Dogma KI 26

Die künstliche Intelligenz ist keine Entität. Während wir von unseren Hypostasierungsgelüsten Abstand nehmen, dürfen wir jedoch nicht übersehen, dass es sich bei der KI längst um eine Instanz handelt. Und als solche beginnt sie bestimmte Bereiche unseres Alltags zu dominieren. Manche sprechen hier von einer feindlichen Übernahme, andere nehmen die Segnungen, die uns durch die Verwendung dieses potenzierten Werkzeugs zuteil werden, freudig an. Beide Standpunkte haben ihre Berechtigung – weshalb hier Philosophie zur Klärung gefragt ist.

Wenn wir etwas über die KI und ihre Auswirkungen auf unser Leben erfahren wollen, dürfen wir nicht nur auf prinzipielle Weise über sie nachdenken. Wir müssen ins Auge fassen, was sie mit uns macht, um herauszufinden, was sie aus uns macht. Dazu ist es nötig, spezifische Anwendungsfälle zu betrachten. Der Umgang, in dem wir uns mit ihr befinden, zeitigt teils völlig unterschiedliche Verhaltensweisen und bringt bisweilen Ergebnisse hervor, deren Wert oder Brauchbarkeit nicht stärker voneinander abweichen könnte. Nehmen wir uns also einen ganz bestimmten Anwendungsfall vor.

Praxis

Was geschieht mit uns, wenn wir künstliche Intelligenz zur Textproduktion nutzen? LLMs eignen sich mittlerweile hervorragend dazu Texte zu produzieren. In unzähligen Kommunikationsbelangen ist das Arbeiten mit Chatbots mittlerweile obligatorisch. Von beruflicher Korrespondenz, über das Verfassen von journalistischen oder wissenschaftlichen Texten, bis hin zur Erstellung von amtlichen Bescheiden, Übersetzungsarbeiten und noch vielem mehr kommen sie zum Einsatz. Einwände gegen die Verwendung müssen erklären, weshalb man auf die enorme Beschleunigung in der Textproduktion verzichten und menschliche Fehlleistungen gegenüber jenen der KI bevorzugen sollte. Ist der Eindruck, dass es sich bei der neuen Technologie um ein Universalwerkzeug handelt, gerechtfertigt? Konkret: Eignen sich Chatbots für die Erstellung aller möglichen Textsorten oder sollten sie nur für bestimmte Anwendungsfälle herangezogen werden?

Wenn wir ein Kriterium dafür finden wollen, dies zu entscheiden, müssen wir uns ansehen, welche Erfordernisse für das Scheiben von Texten erfüllt sein müssen. Wir haben es dabei mit keinem einfachen Vorgang zu tun. Man startet für gewöhnlich mit einer Idee oder mit einer Aufgabe, jedenfalls mit einem Begehren. Der nachfolgende Vorgang beinhaltet eine Recherche, entwickelt einen Strom von Gedanken, der schließlich strukturiert und formuliert und zuletzt noch redigiert wird. Anders ausgedrückt: Das Scheiben eines Textes initiiert das innere Sprechen unseres Denkens, welches in eine schriftliche Äußerung überführt wird, die für eine Kritik zugänglich ist. Hat das die künstliche Intelligenz eines Chatbots drauf? Ich denke schon, aber eben nur in einem ganz bestimmten Sinn.

Wie läuft das konkret ab. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Produktion eines Texts unter Zuhilfenahme einer künstlichen Intelligenz mit einer scheinbaren Gesprächssituation beginnt. Wir starten also mit einem äußeren Sprechen, das das Denken der KI initiieren soll. D.h. am Anfang des Prozesses steht bereits eine Äußerung. Diese kann durchaus vage ausfallen, ist in jedem Fall aber bereits konkret. Das Eigentümliche daran ist, dass wir hierbei sprechen, bevor wir denken. Wir tun also etwas, von dem uns seit jeher nahegelegt wurde, es zu unterlassen. Für gewöhnlich bekommen wir das Bild des einsamen Denkers vorgehalten, der seine Gedanken im Geheimen verfertigt und aus sich selbst hervorbringt und erst dann damit an die Öffentlichkeit geht, wenn das Denkwerk vollbracht ist. Dieses Bild entspricht jedoch kaum den tatsächlichen Vorgangsweisen.

