Man kann für lange Zeit einer bestimmten Meinung sein, ohne diese je näher bestimmt zu haben. Kommt dann irgendwann der Moment, da diese Meinung auf eine Gegenmeinung trifft, stellt man verblüfft fest, dass man kaum in der Lage ist den eigenen Standpunkt zu explizieren, geschweige denn zu verteidigen. An diesem Punkt angekommen, schlagen unterschiedliche Menschen unterschiedliche Wege ein, um zu einer validen Überzeugung zu gelangen. Denn die wackelig gewordene Meinung kann nicht im Zustand der Unbestimmtheit verbleiben, in den sie geraten ist. Sie würde als ein Loch im Konstrukt der Selbstgewissheit ein stetes Ärgernis bedeuten.
Sehen wir genau hin. Es geht von da an nicht mehr bloß darum sich eine Meinung von einem Sachverhalt zu bilden. Man ist bestrebt die Meinung zu bestätigen und auf ein sicheres Fundament zu stellen. Kurz, es geht darum eine Meinung in eine Überzeugung zu verwandeln. Auslöser für dieses Forcieren ist in jedem Fall ein schmerzlicher Zweifel, den es fernzuhalten oder auszuräumen gilt. Zweifel verhält sich wie Rost im Eisenkleid des Selbst. Man muss etwas dagegen unternehmen, da er sonst um sich greift und droht die gesamte Textur zu zerstören.
Die quantitativ-affirmative Methode
Menschen reagieren unterschiedlich auf das Auftreten von Zweifel. Die einen leugnen den Zweifel. Die Angst vor Korrosion ist zu groß, um sich ihr zu stellen. Diese Menschen versuchen den Zweifel mithilfe einer Anhäufung von Argumenten, die ihren Standpunkt stützen, zu ersticken. Dieser spezifische Vorgang des Fernhaltens und Unterdrückens von Zweifel verfolgt eine quantitative-affirmative Methode. Es werden dabei immer mehr Argumente beigebracht, die die eigene Meinung bestätigen, bis deren Ansammlung einen Umfang erreicht hat, der den Zweifel vollständig zudeckt. Es wird also wider allen Anscheins eine Verdrängungsleistung erbracht.
Was für die Anwendung dieser Methode spricht, ist die Streuung der Autorität, die darin am Walten ist. Man vertraut dabei nicht der einen unzweifelhaften Autorität, sondern zieht die Argumente vieler Autoritäten bei, deren Aussagen die eigene Meinung jedesmal bestätigen. Die Vorgangsweise krankt jedoch daran, dass die Unzweifelhaftigkeit jeder einzelnen, beigezogenen Autorität überprüft werden müsste, um deren Aussagen tatsächlich Geltung zur verschaffen. Die Menge allein macht’s nicht aus.
Und es gibt noch eine schlechte Nachricht: Der Autorität mag eine gewisse Bedeutung im institutionellen Wissenschaftsbetrieb zukommen, doch auf dem Gebiet der Forschung – und damit auch auf dem Gebiet der Erforschung der eigenen Meinung – zählt sie zunächst nichts. Und es existiert noch eine dritte schlechte Nachricht: Die genannte Vorgangsweise kennt nur ein einziges Auswahlkriterium für die Beibringung von Argumenten. Gültigkeit besitzt, was affirmiert. Es ist völlig offensichtlich, dass die getroffene Auswahl dadurch vom Wunsch, die wackelig gewordene Meinung zu bestätigen, korrumpiert wird. Man schickt sich also an, die vorgefasste Meinung unter der Hand in eine Überzeugung zu verwandeln. Man stattet sie mit einer Sicherheit aus, die ihr im Grunde nicht zukommt. Von welcher Qualität werden nun die Urteile sein, die auf Basis einer solchen erschlichenen Überzeugung gebildet werden?
