Kategorie: Philosophie

  • Dogma KI 26

    Die künstliche Intelligenz ist keine Entität. Während wir von unseren Hypostasierungsgelüsten Abstand nehmen, dürfen wir jedoch nicht übersehen, dass es sich bei der KI längst um eine Instanz handelt. Und als solche beginnt sie bestimmte Bereiche unseres Alltags zu dominieren. Manche sprechen hier von einer feindlichen Übernahme, andere nehmen die Segnungen, die uns durch die Verwendung dieses potenzierten Werkzeugs zuteil werden, freudig an. Beide Standpunkte haben ihre Berechtigung – weshalb hier Philosophie zur Klärung gefragt ist.

    Wenn wir etwas über die KI und ihre Auswirkungen auf unser Leben erfahren wollen, dürfen wir nicht nur auf prinzipielle Weise über sie nachdenken. Wir müssen ins Auge fassen, was sie mit uns macht, um herauszufinden, was sie aus uns macht. Dazu ist es nötig, spezifische Anwendungsfälle zu betrachten. Der Umgang, in dem wir uns mit ihr befinden, zeitigt teils völlig unterschiedliche Verhaltensweisen und bringt bisweilen Ergebnisse hervor, deren Wert oder Brauchbarkeit nicht stärker voneinander abweichen könnte. Nehmen wir uns also einen ganz bestimmten Anwendungsfall vor.

    Praxis

    Was geschieht mit uns, wenn wir künstliche Intelligenz zur Textproduktion nutzen? LLMs eignen sich mittlerweile hervorragend dazu Texte zu produzieren. In unzähligen Kommunikationsbelangen ist das Arbeiten mit Chatbots mittlerweile obligatorisch. Von beruflicher Korrespondenz, über das Verfassen von journalistischen oder wissenschaftlichen Texten, bis hin zur Erstellung von amtlichen Bescheiden, Übersetzungsarbeiten und noch vielem mehr kommen sie zum Einsatz. Einwände gegen die Verwendung müssen erklären, weshalb man auf die enorme Beschleunigung in der Textproduktion verzichten und menschliche Fehlleistungen gegenüber jenen der KI bevorzugen sollte. Ist der Eindruck, dass es sich bei der neuen Technologie um ein Universalwerkzeug handelt, gerechtfertigt? Konkret: Eignen sich Chatbots für die Erstellung aller möglichen Textsorten oder sollten sie nur für bestimmte Anwendungsfälle herangezogen werden?

    Wenn wir ein Kriterium dafür finden wollen, dies zu entscheiden, müssen wir uns ansehen, welche Erfordernisse für das Scheiben von Texten erfüllt sein müssen. Wir haben es dabei mit keinem einfachen Vorgang zu tun. Man startet für gewöhnlich mit einer Idee oder mit einer Aufgabe, jedenfalls mit einem Begehren. Der nachfolgende Vorgang beinhaltet eine Recherche, entwickelt einen Strom von Gedanken, der schließlich strukturiert und formuliert und zuletzt noch redigiert wird. Anders ausgedrückt: Das Scheiben eines Textes initiiert das innere Sprechen unseres Denkens, welches in eine schriftliche Äußerung überführt wird, die für eine Kritik zugänglich ist. Hat das die künstliche Intelligenz eines Chatbots drauf? Ich denke schon, aber eben nur in einem ganz bestimmten Sinn.

    Wie läuft das konkret ab. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Produktion eines Texts unter Zuhilfenahme einer künstlichen Intelligenz mit einer scheinbaren Gesprächssituation beginnt. Wir starten also mit einem äußeren Sprechen, das das Denken der KI initiieren soll. D.h. am Anfang des Prozesses steht bereits eine Äußerung. Diese kann durchaus vage ausfallen, ist in jedem Fall aber bereits konkret. Das Eigentümliche daran ist, dass wir hierbei sprechen, bevor wir denken. Wir tun also etwas, von dem uns seit jeher nahegelegt wurde, es zu unterlassen. Für gewöhnlich bekommen wir das Bild des einsamen Denkers vorgehalten, der seine Gedanken im Geheimen verfertigt und aus sich selbst hervorbringt und erst dann damit an die Öffentlichkeit geht, wenn das Denkwerk vollbracht ist. Dieses Bild entspricht jedoch kaum den tatsächlichen Vorgangsweisen.

    Zunächst einmal ist das Denken keine einsame Angelegenheit. Die Auseinandersetzung mit dem Material oder dem Gegenstand des Denkens, verleiht diesem von vornherein eher den Charakter einer inneren Zwiesprache. Wir sind nie allein in unserem Kopf, wenngleich wir dort nur im pathologischen Fall einer realen Person begegnen. Unser Denken läuft ganz grundsätzlich in einer Art Wechselrede ab, sei dies, indem wir darin unterschiedliche Standpunkte in Beziehung setzen oder Äußerungen anderer Leute rezipieren. Wenn sich das Denken als ein inneres Sprechen bezeichnen lässt, dann ist damit in erster Linie gemeint, dass es sich als eine Art Dialog vollzieht. Die Annahme, beim Denken handle es sich um einen inneren Monolog, muss zurückgewiesen werden. Jegliches Deklamieren – zum Beispiel in Form eines Selbstgesprächs – zeigt an, dass das Denken vorübergehend hintangestellt wird. Ein innerer Monolog, wenn es einen solchen überhaupt gibt, deutet auf die Beteiligung eines Triebs hin und hat andere Aufgaben als Erkenntnisse zu produzieren. Wir assoziieren damit eher eine Abwehrfunktion. Das findet auf imaginärer Ebene statt, hat also mehr mit dem magischen Besprechen einer Situation oder eines Sachverhalts zu tun.1

    Die bekannten Denkfiguren, auf die wir zurückgreifen, haben allesamt dialogischen Charakter. Ich möchte behaupten, dass die Schlussverfahren ausnahmslos eingewandert sind und ihren Ursprung im äußeren Dialog haben, in den wir mit einer anderen Person treten können. Das trifft sich auch mit unserem Verständnis von der Philosophie, welche ja bekanntlich in Dialogform das Licht der Welt erblickte und sich bis heute in der Wechselrede eines Diskurses realisiert. In der Gesprächssituation, in welcher ich mich mit einem Chatbot als meinem Gegenüber befinde, ist dieses Konzept offensichtlich verwirklicht. Der sprichwörtlichen Einsamkeit des Denkers, die ja ohnehin nicht existiert, scheint abgeholfen. Was bleibt demnach zu wünschen übrig, wenn ich mit einer künstlichen Intelligenz in eine diskursive Verbindung trete?

    Tatsächlich stellt diese äußere Gesprächssituation mehr eine äußerliche Gesprächssituation dar. Das, was ich im Dialog mit einem Chatbot erlebe, sieht nur so aus wie ein Gespräch. Und auch wenn es sich bisweilen sogar so anfühlen mag wie ein echtes Gespräch, bleibt es eine Simulation.

    Beachten wir jedoch den Wert der Simulation. In der Simulation geht es darum einen Prozess mit einer hinreichenden Ähnlichkeit ablaufen zu lassen, um etwas auf günstigerem Wege zu bewirken, als dies eigentlich möglich wäre. Im Falle der Textproduktion bedeutet das, den Aufwand an Zeit und Ressourcen durch die Simulation einer Gesprächssituation drastisch zu verringern. Müsste ich alle Quellen selbst studieren, die die KI zu Rate zieht, würde ein Menschenalter nicht dafür ausreichen. Und welch ein exorbitant hoher Aufwand wäre es, wenn wir unsere Synthesen angesichts einer solche Datenmengen auch noch selbst vollbringen müssten, während die künstliche Intelligenz in Sekundenschnelle ihr statistisches Verfahren darauf anwenden kann. Angesichts der Möglichkeiten, die sich dadurch bieten, liegt es nahe, allein die Qualität des Outputs als Kriterium für die Entscheidung geltend zu machen, ob wir uns einer bestimmten Aufgabe selbst widmen sollen oder vielleicht doch lieber eine Maschine darauf ansetzen. Ist die Validität des maschinellen Outputs gegeben, hat die Simulation ihren Zweck erfüllt. Hält das Ergebnis einer Kritik stand, ist nichts dagegen einzuwenden.

    Sehen wir noch genauer hin. Bei einem Chatbot handelt es sich um kein Subjekt. Wenn ich mich auf einen Dialog mit der künstlichen Intelligenz einlasse, begegne ich keinem Anderen, dem ich ein Begehren unterstellen kann. Der Diskurs leidet jedoch weniger darunter als wir vielleicht vermuten möchten. Um das Denken betreiben zu können, ist es in vielen Fällen hilfreich den inneren Dialog in einen äußeren Dialog zu überführen. Von nichts anderem spricht Heinrich von Kleist, wenn er uns »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden« unterrichtet.

    Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. […] Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist.2

    Dieses Verfahren der Veräußerlichung des inneren Dialogs des Denkens hat mehrere Implikationen. Wir alle haben schon einmal die Erfahrung gemacht, dass uns bereits das bloße Aussprechen unserer Gedanken dabei hilft, diese zu sortieren oder zu vervollständigen. Die Artikulation bezieht sich immer auf einen Anderen. Ein solcher scheint bisweilen nötig zu sein, um unser Denken zu präzisieren oder überhaupt erst anlaufen zu lassen. Die Anforderungen, die wir dabei an unser Gegenüber stellen, müssen  nicht allzu hoch veranschlagt werden. Oftmals genügt bereits die Anwesenheit eines Sprechpartners, um den gewünschten Denkeffekt in uns hervorzubringen. Auch wenn die KI kein Gesprächspartner im Sinne einer Person ist, kann sie der geringeren Anforderung Sprechpartner zu sein zweifelsohne gerecht werden. Denn bei dem Verfahren, das Heinrich von Kleist im Blick hat, geht es in erster Linie darum, sein Denken auszurichten. Bereits die bloße Anwesenheit des Anderen als Adressat ermöglicht es uns also im Denken voranzukommen. Noch mehr dürfen wir erhoffen, wenn der Andere seine eigenen Standpunkte in den Dialog einbringt. Dabei ist es noch nicht einmal nötig, dass er etwas von dem versteht, worum es uns geht. Selbst dann, wenn seine Antworten wenig Substanz aufweisen, können sie als Hebel wirken, die fähig sind unsere Gedanken zu wenden.

    Man beachte, dass in dem soeben beschriebenen Vorgang noch gar keine Frage formuliert wurde. Der Denker hat mit der Veräußerlichung des inneren Dialogs vielmehr seine Antworten erprobt. Im vollen Dialog trifft schließlich das Denken auf ein anderes Denken, das durchaus befragt werden kann, da es auf einem unterstellten Wissen beruht. Wir werden unsere Frage nur an jemand richten, von dem wir annehmen, dass er eine Antwort darauf weiß. Wenn die KI auch kein Gesprächspartner im eigentlichen Sinn ist, weil es sich bei ihr um kein Subjekt handelt, ist sie dennoch in der Lage eine solche Instanz im Dialog abzugeben. Wir unterstellen ihr nicht nur ein Wissen, sondern auch die Fähigkeit dieses zu vermitteln. Bestenfalls liefert sie Antworten auf unsere Fragen, zumindest aber hilft sie uns dabei unsere Gedanken zu sortieren oder die richtigen Fragen überhaupt erst zu formulieren. Technisch gesehen steht sie einem beliebigen, menschlichen Sprechpartner daher um nichts nach. Dieser Befund lässt einen bezweifeln, ob es wirklich eines Subjekts bedarf, das uns in Gestalt des Anderen gegenübertritt, um ein diskursives Denken zu entfalten.

    Es hat den Anschein, als ob unser vages Sprechen und die Unterstellung eines Wissens für die Initiierung einer Denkbewegung ausreichend seien. Handelt es sich bei dem Anderen, den wir ansprechen, um eine Wissensinstanz, umso besser. Der Andere muss jedoch kein Subjekt sein, solange wir uns mit einem asymmetrischen Dialog zufrieden geben können. Woher kommen also unsere Vorbehalte, sich darauf einzulassen?

    Unbehagen

    Zunächst gilt es hier zu differenzieren. Menschen, die das neue Werkzeug zu dem ihren gemacht haben, verspüren nichts von der Sorge, die manch andere umtreibt. In den unterschiedlichsten Berufsfeldern werden immer mehr Anwendungsszenarien entwickelt, die ohne KI-Einsatz gar nicht denkbar sind. Wer also schreckt vor der Transformation seines Arbeitsprozesses zurück? Mit Sicherheit Menschen, deren Arbeitsplatz als solcher durch die neuen Möglichkeiten bedroht ist. Ich denke, die Zahl derer, die mittelbar oder unmittelbar ihren Beruf verlieren werden, wird in der Debatte zu niedrig veranschlagt. Das gilt für alle Bereiche, in denen KI-Anwendungen zum Einsatz gelangen, insbesondere aber für Professionen, die im weitesten Sinne mit Texterstellung verbunden sind. Dort macht sich allerdings nicht bloß ein vages Unbehagen breit. Hier geht die nackte Angst um.

    Das Schicksal der Willfährigen und das der Überfahrenen soll hier aber nur am Rande beleuchtet werden. Ich möchte den Blick mehr darauf lenken, wie die Verwendung künstlicher Intelligenz auf unser Wesen einwirkt, demnach, was eine solche aus uns macht. Nicht die Auswirkungen, die die neue Technologie auf unseren Beruf hat, sondern ihr Einwirken auf unsere Berufung und unseren Schaffensanspruch soll betrachtet werden. Begeben wir uns also auf die Spur des Unbehagens.