Zunächst einmal ist das Denken keine einsame Angelegenheit. Die Auseinandersetzung mit dem Material oder dem Gegenstand des Denkens, verleiht diesem von vornherein eher den Charakter einer inneren Zwiesprache. Wir sind nie allein in unserem Kopf, wenngleich wir dort nur im pathologischen Fall einer realen Person begegnen. Unser Denken läuft ganz grundsätzlich in einer Art Wechselrede ab, sei dies, indem wir darin unterschiedliche Standpunkte in Beziehung setzen oder Äußerungen anderer Leute rezipieren. Wenn sich das Denken als ein inneres Sprechen bezeichnen lässt, dann ist damit in erster Linie gemeint, dass es sich als eine Art Dialog vollzieht. Die Annahme, beim Denken handle es sich um einen inneren Monolog, muss zurückgewiesen werden. Jegliches Deklamieren – zum Beispiel in Form eines Selbstgesprächs – zeigt an, dass das Denken vorübergehend hintangestellt wird. Ein innerer Monolog, wenn es einen solchen überhaupt gibt, deutet auf die Beteiligung eines Triebs hin und hat andere Aufgaben als Erkenntnisse zu produzieren. Wir assoziieren damit eher eine Abwehrfunktion. Das findet auf imaginärer Ebene statt, hat also mehr mit dem magischen Besprechen einer Situation oder eines Sachverhalts zu tun.1

Die bekannten Denkfiguren, auf die wir zurückgreifen, haben allesamt dialogischen Charakter. Ich möchte behaupten, dass die Schlussverfahren ausnahmslos eingewandert sind und ihren Ursprung im äußeren Dialog haben, in den wir mit einer anderen Person treten können. Das trifft sich auch mit unserem Verständnis von der Philosophie, welche ja bekanntlich in Dialogform das Licht der Welt erblickte und sich bis heute in der Wechselrede eines Diskurses realisiert. In der Gesprächssituation, in welcher ich mich mit einem Chatbot als meinem Gegenüber befinde, ist dieses Konzept offensichtlich verwirklicht. Der sprichwörtlichen Einsamkeit des Denkers, die ja ohnehin nicht existiert, scheint abgeholfen. Was bleibt demnach zu wünschen übrig, wenn ich mit einer künstlichen Intelligenz in eine diskursive Verbindung trete?

Tatsächlich stellt diese äußere Gesprächssituation mehr eine äußerliche Gesprächssituation dar. Das, was ich im Dialog mit einem Chatbot erlebe, sieht nur so aus wie ein Gespräch. Und auch wenn es sich bisweilen sogar so anfühlen mag wie ein echtes Gespräch, bleibt es eine Simulation.

Beachten wir jedoch den Wert der Simulation. In der Simulation geht es darum einen Prozess mit einer hinreichenden Ähnlichkeit ablaufen zu lassen, um etwas auf günstigerem Wege zu bewirken, als dies eigentlich möglich wäre. Im Falle der Textproduktion bedeutet das, den Aufwand an Zeit und Ressourcen durch die Simulation einer Gesprächssituation drastisch zu verringern. Müsste ich alle Quellen selbst studieren, die die KI zu Rate zieht, würde ein Menschenalter nicht dafür ausreichen. Und welch ein exorbitant hoher Aufwand wäre es, wenn wir unsere Synthesen angesichts einer solche Datenmengen auch noch selbst vollbringen müssten, während die künstliche Intelligenz in Sekundenschnelle ihr statistisches Verfahren darauf anwenden kann. Angesichts der Möglichkeiten, die sich dadurch bieten, liegt es nahe, allein die Qualität des Outputs als Kriterium für die Entscheidung geltend zu machen, ob wir uns einer bestimmten Aufgabe selbst widmen sollen oder vielleicht doch lieber eine Maschine darauf ansetzen. Ist die Validität des maschinellen Outputs gegeben, hat die Simulation ihren Zweck erfüllt. Hält das Ergebnis einer Kritik stand, ist nichts dagegen einzuwenden.

Sehen wir noch genauer hin. Bei einem Chatbot handelt es sich um kein Subjekt. Wenn ich mich auf einen Dialog mit der künstlichen Intelligenz einlasse, begegne ich keinem Anderen, dem ich ein Begehren unterstellen kann. Der Diskurs leidet jedoch weniger darunter als wir vielleicht vermuten möchten. Um das Denken betreiben zu können, ist es in vielen Fällen hilfreich den inneren Dialog in einen äußeren Dialog zu überführen. Von nichts anderem spricht Heinrich von Kleist, wenn er uns »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden« unterrichtet.

Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. […] Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist.2

Dieses Verfahren der Veräußerlichung des inneren Dialogs des Denkens hat mehrere Implikationen. Wir alle haben schon einmal die Erfahrung gemacht, dass uns bereits das bloße Aussprechen unserer Gedanken dabei hilft, diese zu sortieren oder zu vervollständigen. Die Artikulation bezieht sich immer auf einen Anderen. Ein solcher scheint bisweilen nötig zu sein, um unser Denken zu präzisieren oder überhaupt erst anlaufen zu lassen. Die Anforderungen, die wir dabei an unser Gegenüber stellen, müssen  nicht allzu hoch veranschlagt werden. Oftmals genügt bereits die Anwesenheit eines Sprechpartners, um den gewünschten Denkeffekt in uns hervorzubringen. Auch wenn die KI kein Gesprächspartner im Sinne einer Person ist, kann sie der geringeren Anforderung Sprechpartner zu sein zweifelsohne gerecht werden. Denn bei dem Verfahren, das Heinrich von Kleist im Blick hat, geht es in erster Linie darum, sein Denken auszurichten. Bereits die bloße Anwesenheit des Anderen als Adressat ermöglicht es uns also im Denken voranzukommen. Noch mehr dürfen wir erhoffen, wenn der Andere seine eigenen Standpunkte in den Dialog einbringt. Dabei ist es noch nicht einmal nötig, dass er etwas von dem versteht, worum es uns geht. Selbst dann, wenn seine Antworten wenig Substanz aufweisen, können sie als Hebel wirken, die fähig sind unsere Gedanken zu wenden.

Man beachte, dass in dem soeben beschriebenen Vorgang noch gar keine Frage formuliert wurde. Der Denker hat mit der Veräußerlichung des inneren Dialogs vielmehr seine Antworten erprobt. Im vollen Dialog trifft schließlich das Denken auf ein anderes Denken, das durchaus befragt werden kann, da es auf einem unterstellten Wissen beruht. Wir werden unsere Frage nur an jemand richten, von dem wir annehmen, dass er eine Antwort darauf weiß. Wenn die KI auch kein Gesprächspartner im eigentlichen Sinn ist, weil es sich bei ihr um kein Subjekt handelt, ist sie dennoch in der Lage eine solche Instanz im Dialog abzugeben. Wir unterstellen ihr nicht nur ein Wissen, sondern auch die Fähigkeit dieses zu vermitteln. Bestenfalls liefert sie Antworten auf unsere Fragen, zumindest aber hilft sie uns dabei unsere Gedanken zu sortieren oder die richtigen Fragen überhaupt erst zu formulieren. Technisch gesehen steht sie einem beliebigen, menschlichen Sprechpartner daher um nichts nach. Dieser Befund lässt einen bezweifeln, ob es wirklich eines Subjekts bedarf, das uns in Gestalt des Anderen gegenübertritt, um ein diskursives Denken zu entfalten.

Es hat den Anschein, als ob unser vages Sprechen und die Unterstellung eines Wissens für die Initiierung einer Denkbewegung ausreichend seien. Handelt es sich bei dem Anderen, den wir ansprechen, um eine Wissensinstanz, umso besser. Der Andere muss jedoch kein Subjekt sein, solange wir uns mit einem asymmetrischen Dialog zufrieden geben können. Woher kommen also unsere Vorbehalte, sich darauf einzulassen?

Unbehagen

Zunächst gilt es hier zu differenzieren. Menschen, die das neue Werkzeug zu dem ihren gemacht haben, verspüren nichts von der Sorge, die manch andere umtreibt. In den unterschiedlichsten Berufsfeldern werden immer mehr Anwendungsszenarien entwickelt, die ohne KI-Einsatz gar nicht denkbar sind. Wer also schreckt vor der Transformation seines Arbeitsprozesses zurück? Mit Sicherheit Menschen, deren Arbeitsplatz als solcher durch die neuen Möglichkeiten bedroht ist. Ich denke, die Zahl derer, die mittelbar oder unmittelbar ihren Beruf verlieren werden, wird in der Debatte zu niedrig veranschlagt. Das gilt für alle Bereiche, in denen KI-Anwendungen zum Einsatz gelangen, insbesondere aber für Professionen, die im weitesten Sinne mit Texterstellung verbunden sind. Dort macht sich allerdings nicht bloß ein vages Unbehagen breit. Hier geht die nackte Angst um.