Die qualitativ-kritische Methode
Eine völlig andere Vorgangsweise zur Erforschung der eigenen Meinung wird von Menschen gewählt, die der Angst standhalten und in der Lage sind, die eigene Meinung in Zweifel zu ziehen. Sie beginnen nicht mit einer Behauptung, sondern mit einer Frage. Sie stellen ihre eigene Meinung – und damit in einem gewissen Sinne auch sich selbst – in Frage. So gelangen sie zu einer aufrichtigen Auseinandersetzung mit der Gegenmeinung.
Anders als die Menschen, die der quantitativ-affirmativen Methode folgen, suchen die Vertreter einer qualitativ-kritischen Methode die eigene Meinung zu erschüttern, um sie auf Stichhaltigkeit zu prüfen. Dazu setzen auch sie auf die Beibringung von Argumenten, die von einschlägigen Autoritäten vorgebracht werden. Allerdings suchen sie nicht nur Argumente für den eigenen Standpunkt, sondern auch Argumente gegen den eigenen Standpunkt. Sie holen sich Gegenmeinung um Gegenmeinung ein und stellen das in Frage stehende immer weiter in Frage.
Entscheidend ist dabei aber nicht die bloße Anhäufung von Gegenmeinungen, sondern die Freilegung der Qualität der eigenen Meinung. Jene Forschenden, die sich nicht mit der autoritativen Bestätigung ihrer Meinung zufriedengeben, setzen deshalb auf eine qualitativ-kritische Methode. Im Gegensatz zur quantitativen Methode, die es bestenfalls erlaubt seine vorgefasste Meinung in kleinen Schritten weiterzuentwickeln, versetzt uns die qualitative Vorgangsweise in die Lage unsere Meinung auch radikal zu ändern. Bedingung dafür ist allerdings, die geänderte Meinung nicht zu früh in eine Überzeugung umzumünzen. Es gilt die Unwägbarkeit auszuhalten, die Offenheit des Ausgangs in Kauf zu nehmen, bis die Aufrichtigkeit der Auseinandersetzung Früchte trägt und Richtigkeit greifbar wird.
Je potenter die Gegenmeinungen, die entkräftet werden können, desto valider die eigenen Annahmen, so lautet der Kalkül. Aber das ist nur die eine Seite. Die aufrechte Haltung des Forschenden schließt jedenfalls mit ein, die eigene Meinung aufzugeben, wenn sich die Gegenargumente als stärker erweisen. Das kann schmerzhaft sein.
Als einen eventuellen Nachteil der kritischen Methode könnte man vielleicht ausmachen, dass die gewünschte Sicherheit nie erreicht werden kann, da die Auseinandersetzung kein Ende nehmen wird. Der Forschende, der sich dieser Methode verschrieben hat, muss jede Überzeugung und damit jedes Urteil weiterhin als vorläufig betrachten und kann deshalb, im wahrsten Sinne des Wortes, nur mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren. Das ist nicht immer befriedigend und manchmal auch schwer zu ertragen.
Fazit
Können wir soweit gehen die quantitativ-affirmative Methode zur Erforschung der eigenen Meinung zu verwerfen und allein auf die qualitativ-kritische Methode zu setzen? Nein, denn wir müssen schließlich Urteile bilden, um handlungsfähig zu bleiben, d.h. wir dürfen uns nicht in einem niemals endenden Prozess verlieren, sondern müssen so etwas wie eine vorläufige Gewissheit erlangen, wenn wir Stellung beziehen wollen. Wir müssen einen Standpunkt einnehmen können, in anderen Worten: Wir müssen unsere Meinung explizieren und verteidigen können. Die offene Methode zur Erforschung der eigenen Meinung bedarf eines finalen Supplements. Man muss schließlich auf den Punkt kommen.
Um einen vorläufigen Abschluss der Auseinandersetzung finden zu können, bedarf es letztlich auch der Affirmation und die setzt bekanntlich auch auf die Argumente, die für einen Standpunkt sprechen. Zur vorläufigen Affirmation kann etwa das Machtwort gestreuter Autorität oder das besser abgesicherte Argument dienen. Kritik und Affirmation müssen sich gegenseitig stützen.