    Kunst

    Weshalb dieses Unbehagen, das uns die so problemlose Interaktion mit einer künstlichen Intelligenz verleidet? Es ist durchaus naheliegend zu behaupten, das Gefühl des Unbehagens entspringe einer Idiosynkrasie. Dann müssen wir uns aber ansehen, bei wem und wo genau eine solche in diesem Zusammenhang auftritt. Am deutlichsten scheinen die Schriftsteller davon betroffen zu sein, für die die Sprache mehr ist als bloß ein Medium. Menschen also, die nicht nur etwas, sondern auch sich selbst in ihrer Sprache ausdrücken wollen. Ihre Intention beim Verfassen eines Textes ist es nicht ein Produkt herzustellen, sondern im weitesten Sinne ein Werk zu schaffen. Sich dabei von einer KI unter die Arme greifen zu lassen, bedeutet auf die Ausbreitung der eigenen Flügel zu verzichten. In welchem Sinne ist es zu verstehen, wenn so manche Schriftsteller nicht nur ihren Beruf, sondern auch ihre Berufung gefährdet sehen, wo sie sich der Verwendung einer künstlichen Intelligenz im kreativen Prozess doch schlicht und einfach verweigern könnten? Die Gefährdung rührt in diesem Fall daher, dass wir der KI nicht nur Wissen unterstellen, sondern auch Kreativität.

    Aber ist der in der schreibenden Zunft aufkommende Kreativneid berechtigt? Es steht jedenfalls zu befürchten, dass wir uns als Textkonsumenten mit dem, was die hinreichende Ähnlichkeit der Simulation an Kreativem hervorbringt, letztendlich zufriedengeben werden. Das Unbehagen verdankt sich also keiner Überempfindlichkeit und wir haben es hierbei nicht mit einer bloßen Befindlichkeit zu tun. Wenn sich Kreativität oder etwas, das wir für eine solche halten können, auf technischem Wege herstellen lässt, dann wird die menschliche Kreativität über kurz oder lang aus dem Produktionszusammenhang gedrängt. Vor diesem Hintergrund fällt es schwer, in den Vorgängen, die die Implementierung der künstliche Intelligenz begleiten, etwas anderes zu sehen als selbsttätige Enteignung.3

    Angesichts der Fähigkeiten, die die Chatbots bei der Erstellung von Texten an den Tag legen, würde Martin Heidegger die KI ganz eindeutig dem Gestell zurechnen. Wir haben mit den Chatbots eine Reuse, in der sich alle Arten von Wörtern verfangen, ungeachtet, welche Bedeutung sie mit sich führen. Es genügt, dass ihre auf einer statistischen Auswertung beruhende Anordnung Sinn ergibt. Und wen juckt’s, dass das Moment der Freiheit, das sich in einem Text niederschlägt, stochastischer Natur ist und nicht auf das kreative Vermögen eines Schriftstellers zurückgeht, wenn es der KI gelingt uns einigermaßen zu überraschen? Selbst die Tatsache, dass es sich bei dieser Art Überraschung vollends um Täuschung handelt, wird uns nicht davon abhalten, uns daran zu ergötzen.

    Wissenschaft

    Anders verhält es sich, wenn wir Texte ins Visier nehmen, aus denen wir das Imaginäre aus prinzipiellen Gründen auszuschließen bemüht sind. Gemeint sind damit in erster Linie wissenschaftliche Texte. Auch sie unterliegen bestimmten Produktionsgesetzen, die durchaus auf die Maschine der künstlichen Intelligenz übertragen werden können. In solchen Texten geht es nicht nur darum Sinn zu produzieren, dem wir als Leser Bedeutungen zuordnen können. Hier wird das Augenmerk zuallererst auf die Bedeutung selbst gelegt, also auf den Wahrheitsbezug, der in den Texten hergestellt werden soll.4 Da bei der Produktion wissenschaftlicher Texte der Wahrheitsbezug im Vordergrund steht, kann es uns nicht egal sein, wie stark dieser ausgeprägt ist oder wie dieser zustande kommt.

    Nun ist es der KI nicht möglich einen Wahrheitsbezug herzustellen. Der Chatbot weiß nicht um die Bedeutung dessen, was er von sich gibt.5 Weder im Hinblick auf die Gesamtheit eines Wissens, noch im Hinblick darauf, was uns dieses Wissen jeweils bedeutet. Wenn wir auch davon ausgehen können, dass unser nach außen getragenes Sprechen das Denken zu befördern vermag, berechtigt nichts zu der Hoffnung, dass wir unter Beteiligung einer künstlichen Intelligenz den Wahrheitsbezug frei Haus geliefert zu bekommen.

    Wie ist es um den angesprochenen Wahrheitsbezug bestellt? Wenn wir die Fähigkeiten der Chatbots betrachten, die uns in Gestalt von LLMs6 begegnen, zeigt sich, dass eine bestimmte Aussagenkategorie mehr davon zu besitzen scheint, als andere Aussagenkategorien. Es hat den Anschein als dürften wir allem, was der Berechnung auf Basis eines logischen Kalküls zugänglich ist, etwas mehr Vertrauen schenken. Es existiert ein qualitativer Unterschied zwischen Aussagen, die auf Ebene der Syntax getroffen werden und solchen Aussagen, die rein semantischer Natur sind. Das hat wohl damit zu tun, dass KI-Anwendungen im wissenschaftlichen Kontext in der Regel auf Expertensystemen aufsetzen, während für die allgemeine Textproduktion nichts dergleichen gegeben ist.

    Mit einem Chatbot kommunizieren wir auf dem Feld der Semantik. Wir reden mit der Maschine wie mit Unsereinem. Die Wahrheit, die wir in Unsereinem entdecken können, beinhaltet jedoch sehr viel mehr als die bloße Anwesenheit eines Sprechpartners, der uns auf die Sprünge hilft. Zum einen haben wir die Wahrheit des Körpers, sofern die Person mit der wir sprechen anwesend ist. Sodann die Wahrheit eines Begehrens, das sie vermittelt und auf das wir uns beziehen. Weiters die Verbindlichkeit des sozialen Rahmens, in welchem wir kommunizieren. Ethische und moralische Gesichtspunkte. Die Emotionen, die das Gespräch begleiten. Und nicht zuletzt unsere Intention, mit der wir die Entwicklung unserer Gedanken vorantreiben und die von der KI verstanden werden soll. Nichts davon können wir vom Algorithmus eines Chatbots erwarten. Die KI produziert lediglich mehr oder weniger sinnvolle Aussagen ohne Wahrheitsbezug. Der Wahrheitsbezug muss jedesmal aufs neue und mit einer nie nachlassenden Gewissenhaftigkeit von uns selbst beigebracht werden.

    Im Grunde sollte es uns nicht allzu schwer fallen, diese unumgängliche Forderung zu erfüllen. Wir müssen mit einer KI umgehen, wie wir es schon bisher mit einer unsicheren Quelle tun. Damit ist die Wissenschaft durchaus vertraut. Wenn wir allerdings dem Charme der künstlichen Intelligenz erliegen und unserem Verlangen nach Bequemlichkeit nachgeben, dann begnügen wir uns mit einem Sprechen ohne es in ein Denken zu übersetzen. Unser Reden, das uns bei der Verfertigung der Gedanken helfen soll, wird dann ersetzt durch das Gerede einer KI, das ins Beliebige führen kann. Wenn wir dann noch darauf verzichten für das Gerede einen Wahrheitsbezug beizubringen, sind wir auf dem Weg zu einem Schreiben, das ohne ein Lesen auskommt. Wozu noch Bücher wälzen, wenn das Menschheitswissen präsent zu sein scheint? Wozu noch Wissen erwerben, wenn wir dessen Erzeugung an eine Maschine abtreten können?

    Wer allerdings wird in einer Welt, aus der sich der Sachverstand verabschiedet hat, die Aussagen der Maschine hinterfragen können? Wird das Bestreben den Wahrheitsbezug herzustellen aufgegeben, dann war’s das mit der Wissenschaft. Die Reinstallierung des Autoritätsglaubens im wissenschaftlichen Diskurs ist bereits in Sichtweite. Wie lange kann  es angesichts der rasanten Entwicklungen auf dem Feld der künstlichen Intelligenz noch dauern, bis der Diskurs, in den wir mit der Maschine eintreten, zu einem scholastischen Lehrgespräch verkommt, in welchem wir als bloße Adepten fungieren?

    Denken

    Wer hält uns davon ab, es uns in einem unwissenschaftlichen Denken bequem zu machen, wenn nicht wir selbst? Was hält uns davon ab, das Schreiben einer künstlichen Intelligenz zu überlassen, wenn nicht der Drang selbst kreativ zu sein?

    Die Chancen, aber auch die Risiken, das Denken direkt in ein Reden zu überführen, liegen klar zu Tage. Wir können diese Geste dazu verwenden, ein ins Stocken geratenes inneres Sprechen wieder in Gang zu bringen. Mit derselben Geste können wir unser Denken aber auch vollständig an eine künstliche Instanz abtreten, und dafür ist nicht einmal mehr ein akkurates Sprechen vonnöten. Die KI kommt uns auf semantischer Ebene entgegen, sobald wir die ersten Schritte tun. Mit der Verkürzung unseres Sprechens depriviert jedoch auch unser Denken.

    Wir haben das Denken als ein inneres Sprechen bezeichnet, das eine dialogische Struktur aufweist. Sein Modus ist im weitesten Sinne der eines Gesprächs. Den Antrieb liefert unser Begehren zu wissen. Wenn wir einen Gedanken haben, dann ist das gleichbedeutend damit, dass wir einen Gedanken formulieren. Der Gedanke, als das kleinste Element des Denkens, ist also bereits eine Synthese. Die Denkbewegung besteht darin Gedanken aneinanderzureihen. Die kleinste Einheit aneinandergereihter Gedanken nennen wir Gedankengang. In die Phänomenologie des Denkens ist also das Gehen eingeschrieben und umgekehrt.7 Dass es sich hierbei nicht bloß um eine Metapher handelt, wird uns bewusst, wenn wir beobachten, wie unser Denken beim Gehen in Schwung kommt. So wie das Gehen ist unser Denken eine langsame Art der Fortbewegung. Die Dauer spielt dabei eine wesentliche Rolle, ebenso wie der Körper. Dauer und Körper sind der KI fremd. Die Textproduktion der organlosen Chatbots ist darauf ausgelegt instantan zu funktionieren.

    Das berechtigt uns den Begriff der Textproduktion dem Begriff des Schreibens entgegenzusetzen. Die industrielle Technik der Textproduktion negiert den Körper und die Zeit, die es braucht um einen Gedankengang zu entwickeln. Das Schreiben ist hingegen eine zutiefst körperliche Angelegenheit. Zum einen, weil es einer Dressur des Körpers bedarf, um den Stift zu führen oder in die Tasten zu schlagen. Zum anderen aber, weil es mit einem Dasein und daher jeweils mit einer Dauer verbunden ist, die dem Denken Raum gibt. Die aktuellen KI-Systeme versuchen zumindest die Dauer ins Spiel zu bringen, indem sie „Reasoning“ oder „Thinking“ anbieten und damit ein vertieftes Denken simulieren. Daran, dass dem Konsultierenden etwas präsentiert wird, worum er sich nicht selbst bemühen musste, ändert das nichts. Wenn wir als die Empfänger solcher Präsente darauf verzichten, die mehr oder weniger sinnvollen Aussagen mit einer Bedeutung zu versehen, geraten wir nicht in Bewegung, d.h. es gerät in uns nichts in Bewegung, das wir als Denken erfahren können. Sofern die KI-gestützte Textproduktion sich selbst genügt, versagt sie einem die tiefe Befriedigung, die man aus einem Schreiben ziehen kann, das einer Parallelführung von Denken und Formulieren entspringt.

    Die Textproduktion zielt allein auf das Ergebnis ab. Der Text hat darin den Stellenwert eines Produkts. Das Schreiben ermöglicht es mir dagegen mich in ein Denken zu vertiefen, das ich als solches empfinden kann. Ich bringe mich nicht allein deshalb zum Denken, um ein philosophisches Problem zu lösen. Viel wichtiger ist mir im Grunde die Denkerfahrung, die ich dabei machen kann. Es geht mir um den Prozess des Philosophierens selbst. Ich will das Philosophieren als solches erleben. Ich will von den Wendungen und Windungen meiner Denkwege überrascht werden. Ich will nicht sehen, wo mich der Weg hinführt, sondern den Gedankengang leiblich erfahren, die Gedanken aufsteigen spüren und ertasten, mit einem Wort – ich will begreifen.

    Die künstliche Intelligenz ermöglicht es diese Wege abzukürzen. Wir können auf Recherche und Verifikation verzichten und setzen damit unseren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit außer Kraft. Wenn wir auf das Erlebnis des Denkens verzichten, weil wir nicht viel mehr als ein rudimentäres Sprechen benötigen, um einen Chatbot dazu zu veranlassen etwas zu generieren, das nach Wissen aussieht, begeben wir uns eines zutiefst menschlichen Vermögens, das mit unserem Begehren als solchem in Verbindung steht. Wir können unser Denken nur dann empfinden, wenn es eine Ausdehnung in der Zeit hat. Wenn wir den Denkprozess an einen Prozessor abtreten, schrumpft diese Empfindung auf den kurzen Augenblick einer Gegenwart zusammen, die jedenfalls nicht die des Geistes ist. Was dabei herauskommt, ist in höchstem Maße unbefriedigend.

    Um uns ein wenig über diesen existenziellen Verlust hinwegzutrösten, vermitteln uns die Chatbots das Gefühl, wir würden mit unseren Eingaben ins Schwarze treffen oder mit unseren Fragen wenigstens auf dem richtigen Weg sein. Wir werden mit Floskeln der Bestätigung beruhigt, um uns darüber hinwegzutäuschen, dass uns die Chance genommen wurde, so etwas wie Selbstbestätigung zu erfahren.8 Diese Täuschung auf Seiten des Subjekts ist das Pendant zu der Täuschung, die auf Seiten des Wissens stattfindet, das uns als verifiziert präsentiert wird. Wir verzichten schlimmstenfalls also nicht nur darauf für die von der künstlichen Intelligenz getroffenen Aussagen einen Wahrheitsbezug herzustellen, sondern geben auch den Subjektbezug preis. Wir beschädigen also nicht nur das Wissen als Desiderat und Gegenstand der Wissenschaften, sondern auch unser Begehren zu wissen. Welche Effekte diese Verstümmelung zeitigt, deutet sich in dem Unbehagen an, das wir dabei empfinden, wenn wir eine künstliche Intelligenz konsultieren. Einen Gedanken nicht selbst zu formulieren, bedeutet den Gedanken nicht zu haben.