Das Schicksal der Willfährigen und das der Überfahrenen soll hier aber nur am Rande beleuchtet werden. Ich möchte den Blick mehr darauf lenken, wie die Verwendung künstlicher Intelligenz auf unser Wesen einwirkt, demnach, was eine solche aus uns macht. Nicht die Auswirkungen, die die neue Technologie auf unseren Beruf hat, sondern ihr Einwirken auf unsere Berufung und unseren Schaffensanspruch soll betrachtet werden. Begeben wir uns also auf die Spur des Unbehagens.

Kunst

Weshalb dieses Unbehagen, das uns die so problemlose Interaktion mit einer künstlichen Intelligenz verleidet? Es ist durchaus naheliegend zu behaupten, das Gefühl des Unbehagens entspringe einer Idiosynkrasie. Dann müssen wir uns aber ansehen, bei wem und wo genau eine solche in diesem Zusammenhang auftritt. Am deutlichsten scheinen die Schriftsteller davon betroffen zu sein, für die die Sprache mehr ist als bloß ein Medium. Menschen also, die nicht nur etwas, sondern auch sich selbst in ihrer Sprache ausdrücken wollen. Ihre Intention beim Verfassen eines Textes ist es nicht ein Produkt herzustellen, sondern im weitesten Sinne ein Werk zu schaffen. Sich dabei von einer KI unter die Arme greifen zu lassen, bedeutet auf die Ausbreitung der eigenen Flügel zu verzichten. In welchem Sinne ist es zu verstehen, wenn so manche Schriftsteller nicht nur ihren Beruf, sondern auch ihre Berufung gefährdet sehen, wo sie sich der Verwendung einer künstlichen Intelligenz im kreativen Prozess doch schlicht und einfach verweigern könnten? Die Gefährdung rührt in diesem Fall daher, dass wir der KI nicht nur Wissen unterstellen, sondern auch Kreativität.

Aber ist der in der schreibenden Zunft aufkommende Kreativneid berechtigt? Es steht jedenfalls zu befürchten, dass wir uns als Textkonsumenten mit dem, was die hinreichende Ähnlichkeit der Simulation an Kreativem hervorbringt, letztendlich zufriedengeben werden. Das Unbehagen verdankt sich also keiner Überempfindlichkeit und wir haben es hierbei nicht mit einer bloßen Befindlichkeit zu tun. Wenn sich Kreativität oder etwas, das wir für eine solche halten können, auf technischem Wege herstellen lässt, dann wird die menschliche Kreativität über kurz oder lang aus dem Produktionszusammenhang gedrängt. Vor diesem Hintergrund fällt es schwer, in den Vorgängen, die die Implementierung der künstliche Intelligenz begleiten, etwas anderes zu sehen als selbsttätige Enteignung.3

Angesichts der Fähigkeiten, die die Chatbots bei der Erstellung von Texten an den Tag legen, würde Martin Heidegger die KI ganz eindeutig dem Gestell zurechnen. Wir haben mit den Chatbots eine Reuse, in der sich alle Arten von Wörtern verfangen, ungeachtet, welche Bedeutung sie mit sich führen. Es genügt, dass ihre auf einer statistischen Auswertung beruhende Anordnung Sinn ergibt. Und wen juckt’s, dass das Moment der Freiheit, das sich in einem Text niederschlägt, stochastischer Natur ist und nicht auf das kreative Vermögen eines Schriftstellers zurückgeht, wenn es der KI gelingt uns einigermaßen zu überraschen? Selbst die Tatsache, dass es sich bei dieser Art Überraschung vollends um Täuschung handelt, wird uns nicht davon abhalten, uns daran zu ergötzen.

Wissenschaft

Anders verhält es sich, wenn wir Texte ins Visier nehmen, aus denen wir das Imaginäre aus prinzipiellen Gründen auszuschließen bemüht sind. Gemeint sind damit in erster Linie wissenschaftliche Texte. Auch sie unterliegen bestimmten Produktionsgesetzen, die durchaus auf die Maschine der künstlichen Intelligenz übertragen werden können. In solchen Texten geht es nicht nur darum Sinn zu produzieren, dem wir als Leser Bedeutungen zuordnen können. Hier wird das Augenmerk zuallererst auf die Bedeutung selbst gelegt, also auf den Wahrheitsbezug, der in den Texten hergestellt werden soll.4 Da bei der Produktion wissenschaftlicher Texte der Wahrheitsbezug im Vordergrund steht, kann es uns nicht egal sein, wie stark dieser ausgeprägt ist oder wie dieser zustande kommt.

