Haupt des Leviathan wurde – in Frankreich im wahrsten Sinne des Wortes – abgeschlagen, erste Republiken wurden gebildet, die moderne Demokratie hebt an. Das alles geschah im Namen der Gerechtigkeit, deren Emblem die Lettern „Liberté, Égalité, Fraternité“ zierten. Der politische Wettstreit trat an die Stelle des Wettkampfs um die Gunst des Monarchen. Der Wille des ominösen Volkes trat an die Stelle des Willens des Einen und wurde im gesetzgebenden Institut des Parlaments gefasst. Doch es stellten sich zwei Fragen: Welche Kraft sollte die Maschine des Staates in Gang setzen und antreiben, wenn kein erster Beweger mehr zuhanden war? Und auf welche Weise sollten sich die Begehren der vielen Einzelnen zum Willen des Volkes aufsummieren und darüberhinaus dem anvisierten Gemeinwohl dienen?
Adam Smith hatte in seinem epochalen Werk5 bereits die entscheidenden Antworten gegeben. Die destruktive Kraft der Gier des Einzelnen ließ sich durch keinen Gesellschaftsvertrag zähmen. Das hatte das Scheitern des Absolutismus auf dem allerhöchsten Niveau gezeigt. Wenn man jedoch das eigennützige Streben des Einzelnen in geregelte Bahnen lenkte und ihm ansonsten freien Lauf ließ, bestand die Chance, dass sich seine destruktive Kraft wie von selbst in eine schöpferische Kraft verwandeln würde, so die Annahme des Begründers der modernen Ökonomie. Der Gedanke ist alles andere als naheliegend, solange man nicht beachtet, das hier ein politisches Konzept in ökonomischen Begriffen formuliert wird.
Der Wille des Einzelnen wird zugelassen, muss sich aber in einen Wettstreit mit den einzelnen Willen der Vielen begeben und führt am Ende einer geregelten Verhandlung zu einem Gesetz, dem sich alle unterwerfen können.
Soweit das politische Konzept der parlamentarischen Demokratie.
Das Konstrukt der freien Marktwirtschaft lässt sich strukturell fast gleichlautend formulieren …
Das eigennützige Streben des Einzelnen wird zugelassen, muss sich aber in einem Wettstreit mit den Bestrebungen der anderen Marktteilnehmer behaupten und führt am Ende eines durch die Marktgesetze geregelten Handelns zu einem Gewinn für alle.
An diesem Punkt wird klar, dass die Errichtung der parlamentarischen Demokratien und die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsform nicht zufällig parallel ablaufen – sie nutzen ein und dasselbe Dispositiv.6
Ebenso wie das Konstrukt der parlamentarischen Demokratie ist das Konstrukt der freien Marktwirtschaft zunächst lediglich Ausdruck einer Willensbekundung. Beide entwickeln sich als Emanzipationsbewegungen, beide beziehen sich auf einen bestimmten Begriff der Freiheit. Ich konzentriere mich im Weiteren auf die Idee der freien Marktwirtschaft.
Welche Bedingungen mussten erfüllt sein, um eine solche etablieren zu können? Zunächst hatte es den Anschein als ginge es um die Verteilung der wirtschaftlichen Macht auf alle Teilnehmer am Markt. Dieser egalitäre Ansatz richtete sich in erster Linie gegen die Rentiers und damit gegen den Erbadel. Dessen Auffassung von Gnade, Recht und Machtausübung wurzelte auch im 18. Jahrhundert noch tief im Feudalismus und stützte sich auf das tradierte Besitztum. Wie sollte man dieser festverankerten Position beikommen können?