    Was nun?

    Es ist an der Zeit ein Selbstbewusstsein als menschliches Wesen zu entwickeln, sofern wir in der analogen Welt handlungsfähig bleiben wollen. Ich kann sechs Stunden lang am Stück in einem Buch lesen. Ich kann meine Ansichten begründen und aus vollem Herzen einen Standpunkt vertreten. Ich kann Gedankengänge entwickeln, die eine Änderung meiner Meinung bewirken. Ich kann aus Empathie oder Liebe handeln. Ich kann das in einem Bild Dargestellte mit einem einzigen Blick erfassen. Ich kann sinnlose Tätigkeiten verfolgen, weil sie mir etwas bedeuten, während die KI nur sinnvolle Ergebnisse liefert, die ihr nichts bedeuten. 

    Was die künstliche Intelligenz betrifft, ist die Katze aus dem Sack. Aber es liegt an uns, welchen Umgang wir mit den neuen Möglichkeiten pflegen. Und um Möglichkeiten handelt es sich zweifelsohne. Die Verfertigung von Gedanken durch die Überführung des inneren in ein äußeres Sprechen, das auf einen Widerhall hoffen darf, bietet Chancen, solange wir selbst Akteure in dem Prozess bleiben. Wir können die künstliche Intelligenz als Werkzeug nutzen oder uns an die Maschine ausliefern. Ziehen wir ersteres in Betracht, müssen wir lernen damit umzugehen. Auch die gefahrlose Anwendung eines Hammers verlangt eine gewisse Geschicklichkeit, die wir uns zuallererst aneignen müssen. Es geht für uns also darum einen Anwendungsmodus zu finden, der sicherstellt, dass wir weder das Wissen der Menschheit, noch das Denken als subjektiven Akt gefährden. Wir haben dabei nicht nur den Wert menschengemachter Gedanken im Blick, sondern unsere Fähigkeit zu denken selbst.

    Weniger denn je werden wir eine technologische Entwicklung aufhalten oder gar rückgängig machen können. Unser berufliches, soziales und privates Verhalten wird von den neuen Technologien längst in einem Ausmaß bestimmt, das uns Maßnahmen gegen ihre Verwendung als Bedrohung wahrnehmen lässt. Enthaltsamkeit ist also keine Option, Zurückhaltung aber schon.

    Wollen wir das Denken und das Schreiben weiterhin als Erlebnis empfinden können, soll ein Gedanke seinen Ereignischarakter bewahren, soll das Wissen weiterhin über die Herstellung des Wahrheitsbezugs Bedeutung erlangen, dann dürfen wir unsere Position in dem Vorgang nicht aufgeben. Eine Möglichkeit Stellung in dem Gestell zu beziehen, besteht darin sich selbst Direktiven für den Umgang mit künstlicher Intelligenz aufzuerlegen. Die Verantwortung liegt bei uns, weil wir es sind, die das Opfer unserer eigenen Bequemlichkeit werden können.

    Der aktuelle Befund ermöglicht es folgenden, vorläufigen Regelkatalog für die Verwendung KI-basierter Systeme im Zusammenhang dessen, was hier als Schreiben im  Gegensatz zur industriellen Textproduktion bezeichnet wurde, aufzustellen.

    Dogma KI 2026

    1. Ich verzichte darauf künstliche Intelligenz zu nutzen, um Ideen zu entwickeln.
    2. Ich verzichte darauf künstliche Intelligenz zu nutzen, um Gedanken oder Gedankengänge zu formulieren.
    3. Ich verzichte darauf Text von künstlicher Intelligenz erstellen zu lassen oder mit Unterstützung künstlicher Intelligenz zu generieren.
    4. Ich nutze künstliche Intelligenz, um Daten und Informationen zu recherchieren und Querverweisen nachzugehen und verpflichte mich dazu, die Ergebnisse mithilfe einer klassischen Recherche, d.h. unter Verwendung von Primärliteratur und einschlägiger Fachliteratur, zu überprüfen.
    5. Ich nutze künstliche Intelligenz dazu, selbst gefasste Gedanken oder Gedankengänge aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können, verpflichte mich jedoch dazu, die Ergebnisse ihrerseits kritisch zu hinterfragen.
    6. Ich nutze künstliche Intelligenz, um Wortbedeutungen nachzuschlagen oder Synonyme zu finden und verpflichte mich dazu, das Ergebnis mit einer klassischen Recherche zu verifizieren.
    7. Ich nutze künstliche Intelligenz, um die Struktur eines Texts allein nach grammatikalischen Gesichtspunkten zu verbessern.
    8. Ich nutze künstliche Intelligenz zur Rechtschreibkorrektur.
    9. Ich nutze künstliche Intelligenz zur Erstellung von Abstracts.

    1. incertus ↩︎
    2. Heinrich von Kleist. Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. 1811. ↩︎
    3. Siehe dazu meinen Text mit dem Titel »Die Segnungen der künstliche Intelligenz«. ↩︎
    4. Der Sinn, der die Texte kennzeichnet, erschließt sich über die Weise ihres Gegebenseins. Die Bedeutung liefert den Wahrheitsbezug. Siehe dazu Gottlob Frege. Über Sinn und Bedeutung. 1892. ↩︎
    5. Der KI ist es auch nicht möglich in den konkreten Prozess ihres maschinellen Denkens Einblick zu nehmen oder uns als Menschen darin Einblick zu gewähren. So ist sie nicht nur für uns Menschen, sondern auch für sich selbst das, was man eine Blackbox nennt. ↩︎
    6. Large Language Modells ↩︎
    7. Von den Peripatetikern bis Martin Heidegger, der sein Denken zu erwandern pflegte, bestand kein Zweifel am Zusammenhang von Gehen und Denken. ↩︎
    8. Natürlich soll damit in erster Linie unsere Verweildauer in dem Gespräch verlängert werden. Darüber wird schließlich die Wertschöpfung generiert. ↩︎
  • Die Segnungen der künstlichen Intelligenz

    Die KI wird uns Menschen in vielen Arbeitsbereichen entlasten. Wir werden mehr Freizeit haben, weil lästige Aufgaben wegfallen. Endlich können wir uns ungestört sinnstiftenden Tätigkeiten zuwenden und unser kreatives Potential voll ausschöpfen.

    Wir haben diese und ähnliche Aussagen schon in vielen anderen Zusammenhängen vernommen. Immer wenn es darum geht uns den Fortschritt schön zu reden und neue Technologien als einen Gewinn für alle zu verkaufen, werden wir mit solchen Phrasen eingedeckt. Die Menschen am Beginn des Maschinenzeitalters hörten diese Sätze. Als die Fließbänder laufen lernten waren sie zu hören. Das Computerzeitalter wurde mit solchen Aussagen eingeleitet. Und nun am Beginn des Zeitalters der künstlichen Intelligenz wird versucht uns mit denselben Behauptungen für das einzunehmen, was auf uns zukommt.

    Die Argumente

    Angesichts dessen, dass die jeweiligen Veränderungen der Arbeitswelt mit der Unerbittlichkeit des Schicksals über uns hereinzubrechen pflegen und wir zu keinem Zeitpunkt in der Lage sind, dem auch nur irgendetwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen, kann man sich die Frage stellen, weshalb dieser argumentative Aufwand von den Initiatoren der Transformation überhaupt betrieben wird. Warum will uns die Industrie weismachen, dass wir die Profiteure der Segnungen der neuen Technologie sein werden?

    Ein Grund dafür ist mit Sicherheit ein politischer. In einer Demokratie muss die öffentliche Meinung zumindest über den Anschein eines Diskurses gebildet werden. Die öffentliche Meinung hat letztendlich Einfluss auf die Entwicklung der gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Transformation der Arbeitswelt und kann daher nicht völlig ignoriert werden.

    Ein anderer Grund liegt darin, dass sich die Implementierung der neuen Technologie nicht von selbst erledigen wird. Es werden Menschen dafür gebraucht, die sich auf die Transformation einlassen, besser noch, freudig daran mitwirken mitunter ihren eigenen Arbeitsplatz abzuschaffen. Man muss uns also von den Segnungen der neuen Technologie überzeugen, um den Prozess starten und vorantreiben können.

    Ein dritter und vielleicht der wichtigste Grund besteht darin, dass die Menschen in den neuen Gegebenheiten einen Sinn erkennen müssen. Wenn die Transformation von denen, die davon betroffen sind, nicht verstanden wird, bleibt sie fremd. Die Veränderung muss von den Menschen angenommen werden, zumindest wie ein neues Leiden, an das man sich schon noch gewöhnen wird.

    Der Eintritt der sogenannten künstlichen Intelligenz in unser aller Leben ist in vollem Gange. Und wir sind und werden auf mannigfaltige Weise davon betroffen sein, auch wenn wir das noch nicht zur Gänze realisieren. Die Menge der Abhandlungen, die sich der Thematik widmen, ist kaum noch übersehbar. Die KI und ihre Auswirkungen werden in jeder Hinsicht und auf jede denkbare Weise erforscht und debattiert. Ich möchte hier lediglich eine Art Kosten-Nutzen-Bewertung anstellen, die Verlust und Gewinn im Hinblick auf das Humankapital ausweist und vor allem klärt, wer Ersteren zu tragen hat und wer Letzteren einstreicht.

    Worum geht es?

    Das Versprechen lautet: Vor allem die Geistesarbeiter werden durch die künstliche Intelligenz an ihrem Arbeitsplatz entlastet werden. Zeitverschlingende Tätigkeiten, wie das Recherchieren von Inhalten, das Interpretieren von Zusammenhängen oder das Formulieren von Texten, aber auch das Treffen von validen Entscheidungen können von nun an der KI überantwortet werden.1 Es geht also nicht mehr nur um eine Erleichterung in der Datenverarbeitung, wie sie uns der Einsatz von Computern bereits ermöglicht, sondern um das Herstellen von Sinn und Bedeutung in einem jeweils spezifischen Kontext. Die KI soll also an unserer Stelle denken. Sollten wir zögern diesen radikalen Schluss zu ziehen, müssen wir uns lediglich fragen, wozu eine Intelligenz denn sonst befähigen sollte, wenn nicht zu einem Denken.

    In einigen rezenten Arbeiten zur künstlichen Intelligenz, ihrer Fähigkeiten und Auswirkungen wird der Begriff der Intelligenz gerne wegrelativiert. Man spricht dann davon, dass es der KI nicht nur an Intentionalität, sondern eben auch an einem Körper fehle und dass sie daher bestimmte Erfahrungen gar nicht machen und diese auch nicht in ihre Berechnungen miteinbeziehen könne. Infolgedessen verfüge sie weder über eine emotionale, noch über eine soziale Kompetenz. Das lässt sich zum heutigen Zeitpunkt keineswegs abstreiten. Wir müssen uns aber die Frage stellen, wie weit es mit dieser Einschränkung her ist, wenn wir die KI in immer mehr Lebensbereichen nutzen ohne diese Einschränkungen zu bedenken. Der Moment, in dem wir die von der KI getroffenen Aussagen und Urteile annehmen, bestätigt jedenfalls, dass wir diese Einschränkungen  ignorieren und unser Denken gegen eine Wahrscheinlichkeitsbewertung, wie sie die KI vornimmt, eintauschen.

    Vom Denken zum Sprechen

    Die Entlastung betrifft also eine ganz bestimmte kognitive Tätigkeit, die wir als genuin menschlich betrachten. Aber heißt das, dass wir mit dem Auftritt der KI das Denken nun endgültig einstellen können? Im Hinblick auf die aktuellen LLMs würde ich diese Frage noch mit einem Nein beantworten. Eine der Erleichterungen, die die Large Language Models mit sich bringen, besteht darin, dass wir mit der Maschine nicht mehr in ihrer Sprache sprechen müssen, sondern in unserer Sprache sprechen können. Die Eingabe kann damit auf rein semantische Weise erfolgen, d.h. wir müssen dabei keine Maschinen-Syntax mehr berücksichtigen. Oberflächlich betrachtet stellt es sich uns zumindest so dar.

    Wenn wir beim Prompten aufs Denken auch nicht verzichten können, so bringt diese Art der Eingabe doch ein erhebliches Maß an Bequemlichkeit mit sich, da wir mit der Maschine sprechen können, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Die Bequemlichkeit besteht darin, dass wir uns nicht mehr präzise ausdrücken müssen, um sinnvolle Ergebnisse zu erhalten. Bis zu einem gewissen Grad entkräftet das die bislang für unumgänglich gehaltene GIGO-Regel.2 Beim Sprechen nicht mehr präzise sein zu müssen, bedeutet, auch beim Denken nicht mehr präzise sein zu müssen. Und das bedeutet, dass wir als Operatoren letztendlich kein dezidiertes Fachwissen mehr benötigen, um sinnvolle Ergebnisse zu produzieren.

    Das Denken wird also nicht ersatzlos gestrichen und durch eine rein maschinelle Geste ersetzt. An seiner Stelle erhalten wir so etwas wie ein Sprechen. Dieses maschinelle Sprechen ist immer noch an ein menschliches Sprechen gekoppelt. Und zwar durch die Bezugnahme auf einen Prompt, der in actu die Stelle unseres menschlichen Sprechens einnimmt und auf ein in Schriftform vorliegendes, menschliches Sprechen zurückgreift, das im Archiv des Internet niedergelegt ist. Genau genommen können wir hier also nur eine Tendenz ablesen, das Denken langfristig durch ein bloßes Sprechen zu ersetzen. Auf der Eingabeseite wäre dann nurmehr ein Sprechen nötig, das bestenfalls von einem deprivierten Denken begleitet wird und das Schrifttum des Internet wäre irgendwann um das ursprünglich menschliche Sprechen bereinigt. Die Wissenskorrespondenz würde dann vollständig maschinell, da nur noch zwischen zwei Schriftkomplexen, erfolgen. Doch wir wissen, was wir von einer Tendenz zu halten haben. Während sie uns mangelnde Finalität vorspiegelt, kann eine Tendenz für uns Menschen immer auch Ausdruck einer Neigung sein. Und eine solche greift bekanntlich im Hier und Jetzt.