Nun ist es der KI nicht möglich einen Wahrheitsbezug herzustellen. Der Chatbot weiß nicht um die Bedeutung dessen, was er von sich gibt.5 Weder im Hinblick auf die Gesamtheit eines Wissens, noch im Hinblick darauf, was uns dieses Wissen jeweils bedeutet. Wenn wir auch davon ausgehen können, dass unser nach außen getragenes Sprechen das Denken zu befördern vermag, berechtigt nichts zu der Hoffnung, dass wir unter Beteiligung einer künstlichen Intelligenz den Wahrheitsbezug frei Haus geliefert zu bekommen.

Wie ist es um den angesprochenen Wahrheitsbezug bestellt? Wenn wir die Fähigkeiten der Chatbots betrachten, die uns in Gestalt von LLMs6 begegnen, zeigt sich, dass eine bestimmte Aussagenkategorie mehr davon zu besitzen scheint, als andere Aussagenkategorien. Es hat den Anschein als dürften wir allem, was der Berechnung auf Basis eines logischen Kalküls zugänglich ist, etwas mehr Vertrauen schenken. Es existiert ein qualitativer Unterschied zwischen Aussagen, die auf Ebene der Syntax getroffen werden und solchen Aussagen, die rein semantischer Natur sind. Das hat wohl damit zu tun, dass KI-Anwendungen im wissenschaftlichen Kontext in der Regel auf Expertensystemen aufsetzen, während für die allgemeine Textproduktion nichts dergleichen gegeben ist.

Mit einem Chatbot kommunizieren wir auf dem Feld der Semantik. Wir reden mit der Maschine wie mit Unsereinem. Die Wahrheit, die wir in Unsereinem entdecken können, beinhaltet jedoch sehr viel mehr als die bloße Anwesenheit eines Sprechpartners, der uns auf die Sprünge hilft. Zum einen haben wir die Wahrheit des Körpers, sofern die Person mit der wir sprechen anwesend ist. Sodann die Wahrheit eines Begehrens, das sie vermittelt und auf das wir uns beziehen. Weiters die Verbindlichkeit des sozialen Rahmens, in welchem wir kommunizieren. Ethische und moralische Gesichtspunkte. Die Emotionen, die das Gespräch begleiten. Und nicht zuletzt unsere Intention, mit der wir die Entwicklung unserer Gedanken vorantreiben und die von der KI verstanden werden soll. Nichts davon können wir vom Algorithmus eines Chatbots erwarten. Die KI produziert lediglich mehr oder weniger sinnvolle Aussagen ohne Wahrheitsbezug. Der Wahrheitsbezug muss jedesmal aufs neue und mit einer nie nachlassenden Gewissenhaftigkeit von uns selbst beigebracht werden.

Im Grunde sollte es uns nicht allzu schwer fallen, diese unumgängliche Forderung zu erfüllen. Wir müssen mit einer KI umgehen, wie wir es schon bisher mit einer unsicheren Quelle tun. Damit ist die Wissenschaft durchaus vertraut. Wenn wir allerdings dem Charme der künstlichen Intelligenz erliegen und unserem Verlangen nach Bequemlichkeit nachgeben, dann begnügen wir uns mit einem Sprechen ohne es in ein Denken zu übersetzen. Unser Reden, das uns bei der Verfertigung der Gedanken helfen soll, wird dann ersetzt durch das Gerede einer KI, das ins Beliebige führen kann. Wenn wir dann noch darauf verzichten für das Gerede einen Wahrheitsbezug beizubringen, sind wir auf dem Weg zu einem Schreiben, das ohne ein Lesen auskommt. Wozu noch Bücher wälzen, wenn das Menschheitswissen präsent zu sein scheint? Wozu noch Wissen erwerben, wenn wir dessen Erzeugung an eine Maschine abtreten können?