Da dieses Vorhaben seit jeher aussichtslos war, verlegte man sich darauf wirtschaftliche Macht aus dem Handel und aus der Produktion selbst zu generieren. In beiden Bereichen galt es mehr als das bloße Auskommen sicherzustellen. Wollte man reüssieren, musste ein Gewinn geschaffen werden, mit dem sich nicht nur die Kredite zurückzahlen ließen. Der Gewinn musste darüberhinaus groß genug sein, um die Unternehmungen am Laufen zu halten und abzusichern. Im Sog dieses Begehrens bildete sich eine neue Klasse von Wirtschaftstreibenden heraus. Während es den Rentiers um ein herrschaftliches Auskommen ging und die Unternehmer einen Gewinn erzielen wollten, der es erlaubte die nötigen Unternehmungen zu tätigen, hatten es die neuen Kapitalisten auf den Übergewinn abgesehen, der sie von den wirtschaftlichen Gegebenheiten unabhängig machte. Landbesitz und Produktionsmittel betrachteten sie lediglich als Kapital. Es ist wichtig zu sehen, dass die Gier für die genannten Protagonisten eine unterschiedliche Rolle spielte. Dem Rentier konnte man die Gier noch als Charakterfehler anlasten. Der Unternehmer war bereits gezwungen einen Mehrwert zu erwirtschaften, um seine Unternehmungen am Laufen zu halten. Die Gier des Kapitalisten bildet hingegen den Grundpfeiler seines Geschäftsmodells.
Es war also mit keinerlei Schwierigkeit verbunden einen Antrieb für den Motor der Wirtschaftsentwicklung zu finden. Die menschliche Gier war bestens dafür geeignet. Wie beim Neid handelt es sich bei der Gier um einen inneren Antrieb, der nicht eigens installiert werden muss. Jeder Einzelne von uns ist aufgrund seines Menschseins damit ausgestattet. Die Frage, die sich Adam Smith angesichts des von ihm entdeckten wirtschaftlichen Antriebs stellte, war, wie konnte die destruktive Kraft der Gier auf produktive Weise zum Wohle aller genutzt werden?
Die Idee dazu war, die destruktive Kraft der Gier zu atomisieren, d.h. sie auf alle Einzelnen im Wirtschaftsgefüge zu verteilen. Mit anderen Worten, die Gier sollte nur dort ihr Unwesen treiben, wo sie sich bildete – im Individuum selbst. Ihre Konzentration in den Händen von Machthabern, Kasten oder Ständen musste vermieden werden.7 Wenn die Gier gleichsam als Dispersion ihren Wirkungen zeitigt, so die Hoffnung, konnten die negativen Effekte unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleiben. Garant für die Verteilung der Gier war die Etablierung eines freien Marktes, auf dem sich potentiell jeder beweisen konnte. Auf einem freien Markt sollte sie in ihrer verdünnten Form keinen Schaden mehr anrichten, sondern ganz im Gegenteil zur allgemeinen Wohlfahrt beitragen. Die Geschichte des Kapitalismus lehrt uns heute, dass es sich dabei von Anfang an um einen bitteren Zynismus handelte.
Da sich kein Machthaber dazu bereit erklären würde die Bedingungen zu seiner eigenen Entmachtung zu schaffen, musste das Gesetz, das den freien Markt schützte, vom Gesetzgeber abgetrennt werden. Die Gesetze des freien Marktes mussten fortan als Gesetzmäßigkeiten verstanden werden. Auch diese Leistung wurde von Adam Smith vollbracht. Der Markt sollte sich selbst regeln und nicht mehr auf die Duldung eines Machthabers oder eines Landlords angewiesen sein. Der Marktmechanismus musste in einen Marktautomatismus verwandelt werden. Man könnte das auch so ausdrücken: der Mechanismus musste verabsolutiert werden.
Vom ersten Beweger, der mit der Politik zugleich die Wirtschaft in Gang setzte, war auf ökonomischem Boden nichts als die unsichtbare Hand geblieben. Die ordnende Gewalt war damit transzendental geworden. Das Phantom der unsichtbaren Hand soll von nun an das Marktgeschehen als körperloses Organ und völlig selbsttätig lenken. Damit glaubte man jeglichem Machtmissbrauch ein für alle Mal einen Riegel vorgeschoben zu haben. Kein übermächtiges Individuum könnte jemals noch auf den Plan treten, solange die Gesetzmäßigkeiten des freien Marktes intakt sind, denn das Streben nach Eigennutz befähigt jedes Individuum es mit jedem Individuum aufzunehmen.