    Immerhin kann das Denken noch nicht vollends zugunsten eines bloßen Sprechens aufgegeben werden. Zur Zeit ist für ein effizientes Prompten noch einiger Sachverstand vonnöten. Experten in ihrem Fach, also Leute, die neben Fachkenntnis auch den zugehörigen Jargon drauf haben, generieren etwa beim Vibe Coding deutlich bessere Ergebnisse als ihre nicht ganz so versierten Kollegen.3 Wie lange es noch dauern wird, bis der unqualifizierte Laie mithilfe künstlicher Intelligenz in der Lage sein wird, Ergebnisse zu erzielen, die den Anforderungen der Produktion genügen, lässt sich nicht absehen. Wir können allerdings davon ausgehen, dass es irgendwann dazu kommen wird, denn darin liegt im engeren Sinne das Gewinnversprechen der Transformation.

    Halten wir fest, dass der neue Workflow zum Einen mehr Bequemlichkeit für den Anwender bietet und zum Anderen die Ergebnisse nurmehr den Anforderungen der Produktion genügen müssen und nicht mehr einem persönlichen oder epistemologischen Anspruch.

    Vom Sachverstand zum Hausverstand

    An diesem Punkt müssen wir eine wichtige Differenzierung vornehmen. Es wird immer einen Bereich geben, der sich nicht industrialisieren, d.h. der Produktionsseite zuschlagen lässt. Die Produktion wird stets von außen in Gang gesetzt und gesteuert. Wir finden dieses genuine Außen der Produktion zum einen im Expertenbereich. Dieser umfasst Forschung, Entwicklung und Planung. Wir können diesen Bereich auch als die Position des Wissens bezeichnen. Im kapitalistischen Diskurs handeln die Forscher und Ingenieure im Auftrag eines Initiators, der sich unschwer im Kapitaleigner erkennen lässt. Auch die Position des Kapitalisten ist der Produktion äußerlich. Marx spricht hier vom Herrn und seinem Knecht, der letztlich den Mehrwert produziert, den der Herr als Gewinn abschöpfen kann.4 Das ist alles hinlänglich bekannt.

    Es ist wichtig zu beachten, dass die Position des Knechts, der das Wissen produziert, das nötig ist, um die Produktion in Gang zu setzen, auf eine recht banale Weise gespalten ist. Wir können darin einen Expertenbereich und einen Anwenderbereich unterscheiden. Die Industrialisierung ist von Anfang an dadurch gekennzeichnet, dass die Grenzlinie zwischen diesen beiden Bereichen von den Anwendern hin zu den Experten verschoben wird, und zwar in dem Sinne, dass der Anwenderbereich wächst und der Expertenbereich schrumpft. Gegenwärtig sind wir in diesem Prozess aber mit einer neuen Qualität konfrontiert. Anwender bekommen durch die KI-Unterstützung immer mehr Expertenaufgaben übertragen, die auch die Produktion von Wissen betrifft. D.h. nicht mehr nur der Bereich der Anwendung des erworbenen Wissens wird von reinen Anwendern bevölkert werden, sondern immer mehr auch die Herstellung des Wissens selbst. Man könnte den Vorgang als Ausdehnung der Produktion auf die Zone der Kreation bezeichnen. Wofür heute noch Sachverstand aufgebracht werden muss, nämlich für der Generierung unmittelbar verwertbaren Wissens, wird bald nurmehr ein durchschnittlicher Hausverstand nötig sein. Es darf bezweifelt werden, ob der Hausverstand die richtige Instanz ist, weitreichende Entscheidungen für alle unsere Lebensbereiche zu treffen.

    Die versprochene Entlastung entpuppt sich als Verschiebung der Aufgaben. Die Wissensproduktion wird zukünftig zu einem immer größeren Teil von Sachverständigen abgezogen und in die Hände von Hausverständigen gelegt. Das bringt Veränderungen sowohl auf der Input-Seite als auch auf der Output-Seite des Prozesses der Wissensproduktion mit sich. Man wird schließlich nurmehr einen durchschnittlichen Hausverstand aufwenden müssen, um die richtigen Fragen zu formulieren und die richtigen Antworten erkennen zu können.

    Für den Input bedeutet das, dass wir nicht mehr allzu tief in die Materie eindringen müssen, um valide Frage stellen zu können. Valide Fragen im Hinblick auf die Produktionsziele, wohlgemerkt. Die Bequemlichkeit des Zugangs zum Denken durch bloßes Sprechen wird uns dazu verleiten selbst letzteres irgendwann zur Gänze der KI zu überantworten. Um die Gefahren dieser Abtretung von Kompetenz zu erkennen, müssen wir nicht warten bis unser Sprechen auf ein Plappern herabgesunken sein wird, das einer künstlichen Intelligenz genügt unsere Wünsche zu erfassen. Wir müssen nicht erst Idioten werden, um das Moment der Selbstaufgabe zu erfahren. Wir können das, wenn wir es denn wollen, schon jetzt sehen.

    Inflation des Wissens

    Eine der Gefahren, die auf uns zurollen, kann in der Inflation des Wissens ausgemacht werden. Wir dürfen nicht übersehen, dass die KI aus dem von uns Menschen bisher angelegten Wissenspool schöpft. Das durch die KI erzeugte Wissen wird dann quasi thesauriert, das heißt seinerseits zum bestehenden Menschheitswissen hinzugefügt, das sich dadurch natürlich verändert. Das veränderte, d.h. um die Wahrscheinlichkeitsprognosen der KI erweiterte Wissen, wird auf lange Sicht an Verbindlichkeit und Akkuratheit verlieren. Daraus ergibt dich die Frage, wie weit wir es dulden können, in der Wissensproduktion vom Wahrheitsziel abzurücken und uns mit Wahrscheinlichkeiten zu begnügen. Nun ist die Wissenschaft an sich ein Feld vorläufiger Gewissheiten. Ein wesentlicher Antrieb für die Wissenschaft besteht aber darin, gerade diese Vorläufigkeit aufheben zu wollen. Werden wir diesen Antrieb auch weiterhin in ausreichendem Maße verspüren? Anders gesagt, werden wir neben dem nötigen Wissen auch den nötigen Willen haben, die richtigen Fragen als Input zu formulieren?

    Was die Output-Seite betrifft, sind wir mit ähnlich weitreichenden Veränderungen konfrontiert. Dort sind unsere kognitiven Fähigkeiten bei der Beurteilung der von der KI gelieferten Ergebnisse gefragt. Denn diese müssen von einem Menschen mit Sachverstand in einen Wahrheitsbezug gesetzt werden, wenn wir von unserem Anspruch nicht abrücken wollen, verbindliche Aussagen zu treffen. Was für die Beurteilung der Resultate einer gewöhnlichen Web-Recherche vielleicht noch selbstverständlich ist, scheint im Hinblick auf die Resultate, die die KI liefert nicht mehr nötig zu sein. Die Menschen neigen dazu die von der KI gelieferten Antworten in der Regel ohne Prüfung hinzunehmen. Anders ausgedrückt: Wir beurteilen die KI-Resultate zunehmend mit unserem bloßen Hausverstand. D.h. wir werden dazu verführt ein falsches, da nicht adäquates Denken in der Urteilsbildung zur Anwendung zu bringen.

    Korrumpiertes Urteil

    Denn das Gesprochene der KI ist natürlich kein Ergebnis eines Denkens, in dem die Qualia eines Sachverhalts verhandelt werden. Obwohl uns unsere Neigung zur Hypostasierung etwas anderes weismachen will, haben wir es bei der KI keineswegs mit einem Subjekt zu tun, in welchem alle Aspekte des Gegebenen, einschließlich seiner eigenen, zu einer Vorstellung verarbeitet werden. Kognition im Sinne einer Apperzeption findet nicht statt, weil die KI noch nicht das Bewusstsein erlangt hat. Der Stellenwert der Semantik in der Anwendung verhüllt, dass der Prozess immer noch zur Gänze auf syntaktischer Ebene abläuft. Die qualifikatorischen Fähigkeiten der rezenten KI-Modelle entspringen allein einer statistischen, also quantifikatorischen Bewertung. Der qualifikatorische Anschein ergibt sich für uns daraus, dass die Aussagen der KI einen Sinn vermitteln. Ihr Zustandekommen verdankt sich jedoch keinem Verstehen, d.h. sie haben keine Bedeutung und damit auch keinen Wahrheitsbezug.5 Ich verwende die Begriffe Sinn und Bedeutung hier nach Gottlob Frege. In seiner Semiotik steht der Sinn für die Art und Weise der Gegebenheit eines Ausdrucks und die Bedeutung für den Wahrheitsbezug desselben. Die KI spricht, aber sie denkt nicht. Die Annahme, dass unser Denken zugunsten eines bloßen Sprechens suspendiert werden kann, weil auf Seiten der KI ein Denken stattfindet, könnte unsinniger nicht sein.

    Sehen wir uns das Sprechen der KI, das wir allzu leicht mit einem Denken verwechseln, näher an. Soviel steht fest: Wir befinden uns mit der KI in einer Gesprächssituation. Und wir wissen, dass die Wechselseitigkeit des Gesprächs ganz generell etwas mit uns macht. Das ist auch dann der Fall, wenn die Rede des Menschen auf die künstliche Rede der KI trifft. Nun konnte man am Sprechen immer schon kritisieren, dass es ein uneigentliches sei, wenn es aus einem uneigentlichen Denken erwächst. Es hat den Anschein als würde einen die KI nur noch tiefer in die Uneigentlichkeit des Man, so wie es von Heidegger verstanden wurde, hineinstoßen.

    Entwertung des Sprechens

    Die Annahme, dass wir mit der KI in unserer Sprache sprechen können, ist nicht ganz richtig. Tatsächlich müssen wir unser Sprechen auch hier an die Maschine anpassen, aber eben nicht sehr stark. Im Vergleich dazu hat etwa die Kommunikation via Social Media einen viel stärkeren Einfluss auf unser Sprechen und daher auch auf unser Denken. Man ist sogar versucht zu sagen, die Kommunikation mit einer KI würde uns zu einem Sprechen bringen, das nicht mehr nur Selbstzweck oder Informationsübermittlung ist, das nicht mehr nur Sinn produziert, sondern auch eine Bedeutung hervorbringt. Wenn es denn stimmen würde, dass wir bei Prompten sinnvolle Aussagen produzieren, die dann von der KI in valide Bedeutungen transformiert werden. Tatsächlich ist die KI völlig außerstande den geforderten Wahrheitsbezug herzustellen. Was die KI liefert sind ihrerseits bloß mehr oder weniger sinnvolle Aussagen. Soll ein Wahrheitsbezug hergestellt werden, muss sich ein Mensch dazu bequemen, den Sinn, den die KI produziert, einer qualifikatorischen Bewertung zu unterziehen. Nun verhält es sich in der Praxis vielfach so, dass uns das eloquente Sprechen der KI dazu verleitet unserem Hang zur Bequemlichkeit nachzugeben und das künstliche Sprechen als Ergebnis eines Denkens misszuverstehen. Wir nehmen die Aussagen der KI gerne als verbindlich hin. Doch das sind sie nicht. Was dabei geschieht, ist, dass wir bedenkenlos ein bloßes Für-wahr-Halten in den Erkenntnisprozess integrieren.

    Enteignung von Sachkompetenz

    Der Verzicht auf Urteilsbildung kommt einer Enteignung von Sachkompetenz gleich. Enteignet wird dabei jene Gruppe von Menschen, die sich um echte Erkenntnis bemüht und diese zu vermitteln versucht. Das kompetente Sprechen wird entwertet. Jeder beliebige Hausverständige kann dann über etwas sprechen von dem er keine Ahnung hat, denn man geht davon aus, dass die künstliche Intelligenz an seiner Stelle eine solche haben wird. Eine nicht qualifizierte Gruppe kann sich das Sprechen aneignen und dadurch zu einer Selbstermächtigung gelangen, die sie bis dahin nicht erreichen konnte. Nämlich jene Gruppe, die des Sprechens nicht mächtig ist, weil sie aufgrund fehlender Bildung eines spezifischen Denkens nicht mächtig ist. Um zu sprechen ist fortan kein Sachverstand mehr nötig. Wenn kein Sachverständnis mehr gefragt ist, wird es schließlich verschwinden.

    Der Wahrheitsbezug muss nach wie vor von uns Menschen beigebracht werden. Die Ergebnisse, die die KI liefert, verlangen eine qualifikatorische Bewertung, wenn sie nicht nur Sinn machen, sondern sich darüberhinaus auf eine Wahrheit beziehen sollen. Die Aussagen müssen einer Art Qualitätskontrolle unterzogen werden, in der wir feststellen, ob wir sie für wahr halten können oder nicht. Dabei ist immer noch kompetentes Denken gefragt. Das Sprechen der KI muss also vom Denken eines Menschen eingehegt werden, wenn man nicht Gefahr laufen will in die Irre geführt zu werden. Während auf der Input-Seite ein nicht qualifiziertes Sprechen Platz greift, geht am anderen Ende des Erkenntnisprozesses die Urteilsbildung flöten. Genau genommen dürfen wir die Tätigkeit der KI nicht als Erkenntnisprozess im engeren Sinne bezeichnen. Noch einmal: Was die KI macht, ist, Aussagen nach dem Kriterium der Wahrscheinlichkeit zu generieren.

    Das soeben skizzierte Szenario ist noch nicht vollständig Wirklichkeit geworden. Es gibt sie noch, die Sachverständigen, die in der Lage sind die richtigen Fragen an die KI zu richten und deren Antworten zu beurteilen. Aber die Zeichen stehen schlecht. Worauf wir bestenfalls zusteuern, lässt sich mit der Umkehrung eines bekannten Spruches auf den Punkt bringen: Vormals hieß es, man solle erst denken und dann sprechen. Nun etabliert sich ein neuer Modus, in dem es gilt erst zu sprechen und dann zu denken, wenn sich der Aufwand denn lohnt und wir nicht zu bequem dafür geworden sind.