Wer allerdings wird in einer Welt, aus der sich der Sachverstand verabschiedet hat, die Aussagen der Maschine hinterfragen können? Wird das Bestreben den Wahrheitsbezug herzustellen aufgegeben, dann war’s das mit der Wissenschaft. Die Reinstallierung des Autoritätsglaubens im wissenschaftlichen Diskurs ist bereits in Sichtweite. Wie lange kann  es angesichts der rasanten Entwicklungen auf dem Feld der künstlichen Intelligenz noch dauern, bis der Diskurs, in den wir mit der Maschine eintreten, zu einem scholastischen Lehrgespräch verkommt, in welchem wir als bloße Adepten fungieren?

Denken

Wer hält uns davon ab, es uns in einem unwissenschaftlichen Denken bequem zu machen, wenn nicht wir selbst? Was hält uns davon ab, das Schreiben einer künstlichen Intelligenz zu überlassen, wenn nicht der Drang selbst kreativ zu sein?

Die Chancen, aber auch die Risiken, das Denken direkt in ein Reden zu überführen, liegen klar zu Tage. Wir können diese Geste dazu verwenden, ein ins Stocken geratenes inneres Sprechen wieder in Gang zu bringen. Mit derselben Geste können wir unser Denken aber auch vollständig an eine künstliche Instanz abtreten, und dafür ist nicht einmal mehr ein akkurates Sprechen vonnöten. Die KI kommt uns auf semantischer Ebene entgegen, sobald wir die ersten Schritte tun. Mit der Verkürzung unseres Sprechens depriviert jedoch auch unser Denken.

Wir haben das Denken als ein inneres Sprechen bezeichnet, das eine dialogische Struktur aufweist. Sein Modus ist im weitesten Sinne der eines Gesprächs. Den Antrieb liefert unser Begehren zu wissen. Wenn wir einen Gedanken haben, dann ist das gleichbedeutend damit, dass wir einen Gedanken formulieren. Der Gedanke, als das kleinste Element des Denkens, ist also bereits eine Synthese. Die Denkbewegung besteht darin Gedanken aneinanderzureihen. Die kleinste Einheit aneinandergereihter Gedanken nennen wir Gedankengang. In die Phänomenologie des Denkens ist also das Gehen eingeschrieben und umgekehrt.7 Dass es sich hierbei nicht bloß um eine Metapher handelt, wird uns bewusst, wenn wir beobachten, wie unser Denken beim Gehen in Schwung kommt. So wie das Gehen ist unser Denken eine langsame Art der Fortbewegung. Die Dauer spielt dabei eine wesentliche Rolle, ebenso wie der Körper. Dauer und Körper sind der KI fremd. Die Textproduktion der organlosen Chatbots ist darauf ausgelegt instantan zu funktionieren.

Das berechtigt uns den Begriff der Textproduktion dem Begriff des Schreibens entgegenzusetzen. Die industrielle Technik der Textproduktion negiert den Körper und die Zeit, die es braucht um einen Gedankengang zu entwickeln. Das Schreiben ist hingegen eine zutiefst körperliche Angelegenheit. Zum einen, weil es einer Dressur des Körpers bedarf, um den Stift zu führen oder in die Tasten zu schlagen. Zum anderen aber, weil es mit einem Dasein und daher jeweils mit einer Dauer verbunden ist, die dem Denken Raum gibt. Die aktuellen KI-Systeme versuchen zumindest die Dauer ins Spiel zu bringen, indem sie „Reasoning“ oder „Thinking“ anbieten und damit ein vertieftes Denken simulieren. Daran, dass dem Konsultierenden etwas präsentiert wird, worum er sich nicht selbst bemühen musste, ändert das nichts. Wenn wir als die Empfänger solcher Präsente darauf verzichten, die mehr oder weniger sinnvollen Aussagen mit einer Bedeutung zu versehen, geraten wir nicht in Bewegung, d.h. es gerät in uns nichts in Bewegung, das wir als Denken erfahren können. Sofern die KI-gestützte Textproduktion sich selbst genügt, versagt sie einem die tiefe Befriedigung, die man aus einem Schreiben ziehen kann, das einer Parallelführung von Denken und Formulieren entspringt.