Anders als die Herrschaftsform der repräsentativen Demokratie hat das Konstrukt der freien Marktwirtschaft das Recht des Stärkeren jedoch nicht im eigentlichen Sinne sublimiert, sondern in Form eines Atavismus geradezu konserviert. Jeder gegen jeden lautete das Prinzip. Während der politische Nachfolger des Absolutismus einen Weg gefunden hatte, die destruktive Kraft der Todsünde des Neides in der Politik für positive Zwecke zu instrumentalisieren, bewahrte das ökonomische Derivat des Absolutismus die destruktive Kraft der Todsünde der Gier als solche. An die Stelle des einen übermächtigen Individuums setzt die freie Marktwirtschaft lediglich die vielen einzelnen, übermächtigen Individuen, deren Überlegenheit in ihrer Kapitalkraft gründet. Und im Unterschied zum Institut des Parlaments, das auf konsensualem Wege ein Gesetz hervorbringt, behauptet der transzendentalisierte und diversifizierte Absolutismus des freien Marktes auf einem Naturgesetz zu beruhen.8
Wir kennen die Geschichte der Verwerfungen, die der freie Markt und sein zügelloses Laissez-faire mit sich gebracht haben und weiterhin hervorrufen werden. Hätte man nicht schon zur Geburtsstunde dieses idealistischen Konstrukts erahnen können, dass ihm sein Scheitern vorgezeichnet war? Die Atomisierung der destruktiven Kraft der Gier stellt nämlich keineswegs ihre Vernichtung dar. Die Gier muss geschürt werden, um den Automaten am Laufen zu halten. Ließ sich tatsächlich nicht vorhersehen, dass der Mensch zerrissen werden würde, wenn er in die Maschine geriet? Nebenbei bemerkt: in dem inhumanen Wüten der Maschine, scheint eine weitere menschliche Todsünde, namentlich die Wut (ira) institutionalisiert zu sein.
Der Zusammenbruch des kommunistischen Systems der Sowjetunion wird von den Vertretern des Neoliberalismus als Beweis für die Überlegenheit der eigenen Doktrin verstanden. Nichts könnte der Wahrheit weniger entsprechen. Der Kommunismus scheiterte aus denselben Gründen aus denen sein Gegenstück die freie Marktwirtschaft scheitern wird. Die beiden idealistischen Konstrukte müssen für ihre Verwirklichung bis in die Unmenschlichkeit vorangetrieben werden. Es kann gar nicht ausbleiben, dass sich die Menschen irgendwann für ihr Überleben entscheiden werden.
Die Hybris und die Blindheit der Neoliberalen unserer Tage verdankt sich ironischerweise gerade dem Umstand sich als Sieger im Wettstreit der Systeme zu wähnen. Doch das Drama des Siegers besteht immer wieder darin aus der Geschichte nicht lernen zu können, da er es ist, der die Geschichte schreibt.
Und so forciert der Neoliberalismus unserer Tage das Projekt der Verwirklichung einer freien Marktwirtschaft ohne Rücksicht auf Verluste und befindet sich folgerichtig auf dem Weg in die Unmenschlichkeit und bewegt sich ebenso folgerichtig, möchte man hoffen, auf sein eigenes Scheitern zu. Solange das Gesetz des freien Marktes – das als das einzig gerechte erscheint – gewahrt bleibt, ist offenbar alles erlaubt. Wie der neoliberale Freiheitsbegriff ist aber auch die Gerechtigkeit des freien Marktes rein negativ und damit ab einem gewissen Punkt destruktiv.