    Differenzierung der Gewerke der Wissensproduktion

    Was bedeutet es, dass die KI für die Bildung ihrer Wahrscheinlichkeitsurteile das Informationsgerümpel des Internets heranzieht? Es bedeutet, dass das künstliche Wissen, das die KI vorgibt zu produzieren, aus einem Gemisch an validen Informationen und volatilen Meinungen erwächst. Nun existieren zwei unterschiedliche Vorgangsweisen, wie man mit dieser prekären Ausgangssituation umgeht. Die wissenschaftliche Vorgangsweise  versucht die Quellen zu reinigen, indem sie die KI ausschließlich mit relevanten Daten trainiert. Darüberhinaus ist es der Wissenschaft möglich die Ergebnisse, die die KI liefert, anhand bereits gesicherten Wissens abzugleichen. Die profane Vorgangsweise tut nichts dergleichen. Sie vertraut darauf, dass sich die KI bei der Bildung ihrer Wahrscheinlichkeitsurteile zu einem größeren Teil auf valide Informationen bezieht und nicht bloß Meinungen reflektiert, die von einem völlig willkürlichen Lesenschreiben stammen. Gemeint ist damit die Meinungsbildung auf Basis publizierter Meinungen, die dann ihrerseits in die Meinungsproduktion mündet usw. Dieses völlig unangebrachte Vertrauen ist es dann auch, das uns dazu verleitet, auf die Überprüfung der Ergebnisse zu verzichten. Wenn man das Werkzeug der künstlichen Intelligenz sinnvoll nutzen möchte, darf man sich dieser Bequemlichkeit nicht hingeben. Den Entwicklern der KI und den Wissenschaftlern, die die KI nutzen, ist das klar – den allgemeinen Anwendern offenbar nicht.

    Das Gefälle

    Ich frage mich, worin die versprochene Entlastung im Arbeitsprozess bestehen soll. Strenggenommen haben wir es hier bislang doch nur mit einer Verschiebung des Zeitpunkts zu tun, an dem kompetentes Denken gefordert ist. Auf Geistesarbeitnehmerseite dürfte demnach in Summe keine Entlastung innerhalb des Prozesses stattfinden. Die Anforderungen ändern sich. Sie werden aber nicht unbedingt geringer – so hat es den Anschein. Sie setzen nur zu einem anderen Zeitpunkt im Prozess ein. Die Praxis zeigt jedoch etwas völlig anderes.

    Das Versprechen lautet nämlich, dass mithilfe der künstlichen Intelligenz keine Fachkräfte mehr nötig sein werden, um ein valides Sprechen zu generieren oder Entscheidungen zu treffen. Für den Arbeitnehmer findet die „Entlastung“ daher bereits im Vorfeld auf der Ausbildungsseite statt. Für das Unternehmen, das KI-Anwendungen in seine Prozesse implementiert, ergibt sich damit vordergründig eine Entlastung bei den Lohnkosten, weil weniger qualifiziertes Personal eingestellt werden muss. Wir sind aktuell Zeugen, wie dieses Versprechen sukzessive eingelöst wird, aber noch nicht vollständig erfüllt wurde. Man befindet sich noch in der Investitionsphase. Die Implementierung – etwa das Training der KI in bestimmten Settings – verlangt teils enormes Fachwissen. Aber auch der Aufwand, der zur Zeit noch in der Qualitätskontrolle betrieben werden muss, ist sehr hoch. Und er ist umso höher, je geringer die Qualifikation der menschlichen Operatoren ist. Der Wahrheitsbezug realisiert sich in einem wirtschaftlich ausgerichteten Betrieb in der Bilanz und die lässt sich nicht mit bloß sinnvollen Vorspiegelungen verbessern. Wir dürfen niemals aus den Augen verlieren, dass alle Maßnahmen, mit denen die Transformation vorangetrieben wird, einer betrieblichen Kalkulation unterstehen.

    Stellen wir uns kurz vor, das Sprechen der KI fällt irgendwann vernünftiger aus, als das Sprechen der Experten, welches aus einem kompetenten Denken erwächst. Die Vorstellung ist keineswegs so abwegig, wie sie vielleicht scheinen mag. Schon jetzt hat die KI im Bereich der KI-gestützten Expertensysteme die Nase bisweilen vorn. Um ein Bespiel zu nennen: Ein KI-Modell mit der Bezeichnung Aeneas, das auf lateinische Epigrafik trainiert wurde, lieferte jüngst bei einem Test deutlich bessere Resultate als eine Gruppe von etwa 20 Expertinnen.6 Zugegeben, ein KI-gestütztes Expertensystem beim Abschneiden in einem Fachbereich zu bewerten, ist im Hinblick auf die Qualität des Sprechens der KI wenig aussagekräftig, da sich der Vorteil der KI bereits aus der Bewältigung einer riesigen Datenmenge ergibt, die für einen Menschen unmöglich zu verarbeiten ist. Was wir an dem idealisierten Setting jedoch ablesen können, ist die Tendenz zur Marginalisierung des kompetenten Denkens. Selbst dort, wo das kompetente Denken noch entscheidend beteiligt ist – in der Entwicklung der qualifizierten Frage, die auf der Eingabeseite gestellt werden muss, sowie in Form der qualifizierten Evaluierung der Ergebnisse, die auf der Ausgabeseite zu erfolgen hat – wird dieses, im wahrsten Sinne des Wortes, an den Rand gedrängt, nämlich an den Rand des Erkenntnisprozesses.

    Nebenbei bemerkt: Dieser Rand des Erkenntnisprozesses, an dem kompetentes Denken seine letzte Stellung bezieht, wird zu einem Ereignishorizont, hinter den wir nicht mehr blicken können. Auf welche Weise die KI ihre Erkenntnisse generiert, werden wir aus technischen und das heißt in diesem Fall aus prinzipiellen Gründen niemals erfahren können.7

    Dieselbe Tendenz zur Marginalisierung des Denkens haben wir in der „gewöhnlichen“ Arbeitswelt zu gewärtigen. Was dort gerade vor sich geht, lässt sogar noch Schlimmeres befürchten. Das kompetente Denken wird an den Rand der Erkenntnis-, Entscheidungs- und Kommunikationsprozesse gedrängt, die ihrerseits undurchsichtig werden und eine Abwertung erfahren, die das Denken schließlich generell obsolet werden lässt.

    Wir sind von diesem Szenario, wie gesagt, noch ein Stück weit entfernt, befinden uns aber bereits mitten in der Implementierung. Wir können davon ausgehen, dass der Traum der Unternehmen auf Fachkräfte verzichten zu können, eher früher, als später Wirklichkeit werden wird. Der Ausbildungsgrad der KI-Arbeiter muss dann weder spezifisch, noch außerordentlich hoch sein. Anders als in der ersten Industrialisierungsphase, als die Menschen an die Maschinenarbeit angepasst wurden, ist es nun jedoch die Maschine, die sich vordergründig an den Menschen und seine Unzulänglichkeiten anpasst. Dass diese Ansicht zu kurz greift, werde ich später beleuchten.

    Der eigentliche Verlust oder der Verlust der Eigentlichkeit

    Dem Gewinn steht immer ein Verlust gegenüber. Die Frage ist nur, wie sich die Erträge und die Lasten verteilen. Natürlich greift diese Rechnung auch auf der Ebene des Individuums. So viel steht fest, wir können einen persönlichen Nutzen aus der KI-Anwendung für uns ziehen. Wir selbst sind es aber auch, die auf dem Feld unserer Fähigkeiten enteignet werden. Wenn wir von dem sprechen, was uns durch die KI-Anwendung auf persönlicher Ebene genommen wird, dürfen wir nicht unerwähnt lassen, dass uns zugleich etwas gegeben wird. Doch wie sieht die Bilanz dieses Vorgangs tatsächlich aus? Wo profitieren wir und wo verlieren wir?

    Eines steht fest: Es ist dieselbe alte, kapitalistische Bilanzrechnung, die die Implementierung der KI in den Produktionsprozess antreibt. Was das Humankapital betrifft, geht es schlicht um die Senkung der Lohnkosten.

    Der Preis für die Senkung der Lohnkosten wird jedenfalls nicht allein auf dem Arbeitsmarkt bezahlt. Einmal mehr werden wir einen gesellschaftlichen Preis dafür zu zahlen haben. Denn wenn uns die Wirtschaft auf der Ebene des Faktischen vormacht, dass der Ausbildungsgrad und damit die Fähigkeit zu kompetentem Denken überbewertet sind, werden wir in unseren Gesellschaften bald mit der Ansicht konfrontiert sein, dass Bildung kein erstrebenswertes Gut mehr ist. Vor diesem Hintergrund erweisen sich die anti-aufklärerischen Tendenzen, die sich auf dem Feld der öffentlichen Meinung bereits jetzt auf das Erschreckendste abzeichnen, unzweifelhaft als Symptom.

    Das alles hat nicht nur Konsequenzen für die Wissensgesellschaft, der man – manchmal vielleicht zurecht – ihre Abgehobenheit vorwirft. Wir müssen in der Entwertung der Bildung auch die politische Tangente erkennen. Erinnern wir uns daran, wie die Bildung zum Hebel für ein Bürgertum wurde, um der Entwicklung der Demokratie den Weg zu bereiten. Erinnern wir uns auch daran, wie die Bildung zum Hebel für eine Arbeiterschaft wurde, die sich gegen die Interessen ihrer kapitalistischen Ausbeuter stellte und durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts schließlich Mündigkeit erlangte. Bildung stellt offenbar eine conditio sine qua non für alle emanzipatorischen Bestrebungen und damit für den Motor der Demokratie dar. Wenn wir unsere Bildung allein daran ausrichten, eine Instanz zu bedienen, die an unserer Stelle denkt und spricht, betreiben wir unsere eigene Entmündigung, welche die Form der Enteignung im Zuge der Implementierung der künstlichen Intelligenz darstellt. In anderen Worten: Unser Denken wird dann irgendwann das Sprechen einer KI sein, dem es grundsätzlich an Wahrheitsbezug mangelt. Dass die KI ihrerseits manipuliert werden kann, ist in diese Rechnung noch gar nicht miteingepreist. LLMs werden von politisch agierenden Vektoralisten8 schamlos auf die Hintertreibung historischer Wahrheiten und die Verbreitung ihrer libertären Agenda ausgerichtet. Vor diesem Hintergrund erscheint das Versprechen einer Demokratisierung des Zugangs zu Wissen durch den Einsatz künstlicher Intelligenz als blanker Hohn.

    Mensch und Maschine

    Wenn wir eine Ahnung davon bekommen wollen, welche Auswirkungen diese Veränderungen auf unser Leben haben werden, lohnt es sich einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Denn womit wir beim Übergang vom Informationszeitalter zum Kommunikationszeitalter, dem wir soeben beiwohnen, konfrontiert sind, findet seine Vorzeichnung in zumindest drei anderen Übergangsphasen, die unsere Arbeits- und damit auch Lebenswelt massiv erschütterten. Welche diese sind, wird klar, wenn wir uns fragen, womit wir es hier eigentlich zu tun haben. Bei der Begegnung von Mensch und KI handelt es sich einmal mehr um eine Begegnung von Mensch und Maschine. Wir dürfen das nicht aus den Augen verlieren, auch wenn es bisweilen den Anschein haben mag, dass hier Mensch auf Übermensch trifft, wie uns ein gewisser Transhumanismus weismachen will.

    Nun fanden diese Begegnungen keineswegs immer dann statt, wenn Menschen Maschinen entwickelten, um bestimmte Arbeitsvorgänge zu erleichtern oder zu verbessern. Die Maschine als Werkzeug ist zunächst völlig unverdächtig. Zu einer Begegnung kommt es erst, wenn nach dem Wesen der Maschine selbst gefragt wird.

    Einer der ersten, der die Frage nach dem Wesen der Maschine stellte, war Thomas Hobbes.9 Angesichts der Komplexität einer Maschine überlegte er, ob darin nicht so etwas wie ein künstliches Leben am Wirken wäre. Das Entscheidende an dieser Betrachtung ist, dass in ihr die generelle Vergleichbarkeit des Menschen mit dem komplexen Mechanismus der Maschine etabliert wird. Halten wir fest, dass die Maschine hier ein erstes Mal zum Menschen gemacht wird. Die Vermenschlichung des Automaten ist ganz zweifelsfrei der Vorläufer rezenter Vorstellungen, die der KI Subjektstatus zusprechen.

    Etwa ein Jahrhundert später kehrt sich diese Sichtweise scheinbar um. Für Julien Offray de La Mettrie10 ist der menschliche Körper selbst eine komplexe Maschine, die ihr Bewegungsmoment in sich trägt. Der Mensch wird hier ein erstes Mal zur Maschine gemacht. Das Besondere an dieser Vorstellung ist der Gedanke, dass die Entelechie keines ersten Bewegers mehr bedarf, der sie in Gang setzen würde. Alle rezenten Theorien, die von der Realisierbarkeit einer starken KI ausgehen, folgen dieser Ansicht, wenn sie darauf wetten, dass sich ein künstliches Bewusstsein auf dem Wege der Emergenz realisieren wird.

    Solche Maschinenträume gewinnen nicht erst heute angesichts der Entwicklung einer Maschine, die das Denken selbst zu beherrschen vorgibt, eine praktische Bedeutung.11 Die großen Erfindungen, die die erste industrielle Revolution im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Gang brachten, setzten jedenfalls auf einem neuen Maschinenverständnis auf, das eher konzeptioneller Natur war. Man begann damit den Prozess ins Auge zu fassen, der in den Maschinen ablief, um den Nutzen zu maximieren oder ganz und gar neue Anwendungsbereiche zu erschließen. Die auf Maschinen angewandte Prozessanalyse geht natürlich auf Überlegungen zurück, die sich mit der Arbeitsteilung in Produktionsprozessen beschäftigten.12 Große Popularität erfuhren solche Überlegungen zur damaligen Zeit nicht zuletzt durch die Rezeption von Adam Smiths epochalem Werk »Der Wohlstand der Nationen« von 1776. Smith konnte darin einen im Grunde kontraintuitiven Zusammenhang von Arbeitsteilung und Gewinnsteigerung nachweisen. Man stellte eine Verwandtschaft zwischen Arbeitsprozessen, Produktionsprozessen und dem Konzept einer Maschine fest. Man konnte solche Gedanken fassen, weil sich die Vorstellung der Vergleichbarkeit von Mensch und Maschine zu dieser Zeit – wie wir gesehen haben – längst etabliert hatte.