Die Textproduktion zielt allein auf das Ergebnis ab. Der Text hat darin den Stellenwert eines Produkts. Das Schreiben ermöglicht es mir dagegen mich in ein Denken zu vertiefen, das ich als solches empfinden kann. Ich bringe mich nicht allein deshalb zum Denken, um ein philosophisches Problem zu lösen. Viel wichtiger ist mir im Grunde die Denkerfahrung, die ich dabei machen kann. Es geht mir um den Prozess des Philosophierens selbst. Ich will das Philosophieren als solches erleben. Ich will von den Wendungen und Windungen meiner Denkwege überrascht werden. Ich will nicht sehen, wo mich der Weg hinführt, sondern den Gedankengang leiblich erfahren, die Gedanken aufsteigen spüren und ertasten, mit einem Wort – ich will begreifen.

Die künstliche Intelligenz ermöglicht es diese Wege abzukürzen. Wir können auf Recherche und Verifikation verzichten und setzen damit unseren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit außer Kraft. Wenn wir auf das Erlebnis des Denkens verzichten, weil wir nicht viel mehr als ein rudimentäres Sprechen benötigen, um einen Chatbot dazu zu veranlassen etwas zu generieren, das nach Wissen aussieht, begeben wir uns eines zutiefst menschlichen Vermögens, das mit unserem Begehren als solchem in Verbindung steht. Wir können unser Denken nur dann empfinden, wenn es eine Ausdehnung in der Zeit hat. Wenn wir den Denkprozess an einen Prozessor abtreten, schrumpft diese Empfindung auf den kurzen Augenblick einer Gegenwart zusammen, die jedenfalls nicht die des Geistes ist. Was dabei herauskommt, ist in höchstem Maße unbefriedigend.

Um uns ein wenig über diesen existenziellen Verlust hinwegzutrösten, vermitteln uns die Chatbots das Gefühl, wir würden mit unseren Eingaben ins Schwarze treffen oder mit unseren Fragen wenigstens auf dem richtigen Weg sein. Wir werden mit Floskeln der Bestätigung beruhigt, um uns darüber hinwegzutäuschen, dass uns die Chance genommen wurde, so etwas wie Selbstbestätigung zu erfahren.8 Diese Täuschung auf Seiten des Subjekts ist das Pendant zu der Täuschung, die auf Seiten des Wissens stattfindet, das uns als verifiziert präsentiert wird. Wir verzichten schlimmstenfalls also nicht nur darauf für die von der künstlichen Intelligenz getroffenen Aussagen einen Wahrheitsbezug herzustellen, sondern geben auch den Subjektbezug preis. Wir beschädigen also nicht nur das Wissen als Desiderat und Gegenstand der Wissenschaften, sondern auch unser Begehren zu wissen. Welche Effekte diese Verstümmelung zeitigt, deutet sich in dem Unbehagen an, das wir dabei empfinden, wenn wir eine künstliche Intelligenz konsultieren. Einen Gedanken nicht selbst zu formulieren, bedeutet den Gedanken nicht zu haben.

Was nun?

Es ist an der Zeit ein Selbstbewusstsein als menschliches Wesen zu entwickeln, sofern wir in der analogen Welt handlungsfähig bleiben wollen. Ich kann sechs Stunden lang am Stück in einem Buch lesen. Ich kann meine Ansichten begründen und aus vollem Herzen einen Standpunkt vertreten. Ich kann Gedankengänge entwickeln, die eine Änderung meiner Meinung bewirken. Ich kann aus Empathie oder Liebe handeln. Ich kann das in einem Bild Dargestellte mit einem einzigen Blick erfassen. Ich kann sinnlose Tätigkeiten verfolgen, weil sie mir etwas bedeuten, während die KI nur sinnvolle Ergebnisse liefert, die ihr nichts bedeuten. 

Was die künstliche Intelligenz betrifft, ist die Katze aus dem Sack. Aber es liegt an uns, welchen Umgang wir mit den neuen Möglichkeiten pflegen. Und um Möglichkeiten handelt es sich zweifelsohne. Die Verfertigung von Gedanken durch die Überführung des inneren in ein äußeres Sprechen, das auf einen Widerhall hoffen darf, bietet Chancen, solange wir selbst Akteure in dem Prozess bleiben. Wir können die künstliche Intelligenz als Werkzeug nutzen oder uns an die Maschine ausliefern. Ziehen wir ersteres in Betracht, müssen wir lernen damit umzugehen. Auch die gefahrlose Anwendung eines Hammers verlangt eine gewisse Geschicklichkeit, die wir uns zuallererst aneignen müssen. Es geht für uns also darum einen Anwendungsmodus zu finden, der sicherstellt, dass wir weder das Wissen der Menschheit, noch das Denken als subjektiven Akt gefährden. Wir haben dabei nicht nur den Wert menschengemachter Gedanken im Blick, sondern unsere Fähigkeit zu denken selbst.