Genau genommen treibt der Neoliberalismus sein Projekt in zwei Stoßrichtungen voran. Zum Einen wird das geforderte Wachstum mithilfe der Expansion des Marktes angestrebt. Die gewaltsamen Erscheinungen der Globalisierung und die Vehemenz, mit welcher der Freihandel eingefordert wird, geben Zeugnis davon. Zugleich wird aber auch eine Intensivierung des Marktes verfolgt, die nicht weniger gewaltsam verläuft. Diese Doppelstrategie ist keineswegs eine Erfindung des Neoliberalismus, aber nachgerade sein Kennzeichen.9 Erstaunlicherweise gehen die meisten Volkswirte heutzutage immer noch von der Annahme eines unendlichen Wirtschaftswachstums aus, obwohl längst klar ist, dass die Ressourcen endlich sind.10 Offenbar wird die schrankenlose Ausdehnung des Marktes als verträglich eingestuft, solange die Verwerfungen, die sie hervorruft, andernorts stattfinden.
Die Verknüpfung des Wirtschaftswachstums mit einer schrankenlosen Marktintensivierung verursacht hingegen größere Schmerzen, sind diese doch am eigenen Leibe zu spüren. Mit den Folgen der Austeritätspolitik zur Rettung der Wachstumsprognosen sind im Wesentlichen nur jene Volkswirtschaften konfrontiert, die auf dem Weg zum freien Markt noch nicht weit genug vorangekommen oder die darin zurückgefallen sind, so die Argumentation. Doch die geforderte Konsolidierung der Staatshaushalte stellt nur eine von vielen Maßnahmen zur Intensivierung des Marktes dar. Andere Maßnahmen, wie die Ausweitung der Warenfiktion auf humane, soziale und ganz generell weiche Aspekte der Gesellschaft und des Lebens, transformieren gnadenlos und unaufhaltsam das, was wir unter unserem Menschsein verstehen.11
Allen Maßnahmen zur Intensivierung des freien Marktes gemeinsam ist, dass sie abermals eine Todsünde, namentlich den Geiz, als Triebmittel benutzen. Genau besehen handelt es sich beim Geiz jedoch um keine eigenständige Todsünde, sondern um die Zwillingsschwester der Gier. Der Geiz zeigt sich als die nach Innen gerichtete Gier. Das Neue am Neoliberalismus ist, dass er dem nach Außen gerichteten Vektor der Gier, den nach Innen gerichteten Vektor des Geizes zur Seite stellt und letzteren zur zweiten conditio sine qua non für die hemmungslose Entfaltung des freien Marktes macht.
Die Nutzung der genuin menschlichen, negativen Triebkräfte führt unweigerlich in die Unmenschlichkeit. Das Versprechen des Kapitalismus und der Verfechter der Idee des freien Marktes, die destruktiven Wirkungen zu neutralisieren, kann nicht gehalten werden. Die freundlichen Züge im Antlitz des Kapitalismus, die wir in unseren Wohlstandsgesellschaften gerade noch ahnen können, verdanken sich einer Verdrängung, die mit einem unendlichen Aufschub spekuliert. Genausowenig wie die Annahme eines unendlichen Wachstums haltbar ist, werden uns die Segnungen des Kapitalismus für immer heimsuchen können.
- Thomas Hobbes. Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiasticall and Civil. 1651. ↩︎
- Für Thomas von Aquin verkörpert der biblische Dämon des Leviathan die Todsünde des Neides. ↩︎
- 1649 und 1689. ↩︎
- Nach Aristoteles, genau genommen eine der Chrematistik. ↩︎
- Adam Smith. An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. 1776. ↩︎
- reprehendo ↩︎
- Darin wurzelt die Forderung der Neoliberalen unserer Tage, der Staat möge es als seine vornehmliche Aufgabe betrachten, Monopolbildungen zu verhindern. ↩︎
- Diese Annahme teilt er übrigens mit dem Utilitarismus im allgemeinen. ↩︎
- Nancy Fraser identifiziert diese beiden Stoßrichtungen des Kapitalismus als ›Expropriation‹ und ›Exploitation‹. Siehe Nancy Fraser. Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt. Berlin. 2023. ↩︎
- siehe Kate Raworth. Die Donut-Ökonomie. München. 2020. ↩︎
- siehe Nancy Fraser. Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt. Berlin. 2023. ↩︎