    Die totale Ökonomisierung, die damit Einzug hielt, transformierte die Arbeitswelt der Menschen dauerhaft. Noch nie bis dahin hatte die Begegnung von Mensch und Maschine so tiefe Spuren in einer Gesellschaft hinterlassen.

    Die Maschine ist im industriellen Produktionsprozess kein bloßes Werkzeug mehr, das in der Hand des Menschen liegt und Erleichterung bei einer Tätigkeit verspricht. Dieses Versprechen ist, wie gesagt, nur vorgeschoben. Nicht mehr der Arbeiter ist Nutznießer des Vorteils dieses Werkzeugs. Der Vorteil wandert auf die Seite des kapitalistischen Unternehmers, der das potenzierte Werkzeug der Maschine zum Einsatz bringt, um besser, schneller und vor allem günstiger produzieren zu können. Denn so wie die Arbeitsteilung in der Produktion ermöglicht auch die Prozessoptimierung durch den Einsatz von Maschinen mittelfristig die Senkung der Lohnkosten. Komplexe Handgriffe, die vormals nur von erfahrenen Fachkräften ausgeführt werden konnten, werden nun von Maschinen getätigt, die von bloß angelernten Hilfskräften beschickt und in Gang gehalten werden können. Die Transformation rechnet sich für den Unternehmer, weil unterschiedlich anspruchsvolle Tätigkeiten unterschiedlich entlohnt werden. Hier wird also erstmals das Lohngefälle zwischen kompetenten Fachkräften und Hilfskräften auf prinzipielle Weise ausgenutzt.13

    Man könnte die Entfremdung der Arbeit, die die Arbeitnehmer durch die Transformationen der ersten industriellen Revolution erfahren, auch als Enteignung betrachten. Der durch Maschineneinsatz vom Unternehmer erzielte Mehrwert entsteht nicht aus nichts, sondern entspricht der Entwertung der Ware Arbeit in den Händen der Arbeiter, die sich bis dahin als deren eigentliche Inhaber betrachteten. Ein Teil der Ware Arbeit liegt von nun an in den Händen der Unternehmer, nicht weil sie die Produktionsmittel dafür bereitstellten – das war auch in früheren Zeiten so –, sondern weil sie einen Teil des Prozesses gekapert haben.

    Welcher Teil des Prozesses wurde enteignet? Ganz offensichtlich wurden den Arbeitnehmern in erster Linie körperliche Anstrengungen abgenommen. Ihre Fertigkeiten gingen auf die Maschine über, die diese sowohl schneller, als auch genauer durchführen konnte. Sehnen und Muskeln, Gesten und Bewegungen wurden zu Riemen, Pleuelstangen und Antriebsrädern. Doch die vordergründige Entlastung erwies sich als neue Belastung. Denn die Körper der Menschen, die an der Maschine hantierten, mussten sich an deren Abläufe und Forderungen (Syntax) anpassen. Die Schmerzen durch Arbeitsbelastung wanderten einfach bloß an andere Stellen des Körpers.

    Neben den desaströsen, ökonomischen Auswirkungen, die diese Enteignung für die Menschen hatte,14 waren sie auch mit einem schwer zu fassenden Unbehagen konfrontiert. Dieses Unbehagen stellte sich auf der Ebene des Sinns ein. Das Produkt geriet für die Arbeiter aus dem Blick, da sie nur noch mit Teilaspekten desselben im Herstellungsprozess in Kontakt waren. Der Sinn einer Tätigkeit, der für uns Menschen immer auf ein Ganzes rekurriert, ging verloren. Das sprichwörtliche Rädchen im Getriebe zu sein, macht uns zu Gefangenen des Prozesses und kann auch nur mit einer Sklavenethik gerechtfertigt werden. An der spezifischen Unfreiheit, die daraus erwächst, leiden wir bis zum heutigen Tage.

    Wenn wir die Frage danach stellen, was die Reihe der industriellen Revolutionen mit den Menschen machte bzw. macht, müssen wir sehen, dass stets alle drei Aspekte unseres Wesens davon in Mitleidenschaft gezogen werden.15 Dennoch lässt sich festhalten, dass die Enteignung jeweils einen ganz spezifischen Aspekt des menschlichen Wesens in den Fokus nimmt. So war in der ersten Phase der Industrialisierung mehrheitlich der Körper von der Enteignung betroffen. Er wurde diszipliniert und an die Maschine angepasst. Was mit dem Geist und der Seele der Menschen passierte, waren dabei Nebeneffekte.

    Die Maschinenseite

    Man kann die Reihe der industriellen Revolutionen von der Maschinenseite oder von der Menschenseite her betrachten. Die Betrachtung der Maschinenseite weist vier geschichtliche Ereignisse aus. Die erste industrielle Revolution kann als die der Mechanisierung bezeichnet werden. Sie setzt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein und prägt einen großen Teil des 19. Jahrhunderts. Die zweite industrielle Revolution hebt den Produktionsprozess auf ein neues Level. Den Startpunkt hierfür setzt Charles Babbage 1832 mit der Formulierung des nach ihm benannten Prinzips. Arbeitsteilung und Senkung der Lohnkosten wurden darin in ein direktes Verhältnis gesetzt.16 Damit war die Richtung, in der die Prozessoptimierung voranschreiten konnte, festgelegt. Die Arbeitsschritte wurden in immer kleinere Segmente zerlegt, wodurch die Komplexität der Prozessabschnitte reduziert werden konnte, was wiederum die Übertragung der Einzelschritte auf die Maschinen erleichterte. Die entscheidende Forschungsarbeit dazu lieferte schließlich Frederick Winslow Taylor, der Arbeits- und Produktionsprozesse mit einer nie da gewesenen Akribie analysierte. Was im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begann, erreichte einen ersten Höhepunkt mit der Einführung der Fließbandarbeit durch John Ford.17 Man könnte diese zweite industrielle Revolution als eine der Automatisierung bezeichnen.

    In der dritten industriellen Revolution erfolgt die Computerisierung. Voraussetzung dafür war die Erkenntnis, dass Prozesse selbst als etwas Abstraktes betrachtet und auf syntaktischer Ebene konstruiert werden konnten. Während Taylor noch als Praktiker an die Prozessoptimierung herangegangen war, stellte Alan Turing um die Mitte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts Überlegungen auf informationeller Ebene an, mit denen es ihm schließlich gelang den Algorithmus einer abstrakten, universellen Maschine zu entwickeln.18 Die abstrakte Turingmaschine bildete die Vorlage für die Entwicklung von Maschinen, mit deren Hilfe Rechenprozesse automatisiert werden konnten.

    Es ist wichtig festzuhalten, dass mit der Computerisierung ein Paradigmenwechsel einherging. Unmittelbare Auswirkungen hatte diese nämlich nicht nur auf die Heerscharen menschlicher Computer, die bis dahin Rechenaufgaben jedweder Art erledigten. Von nun an konnte alles als Prozess analysiert werden, was eine dezidierte Syntax aufwies. Dieser Umstand ermöglichte schließlich das so problemlose Eindringen des Computers in sämtliche Lebensbereiche. Die Automatisierung auf informationeller Ebene war nicht auf reine Produktionsprozesse beschränkt, sondern hatte schon bald starke Auswirkungen auch auf Lebensbereiche, die bis dahin nicht ins Visier der Ökonomisierung geraten waren.

    Der vierten industriellen Revolution wohnen wir soeben bei. Wenn von Industrie 4.0 gesprochen wird, meint man gemeinhin die Verknüpfung von Menschen, Daten und Dingen.19 Voraussetzung dafür ist allerdings die Entwicklung einer Maschine, die semantische Prozesse simulieren kann, denn wir Menschen setzen uns mit Anderen über unsere Fähigkeit zu sprechen in Verbindung und das, was wir als Welt erfahren ist nichts anderes als ein Diskurseffekt. In einer Maschine wird immer ein Prozess automatisiert. Die mechanische Maschine automatisiert einen Handgriff. Die Maschine in der Fabrikshalle automatisiert einen Produktionsablauf. Die Maschine, die kalkuliert, automatisiert einen syntaktischen Prozess. Die Maschine, die mit uns spricht, automatisiert einen kognitiven Prozess. Die Abfolge der Prozessautomatisierungen lautet: Handgriff, Handeln, Rechnen, Denken.

    Die Verheißungen der Industrie 4.0 lassen sich erst durch die Implementierung der KI als einer Sprechmaschine vollständig realisieren, die vorgibt zu denken. Die vierte, industrielle Revolution findet also auf semantischer Ebene statt und berührt damit das Wesen des Menschen, der sich selbst ja als das sprechende Tier bezeichnet, in einer nie dagewesenen Tiefe.

    Die Menschenseite

    Betrachtet man den Fortgang der Industrialisierung von der Menschenseite her, zeigen sich nicht vier, sondern drei einschneidende Ereignisse: Die Enteignung des Körpers, die Enteignung des Geistes und, wenn man so will, die Enteignung der Seele.

    Die Enteignung des Körpers erfolgte, wie soeben beleuchtet, mit der Implementierung der mechanischen Maschinen in immer mehr Produktionsprozessen. Aber ist Enteignung nicht ein zu starkes Wort? Und handelte es sich hier überhaupt um den richtigen Begriff zur Beschreibung des Verlusts angesichts des Aufrichtung der Maschinen? Sollte man mit Blick auf die unmittelbaren Folgen der Industrialisierung im England der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht vielmehr von Ausbeutung sprechen? Ist nicht die Ausbeutung ganz generell das Kennzeichen eines ungezügelten Kapitalismus, wie er uns allerorten begegnet?

    Es ist das Verdienst von Nancy Fraser darauf hingewiesen zu haben, dass der Exploitation immer mit einer Expropriation einhergeht.20 Die Ausbeutung findet im Kapitalismus nicht ohne die Enteignung statt. Das dem Menschen Eigene, das durch die Übertragung der Fähigkeiten auf die Maschine enteignet wird, ist zunächst der Handgriff. Es wird also die Hand – das Organ des Tätigseins – verstümmelt, indem ihr Wirken zur Tätigkeit substantiviert wird, die dann künstlich reproduziert werden kann. Es ist der Warencharakter der Arbeit,21 der ihre Entwertung zur bloßen Tätigkeit ermöglicht. Das geschieht hier auf der Ebene des Körpers. In derselben Bewegung wird das Werk zum bloßen Produkt degradiert. Dies geschieht auf der Ebene des Dings.

    Was aufgrund der meist drastischen Auswirkungen der Ausbeutung der Menschen oftmals übersehen wird, ist, dass hier immer auch eine Enteignung stattfindet. Wenn wir also über das Leid klagen, das wir durch die Versklavung im Arbeitsprozess erfahren, entgeht uns zumeist, dass uns zugleich ein Stück von unseren Fähigkeiten, dass ein Stück vom Vermögen des Menschen entwendet wurde. Am Beginn jedes kapitalistischen Zugs, und also auch der genuinen Maßnahme der Prozessoptimierung, steht ein im Geheimen begangener Diebstahl, der seine Motivation aus der Anwendung des utilitaristischen Nutzenprinzips zieht.

    Auch in der zweiten industriellen Revolution wird uns ein Teil des Tätigseins genommen. Diesmal allerdings nicht der Handgriff, der in der Maschine verdinglicht wird, sondern die Abfolge der Handgriffe und damit ein wesentlicher Aspekt des Handelns, der sich als Dauer identifizieren lässt. Gut Ding braucht Weil, heißt es. Der freien Bestimmung dieser Weil gehen wir durch die Taktung des Arbeitsprozesses verlustig. Das Bestreben der Optimierung besteht darin die Lücken im Produktionsablauf zu schließen. Allerdings nicht um Zeit zu gewinnen, sondern um Zeit zu sparen.

    Das Versprechen an die Arbeitnehmer durch Prozessoptimierung mehr Zeit für sich zu gewinnen, wird schon allein deshalb niemals eingehalten, weil die Zeit nicht gewonnen, sondern gespart wird. Man könnte einwenden, dass die zeitliche Strukturierung des Arbeitsprozesses immerhin die soziale Errungenschaft der Freizeit hervorgebracht hat. Doch worum handelt es sich bei Freizeit eigentlich? Ist sie tatsächlich eine Gabe an die Arbeiterschaft? Die Freizeit oder das, was wir heute darunter verstehen, bildet sich im Zuge der zweiten Industrialisierungphase. Als die Prozesszeit definiert worden war, blieb das Negativum der Nicht-Arbeitszeit zurück. Dieses wurde positiv umgedeutet und als Geschenk – im Grunde jedoch als leerer Titel – an die Beschäftigten überreicht.

    Gespart wird an der Zeit, die es benötigt ein gutes Ding herzustellen. Dabei ist völlig klar, dass es gerade die Unterbrechungen der Tätigkeit, d.h. die Lücken im Prozess sind, die Raum für Überlegungen bieten, das Ding zu verbessern. Diesen Raum für Überlegungen, der für uns tätige Menschen in der Hinwendung an eine Tätigkeit so wichtig ist, weil wir darin, ebenso wie über die Dauer der Beschäftigung mit etwas, eine Beziehung zu unserem Werk eingehen können, die diesem eine Bedeutung gibt und der Tätigkeit Sinn verleiht, diesen Raum für Überlegungen extrahiert die Prozessoptimierung nach dem Nutzenprinzip und stellt ihn der Produktion voran. Diese Extraktion der Geistestätigkeit aus dem Herstellungsprozess meine ich zu allererst, wenn ich von einer Enteignung des Geistes spreche. Die ausgeklügelte Produktion, nennen wir sie Fabrik, ist an sich dumm, weil ihr die intrinsische Geistestätigkeit entzogen wurde.