Weniger denn je werden wir eine technologische Entwicklung aufhalten oder gar rückgängig machen können. Unser berufliches, soziales und privates Verhalten wird von den neuen Technologien längst in einem Ausmaß bestimmt, das uns Maßnahmen gegen ihre Verwendung als Bedrohung wahrnehmen lässt. Enthaltsamkeit ist also keine Option, Zurückhaltung aber schon.

Wollen wir das Denken und das Schreiben weiterhin als Erlebnis empfinden können, soll ein Gedanke seinen Ereignischarakter bewahren, soll das Wissen weiterhin über die Herstellung des Wahrheitsbezugs Bedeutung erlangen, dann dürfen wir unsere Position in dem Vorgang nicht aufgeben. Eine Möglichkeit Stellung in dem Gestell zu beziehen, besteht darin sich selbst Direktiven für den Umgang mit künstlicher Intelligenz aufzuerlegen. Die Verantwortung liegt bei uns, weil wir es sind, die das Opfer unserer eigenen Bequemlichkeit werden können.

Der aktuelle Befund ermöglicht es folgenden, vorläufigen Regelkatalog für die Verwendung KI-basierter Systeme im Zusammenhang dessen, was hier als Schreiben im  Gegensatz zur industriellen Textproduktion bezeichnet wurde, aufzustellen.

Dogma KI 2026

  1. Ich verzichte darauf künstliche Intelligenz zu nutzen, um Ideen zu entwickeln.
  2. Ich verzichte darauf künstliche Intelligenz zu nutzen, um Gedanken oder Gedankengänge zu formulieren.
  3. Ich verzichte darauf Text von künstlicher Intelligenz erstellen zu lassen oder mit Unterstützung künstlicher Intelligenz zu generieren.
  4. Ich nutze künstliche Intelligenz, um Daten und Informationen zu recherchieren und Querverweisen nachzugehen und verpflichte mich dazu, die Ergebnisse mithilfe einer klassischen Recherche, d.h. unter Verwendung von Primärliteratur und einschlägiger Fachliteratur, zu überprüfen.
  5. Ich nutze künstliche Intelligenz dazu, selbst gefasste Gedanken oder Gedankengänge aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können, verpflichte mich jedoch dazu, die Ergebnisse ihrerseits kritisch zu hinterfragen.
  6. Ich nutze künstliche Intelligenz, um Wortbedeutungen nachzuschlagen oder Synonyme zu finden und verpflichte mich dazu, das Ergebnis mit einer klassischen Recherche zu verifizieren.
  7. Ich nutze künstliche Intelligenz, um die Struktur eines Texts allein nach grammatikalischen Gesichtspunkten zu verbessern.
  8. Ich nutze künstliche Intelligenz zur Rechtschreibkorrektur.
  9. Ich nutze künstliche Intelligenz zur Erstellung von Abstracts.

  1. incertus ↩︎
  2. Heinrich von Kleist. Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. 1811. ↩︎
  3. Siehe dazu meinen Text mit dem Titel »Die Segnungen der künstliche Intelligenz«. ↩︎
  4. Der Sinn, der die Texte kennzeichnet, erschließt sich über die Weise ihres Gegebenseins. Die Bedeutung liefert den Wahrheitsbezug. Siehe dazu Gottlob Frege. Über Sinn und Bedeutung. 1892. ↩︎
  5. Der KI ist es auch nicht möglich in den konkreten Prozess ihres maschinellen Denkens Einblick zu nehmen oder uns als Menschen darin Einblick zu gewähren. So ist sie nicht nur für uns Menschen, sondern auch für sich selbst das, was man eine Blackbox nennt. ↩︎
  6. Large Language Modells ↩︎
  7. Von den Peripatetikern bis Martin Heidegger, der sein Denken zu erwandern pflegte, bestand kein Zweifel am Zusammenhang von Gehen und Denken. ↩︎
  8. Natürlich soll damit in erster Linie unsere Verweildauer in dem Gespräch verlängert werden. Darüber wird schließlich die Wertschöpfung generiert. ↩︎