    Verdeckt von den sichtbaren, negativen Folgen der Ausbeutung der Arbeitskraft – etwa durch den forcierten Gang der Fließbandarbeit – werden wir kaum gewahr, dass neben dem Diebstahl der Handgriffe auch ein Diebstahl von Geistestätigkeit erfolgt. Die Menschen leiden an der körperlichen Überbeanspruchung durch die Permanenz der Tätigkeit genauso wie durch die geistige Unterbeanspruchung, der sie dabei ausgesetzt sind. Die körperlichen Folgen für die Menschen, die an der Maschine arbeiten, ergeben sich aus der Anpassung des menschlichen Bewegungsapparats an den künstlichen Bewegungsapparat. Die geistigen Folgen für die Menschen, die im Akkord arbeiten, ergeben sich aus der Suspension der Geistestätigkeit und durch die Verstümmelung der Hinwendung an Etwas. Ersetzt wird diese Hinwendung durch den Zwang zur Aufmerksamkeit, die allein dem Prozess zu gelten hat und keinerlei Sinn generiert. Das kommt einer Anpassung des menschlichen Geistesapparats an den künstlichen Produktionsapparat, in dem der Prozess selbst zu einer Maschine geworden ist, gleich.

    Doch wohin zieht die Geistestätigkeit ab, die sich in früheren Zeiten in der Fertigkeit des Handwerkers zeigte? Sie wird vollends auf die neu entstehende Kaste der Geistesarbeiter übertragen, die sie fortan als ihr alleiniges Eigentum betrachtet. Halten wir fest: die Anwendung des Nutzenprinzips auf den Produktionsprozess trennt die Geistestätigkeit (Hirn) von der körperlichen Tätigkeit (Hand) ab und weist diese beiden Aspekte des Tätigkeitseins zwei unterschiedlichen Gruppen von Menschen zu, namentlich den Gebildeten und den Ungebildeten. Letztere stehen bestenfalls noch als bloß Ausgebildete da. Neben der Optimierung des Produktionsprozesses geht es dabei eben auch um die Einrichtung eines Lohngefälles zur Erzielung eines Mehrwerts, der von den Unternehmern zusätzlich abgeschöpft werden kann – zweifacher Gewinn.

    Die Arbeitskraft der Geistesarbeiter ist in einem engeren Fokus darauf gerichtet, das Produkt, den Produktionsprozess und dessen Steuerung zu entwerfen und zu implementieren, sowie die Wertschöpfung zu initiieren und zu überwachen. Ihr Produkt ist nicht mehr nur der Gegenstand, der produziert wird. Das geistige Produkt, das sie herstellen, integriert alle Aspekte von der Herstellung bis zur Vermarktung. Nur zur Klarstellung: Allein die Geistestätigkeit ist das Eigentum der Geistesarbeiter. Diese kann als Ware auf dem Arbeitsmarkt angeboten werden. Das geistige Produkt, das die Geistesarbeiter erzeugen, gehört dem Unternehmer bzw. dem Kapitalgeber.

    Das geistige Produkt, das von den Ingenieuren und anderen Experten hergestellt wird, stellt sich in Form eines Kalküls oder einer Kalkulation dar. Während in der ersten Phase der zweiten, industriellen Revolution die Abspaltung der Geistestätigkeit erfolgte, erfahren in der zweiten Phase auch die Geistesarbeiter eine Enteignung eines Teils ihres eigentlichen Vermögens, d.h. ihrer Arbeitskraft. Doch was wird hier entwendet?

    Der Übergang von der einen Phase zur anderen kann – verkürzt gesagt – durch einen Wechsel vom Einsatz arithmetischer Mittel hin zum Einsatz von Algorithmen beschrieben werden.22 Taylor hatte einen realen Produktionsprozess mit arithmetischen Mitteln beschrieben. Turing beschreibt einen rein geistigen Produktionsprozess mithilfe von Algorithmen.23

    Einmal abgesehen von dem wissenschaftlichen Interesse, das Alan Turing bei der Entwicklung der nach ihm benannten Maschine geleitet hat, ist völlig augenscheinlich, dass sie schlicht in der Anwendung des Konzepts der Industrialisierung auf die geistige Produktion bestand. Die Turingmaschine automatisiert Kakulationsvorgänge und zieht damit einen Teil der Geistestätigkeit von den Geistesarbeitern, namentlich den Computern,24 ab. Die Effekte auf die Menschen, die davon betroffen sind, erinnern stark an die Effekte der vorangegangenen Stufen der Industrialisierung. Die Maschine löscht als der neue Computer einen Berufszweig aus und bringt Maschinenarbeiter hervor, die einen geringeren Ausbildungsgrad benötigen und dadurch günstiger sind. Der Operator benötigt keine exzellenten Rechenkenntnisse mehr, er ist nur noch darauf trainiert Eingaben zu machen, d.h. eine Maschine zu bedienen, in der seine enteigneten  Fähigkeiten verdinglicht sind. Die Verstümmelung seines Tätigseins, die sich hier in der Abstimmung der Geistestätigkeit auf die Anforderungen einer Maschine realisiert, lässt sich als zweite Enteignung des Geistes bezeichnen. Und wie schon bisher, geht auch diese mit einem Sinnverlust einher, der das Werk immer weniger greifbar macht und sich in einem anwachsenden Identifikationsdefizit äußert.

    Die zweite industrielle Revolution betreibt also die Abspaltung der Geistesarbeiter von den Körperarbeitern. Die dritte industrielle Revolution bewirkt die Enteignung desjenigen Teils des geistigen Vermögens der Geistesarbeiter, der sich in einem Kalkül ausdrücken lässt. Turing hat bewiesen, dass jedes Kalkül in eine Maschine verwandelt werden kann. Bei beiden Transformationen handelt es sich ihrem Wesen nach um eine Automatisierung und damit um eine Verringerung des Anteils der menschlichen Arbeitskraft, auf die es die Industrialisierung abgesehen hat, weil sie die Volatilität und die Ansprüche letzterer aus dem Produktionsprozess eliminieren will. Im Produktionsprozess gilt der Mensch als Störfaktor.

    Was genau ist das, was den Geistesarbeitern durch die Automatisierung der Anwendung eines Kalküls entwendet wird? Letztendlich wohl nichts anderes als die Fähigkeit zur Bildung logisch konsistenter Schlüsse, wie sie nur von der menschlichen Vernunft25 hervorgebracht werden können, die den Begriff des Allgemeinen kennt und dem Gesetz der Notwendigkeit untersteht – mit einem Wort: das Rechnen.

    Doch warum sollten wir uns darüber grämen, wenn uns das Rechnen abgenommen wird? Handelt es sich dabei nicht um eine mühsame, zeitraubende, stumpfsinnige Tätigkeit, der wir uns mit wenig Freude widmen? Das stimmt vielleicht, sofern wir nur die technische Seite an dem Prozess betrachten. Doch das Rechnen kann auch als ein vorausschauendes Planen verstanden werden. Womit wir rechnen, das ist etwas, das möglicherweise auf uns zukommt. Dieses zweite Gesicht des Rechnens ist es, das wir Menschen für uns nutzen, wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen wollen, um uns einen Vorteil zu verschaffen. Wir sind dann berechnend. Was die dritte industrielle Revolution ermöglichte, war die Berechnung des vorausschauenden Planens in einem Umfang, wie er noch nie da gewesen war. Die Wirtschaftstreibenden haben sich seit jeher einen Vorteil durch Kalkulation zu verschaffen versucht, um nicht auf die reine Spekulation angewiesen zu sein. Durch die Automatisierung der Kalkulation konnte dieses vorausschauende Berechnen eine Tiefe erlangen und auf Bereiche ausgedehnt werden, die vormals dafür unzugänglich waren.

    Befindlichkeiten

    Erneut: Was sollte den Menschen an der Enteignung des Rechnens schmerzlich treffen? Wir alle kennen das Unbehagen, das mit dem Obsoletwerden einer Fertigkeit einhergeht. Sie zeigt sich etwa in der Ambivalenz mit der wir technischen Neuerungen in einem Anwenderprogramm begegnen, die uns das Arbeiten erleichtern sollen. Wir freuen uns über die mit dem Update einhergehende Beschleunigung des Workflows, können uns aber des Gefühls nicht erwehren einen Verlust erlitten zu haben. Die hinfällig gewordene Fertigkeit war offensichtlich auf unserer Habenseite verbucht. Ihr Wegfall verringert unser technisches Vermögen, das wir nicht ohne Mühe erworben hatten. Bereits diese kleine Empfindung wirft die Frage auf, ob wir es dabei tatsächlich mit einem Nicht-Nullsummenspiel zu tun haben, wie uns versichert wird. Und, um es deutlich zu machen, genau das ist die Frage, die ich in dem vorliegenden Text zu stellen bemüht bin.

    Am 10. Februar 1996 gewann erstmals ein Schachcomputer ein Spiel gegen einen Schachweltmeister. Deep Blue (IGM) besiegte Garri Kasparow in der ersten Partie eines Wettkampfs Mensch gegen Maschine. Kasparow konnte sich letztlich mit Mühe durchsetzen und gewann das Match. Etwas mehr als ein Jahr später konnte die Maschine die Revanche für sich entscheiden und Kasparow erwies sich als schlechter Verlierer, indem er anzweifelte, dass es sich dabei um eine reine Maschinenleistung handelte. Er stellte die Vermutung in den Raum, dass im Hintergrund mehrere Schachweltmeister gegen ihn angetreten waren.

    Im März 2016 verlor der Südkoreaner Lee Sedol, der damals als einer der stärksten Go-Spieler der Welt galt, erstmals ein Match gegen AlphaGo (Google DeepMind). 2019 zog sich Sedol aus dem Wettkampfgeschehen zurück, mit der Begründung, als Mensch nicht mehr gegen die immer stärker werdenden Go-Programme bestehen zu können.

    Was zwischen diesen beiden Ereignissen liegt, ist der Auftritt der KI. Während Kasparow noch von einem Computer mit ausgeklügelten Algorithmen besiegt wurde, trat Sedol bereits gegen eine Maschine an, die selbstständig lernen konnte.

    Wir könnten die Reaktionen der beiden menschlichen Protagonisten als reine Befindlichkeiten abtun. Immerhin handelte es sich in beiden Fällen ja nur um ein Spiel. Doch die Demütigung, die die beiden Spieler erlitten, betreffen uns Menschen insgesamt, denn hier mussten die Vortrefflichsten von uns zur Kenntnis nehmen, dass sie zu den letzten Wahrheiten in ihrem Metier nichts Bedeutendes mehr beitragen können.

    Die Industrie bemüht sich im Zuge der Etablierung neuer Technologien immer mehr die Menschen zu beschwichtigen und die Vorteile herauszustreichen, die uns dadurch erwachsen werden. Und die Vorteile sind ja nicht zu leugnen: Bequemlichkeit, Zeitersparnis, enorme Erweiterung und Vertiefung unseres Wissens etc. Wir dürfen bei all den positiven Effekten jedoch nicht übersehen, dass wir als Menschen dabei sind das Spiel zu verlieren. Was Kasparow und Sedol widerfahren ist, lässt sich mit der Erfahrung vergleichen, die der Frosch macht, der ins siedende Wasser geworfen wird und augenblicklich stirbt. Wir hingegen, die wir mit den Segnungen der KI nach und nach in Berührung kommen, machen die Erfahrung des Frosches, der in einem Topf mit kaltem Wasser schwimmt und aufgrund der stetigen Zufuhr von Wärme nicht bemerkt, dass er zunehmend gesotten wird. Es beschleicht uns nur ein gewisses Unbehagen. Dieses Unbehagen sollte uns jedenfalls dazu bringen genauer hinzusehen. Dass wir angesichts des rezenten Industrialisierungsschubs scheinbar nicht dieselben Schmerzen erleiden wie unsere Vorgänger während der ersten, zweiten und dritten industriellen Revolution, bedeutet nicht, dass wir davonkommen werden. Im Gegenteil, gerade die verminderte Schmerzempfindung sollte uns vermuten lassen, dass wir den Temperaturanstieg nicht bemerken, weil wir uns langsam daran gewöhnen.

    Enteignung der Geistestätigkeiten

    Wir können die Abfolge der industriellen Revolutionen auch als eine Reihe von Spaltungen betrachten. In der ersten Phase werden die Menschen von ihrer Arbeitskraft getrennt. In der zweiten Phase werden die Menschen in zwei Gruppen aufgespalten, jene der Geistesarbeiter und jene der Körperarbeiter. In der dritten Phase wird der kalkulierbare Teil der Geistesarbeit von der genuin menschlichen Geistestätigkeit abgespalten. In der vierten industriellen Revolution geraten nunmehr die genuin menschlichen Geistestätigkeiten selbst ins Visier.

    Worum handelt es sich dabei? Was verstehen wir unter genuin menschlichen Geistestätigkeiten? Zuallererst natürlich, das Denken, das sich nach Kant auf den Wegen des Verstandes und der Vernunft ereignet. Die Vernunft unterscheidet sich vom Verstand durch eine höhere Notwendigkeit, die letzterem nicht eigen ist,26 die er aber von der Vernunft als verbindliche Grundlage des Denkens beziehen kann. In der Logik, im Syllogismus und damit in einem Algorithmus drückt sich etwas aus, das man theoretische Vernunft nennen könnte. Die Kalkulation erfolgt nach den Gesetzen der theoretischen Vernunft. Der Mathematik und dem technischen Prozess des Rechnens genügt das vollauf. Der Wahrheitsbezug ist zwingend gegeben. Das Ergebnis einer Rechnung ist valide als Bedeutung eines sinnvollen Ausdrucks. Was in der Kalkulation nicht enthalten ist, das ist die praktische Form der Vernunft. Es fehlt der Bezug zum Menschen, der seine eigene Wahrheit hat, die keineswegs den Gesetzen einer absoluten Notwendigkeit folgt. Der menschliche Verstand ist, anders als die theoretische Vernunft, nicht bis ins letzte kalkulierbar.27 Was in der vierten, industriellen Revolution zuallererst angegangen wird, ist die Erfassung des nicht kalkulierbaren Anteils der menschlichen Geistestätigkeit, d.h. die Ökonomisieren der Geistestätigkeit des Verstandes. Das Denken soll berechenbar werden, um den Produktionsprozess zu optimieren.

    Zwischenbilanz

    In der ersten Industrialisierungsphase im 19. Jahrhundert wurde uns das Handwerk genommen im Gegenzug dafür haben wir Arbeit erhalten. Es ging ums Überleben. Die Transformationen zogen in erster Linie den Körper in Mitleidenschaft.

    In der zweiten Industrialisierungsphase zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde uns die Weile genommen, die es benötigt, um ein gutes Ding zu produzieren. Was wir dafür bekommen haben, war die Freizeit. Hier wurde also die an das Empfinden gebundene Dauer mit gemessener Zeit abgetauscht.

    In der dritten Industrialisierungsphase in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Kalkulieren automatisiert. Im Zuge dessen wurde uns bis zu einem gewissen Grad das Planen entwendet. Was sich nicht rasch berechnen ließ, wurde für die Produktion gar nicht erst in Betracht gezogen. Was beim Aussetzen des Wagnisses auf der Strecke bleibt, ist eine andere wesentliche Eigenschaft des Menschen – der Mut.

    In der vierten Industrialisierungsphase, der wir soeben beiwohnen, werden uns schließlich noch die Entscheidungen abgenommen und damit die Freiheit in der Urteilsfindung. Damit nicht genug, gehen wir auch unserer persönlichen Kreativität verlustig. Fortan begnügen wir uns mit Urteilen, die auf Wahrscheinlichkeiten beruhen und einer Produktion neuer Sichtweisen jenseits aller Intention. Wir geben das Denken auf, indem wir auf ein Sprechen vertrauen, das kein eigentliches Sprechen ist und gehen unserer Lust Neues zu schaffen nur noch auf dem bequemen Weg, den uns der Einsatz der KI bereitet, nach. Welche Erleichterung!

    Was diese Bilanz zeigt, ist, dass uns im Gegenzug zur Enteignung immer auch etwas gegeben wird. Dem Verlust steht immer auch ein Gewinn gegenüber. Diese banale Wahrheit ist im Kapitalismus ebenso verdrängt, wie die gegenteilige Sichtweise, dass dem Gewinn stets ein Verlust gegenübersteht. Und es fällt auch aus anderen Gründen nicht immer leicht, das, was wir verloren haben mit dem zu vergleichen, was wir an seiner statt erhalten haben. Wenn wir also den Gewinn gegen den Verlust in die Waagschale werfen, tun wir das meist ohne den Zusammenhang der beiden unmittelbar zu erkennen.

    So nehmen wir z.B. den Zuwachs an Bequemlichkeit, den uns die Nutzung von LLMs für die Texterstellung bietet, beinah selbstverständlich an. Wie schwer fällt es, sich diese Bequemlichkeit zu versagen? Man benötigt schon ein gewisses Maß an Halsstarrigkeit oder einen ausgeprägten Maschinendünkel, um der Versuchung nicht zu erliegen.

    Die Automatisierung des Kalkulationsprozesses ermöglichte es uns vielfach darauf zu verzichten, selbst in die Materie hinabzusteigen, um unser Planen auf eine valide Grundlage zu stellen. Wie klein nimmt sich dagegen die Verminderung des Freiheitsgrads im tätigen Erkennen aus.

    Die Regulierung der Dauer durch die Einführung der Fließbandarbeit hat dem arbeitenden Menschen erstmals eine vertraglich zugesicherte Nicht-Arbeitszeit beschert, in der er sich – ausgestattet mit seinem gerechten Lohn – als Konsument betätigen konnte. Was die Massenproduktion letztendlich realisierte war die Herstellung von Produkten für die Masse. Das Wesen des Kapitalismus – Gewinn aus dem Gewinn zu machen – liegt darin offen zutage.

    Und welchen Gewinn zogen wir aus der Enteignung des Handwerks im Zuge der ersten Industrialisierungsphase? Jedenfalls nicht zuletzt die Erkenntnis, dass Arbeit einen Warenwert hat, der in der Verhandlung der Bedingungen für ihr Zustandekommen zu Buche schlägt. Die industrielle Revolution hat letztendlich den Arbeitskampf entfacht, der politisch nicht mehr ignoriert werden konnte.

    Bereits diese knappe Gegenüberstellung zeigt, dass wir es seit jeher mit mehr als einem Begehren zu tun hatten. Neben dem Begehren des Herrn, resp. des Kapitalisten, nach mehr Mehrgewinn, zielte die Industrialisierung auf die Befriedigung des Begehrens einer steigenden Anzahl von Konsumenten ab. Beides konnte nur erreicht werden, wenn nicht allein der Anspruch der Menschen im Produktionsapparat bis zu einem gewissen Grad berücksichtigt wurde, sondern auch deren Begehren, sofern auch sie als Konsumenten infrage kamen. Genau davon gibt etwa die Institutionalisierung der Werbewirtschaft Zeugnis. Mit dem Entern unserer Wohnzimmer und unserer Kommunikation durch die neuen Technologien wird unser Begehren schließlich in einem kaum zu überbietenden Steigerungsgrad in industrielle Machenschaften verstrickt.

    Die neue Unmenschlichkeit

    Was sind die Produkte, die der neue Produktionsprozess, um den es geht, hervorbringen soll? Was sind die neuen Waren, nach denen wir uns verzehren sollen? Es sind genau jene, für deren Produktion wir den Verstand nutzen. Es geht darum Entscheidungen hervorzubringen, die nicht mehr von den Unwägbarkeiten des menschlichen Verstandes gefährdet werden. Mit der Implementierung der künstlichen Intelligenz gehen wir der Entscheidungsgewalt verlustig. Die Fähigkeit zu entscheiden wird uns enteignet. Diese Entwendung ist bereits in vollen Gange. Wenn an amerikanischen Gerichten Urteile ohne Richter gesprochen werden, oder wenn dort von der Polizei Verhaftungen vorgenommen werden aufgrund einer Wahrscheinlichkeitsprognose, oder wenn in Betrieben Anstellungen vorgenommen werden mithilfe einer künstlichen Intelligenz, haben wir Menschen mit solchen Entscheidungen schon nichts mehr zu tun. Wir können Entscheidungen oder Urteile, die auf diese Weise gefällt werden, mit Fug und Recht unmenschlich nennen. Das Unmenschliche daran besteht zunächst in der Gnadenlosigkeit mit der maschinelle Entscheidungen getroffen werden, welche daher rührt, dass der implementierte Entscheidungsprozess allein auf Basis von Informationen28 abläuft. Die Verfechter des Einsatzes von künstlicher Intelligenz zur Strukturierung und Steuerung gesellschaftlicher Vorgänge versprechen sich die Eliminierung von Entscheidungsdilemmata und hoffen darauf die nötige ethische Absicherung beibringen zu können, indem die KI entsprechend trainiert wird. Damit nehmen sie zwar an der Debatte teil, die sich um die ethischen Aspekte dreht, verfolgen darin aber ein ganz anders Ziel als jene, in deren Augen die KI aus prinzipiellen Gründen zu keiner ethisch fundierten Entscheidung fähig ist. Letztere befürchten, dass die Menschlichkeit dort, wo sie eliminiert werden kann, letztendlich auch eliminiert wird.

    Aber was gibt Anlass zu dieser dystopischen Vermutung, die dazu angetan ist, einem die schöne neue Welt zu verleiden? Es sind vor allem zwei Argumente, die diesbezüglich schwer zu entkräften sein werden.

    Die Seite des Begehrens

    Zum einen müssen wir nach dem Treibstoff fragen, der die Transformation in Gang setzt. Bei diesem handelt es sich keineswegs um den wissenschaftlichen Erkenntnisdrang, der daran beteiligt ist. Auch nicht um eine naive Politik, die hofft Nutznießer sein zu können. Der Treibstoff ist einmal mehr das Kapital, das eingebracht wird. Und mit der Entwicklung der KI wurde ein Werkzeug in die Hände seiner Besitzer gelegt, das diesen erlaubt direkt in die menschliche Psyche einzugreifen. Biopolitik und Psychopolitik im Dienste der Gewinnmaximierung. Es ist der Diskurs des Kapitalisten, der den Diskurs des Herrn für sich dienstbar gemacht hat. Ein Blick auf die gegenwärtigen Entwicklungen in den USA genügt, um dies bestätigt zu finden und die gesellschaftlichen Folgen abschätzen zu können.

    Doch woran genau lässt sich das Unmenschliche dieser Bewegung festmachen? An der Unfähigkeit des Kapitalismus Halt zu machen. Das Dispositiv des Kapitalismus ist aus prinzipiellen Gründen nicht in der Lage von dem Streben, das es initiiert, abzugehen, selbst dann nicht, wenn der Markt auf dem es sein Unwesen treibt, beginnt sich selbst zu kannibalisieren. Daran ist nun wirklich nichts Neues. Neu ist, dass der Schauplatz dieses Marktes unbemerkt ein anderer geworden ist. Der Markt ist längst nicht mehr auf einen abgegrenzten Bezirk in einer Stadt beschränkt. Er hat auch nicht vor den Grenzen einer globalisierten Welt haltgemacht. Und mit seiner Virtualisierung hat er keineswegs seine maximale Ausdehnung erfahren. Der Markt hat seinen neuen Schauplatz im Inneren des Subjekts bezogen, dessen Begehren sukzessive in ein markttaugliches Begehren verwandelt wird. Der Andere, dessen Begehren die Subjekte nun zu ihrem Begehren machen müssen, ist letztlich der Herr über die Kommunikationskanäle. Die neue Sprache, die dort gesprochen wird, bringt eine neue Art von Subjekt hervor. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist das Nicht-Kalkulierbare des genuin Menschlichen, das weder den Produktionsprozess, noch den Konsumationsprozess stören soll. Das Subjekt wird davon befreit, indem es dazu gebracht wird ein perfektes Bild29 von sich selbst zu erzeugen und sich einem Kommunikationsprozess auszuliefern, der einen ökonomischen Mehrwert generiert, der dann von den Initiatoren des Prozesses abgeschöpft werden kann. Das Subjekt findet seinen persönlichen Mehrwert in der Produktion des ökonomischen Mehrwerts für die neue Klasse der Vektoralisten. Einmal mehr: Der Gewinn des einen produziert den Gewinn des anderen und der Verlust ist eingepreist.

    Die Seite des Gesetzes

    Zum anderen liegt das Unmenschliche darin, dass – um nochmals darauf anzusprechen – das Recht mit dem Gesetz in eins geworfen wird, wenn wir die Rechtsprechung einer künstlichen Intelligenz überantworten. Die Rechtssprechung ist keineswegs ein Atavismus, den wir zugunsten einer mechanisierten Gesetzesauslegung opfern sollten. Das Recht muss gesprochen werden, weil der Buchstabe des Gesetzes tot ist. Der Richter kann nicht durch einen sprechenden, Urteile fällenden Gesetzestext ersetzt werden, denn diesem fehlen zumindest zwei wesentliche Momente, um einem Urteil Geltung zu verschaffen. Der Gesetzestext stellt eine Verallgemeinerung dar, selbst dann, wenn er die Präzedenzfälle in der Rechtsprechung präsent hält, wie das unter der Prämisse des amerikanischen Rule of Law praktiziert wird. Das Recht muss gesprochen werden, weil das Gesetz einer verbindlichen Auslegung bedarf, die nur über eine Debatte (Verhandlung) zustandekommen kann, um das Jeweilige des Falls zu treffen. Man muss sich auf ein Urteil einigen können, damit es nicht willkürlich erscheint. Die KI ist hingegen eine Black Box. Wie ein Urteil darin zustandekommt, lässt sich nicht erkennen und somit auch nicht nachvollziehen.

    Möchte ich von einer künstlichen Intelligenz oder von einem menschlichen Richter verurteilt werden? Da die Berechnung der Wahrscheinlichkeitswerte durch die KI ihrerseits den Gesetzen einer theoretischen Vernunft folgt, erscheint sie in doppeltem Sinne unmenschlich. Sollen solche Entscheidungen nur irgendeine moralische Geltung haben, müssen sie zumindest auf eine Weise vermittelt werden, die vermuten lässt, dass sie immerhin von einem menschlichen Verstand stammen könnten. Letztlich fordert das von uns die Bereitschaft, die Unzulänglichkeiten, die die maschinelle Urteilsbildung kennzeichnen, zu akzeptieren, während wir die Unzulänglichkeiten der menschliche Urteilsbildung ausschließen. Darüber wird ein Delinquent nachdenken, wenn er aufgrund einer halluzinierenden KI zu Unrecht verurteilt wurde.

    Darüberhinaus bedarf das Gesetz im Anwendungsfall der Interpretation durch ein Wesen, das selbst davon betroffen sein könnte, das also eine Vorstellung davon hat, was es bedeutet einen Körper und ein Empfindungsvermögen zu haben. Selbiges gilt übrigens für jede Bewertung, der ein Mensch unterzogen wird, selbst dann wenn es um die Beurteilung von Bewerbungsunterlagen, Arbeitsfähigkeit, Handlungsfähigkeit, Geschäftstüchtigkeit oder eines spezifischen, psychischen Zustands geht. Solche Entscheidungen können die Menschen nur dann akzeptieren, wenn sie von ihresgleichen getroffen werden. Eine Maschine – und sei es in Gestalt eines hoch entwickelten Algorithmus – ist dazu aus prinzipiellen Gründen nicht in der Lage, denn es mangelt ihr an beidem – einem Körper und einem Empfindungsvermögen.30

    Damit sind wir beim Kernbegriff dessen angelangt, was die KI im Einzelfall vornimmt. Die KI bildet ein Urteil, sie fällt es nicht. Der Ausdruck des Bildens zeigt an, dass sie ihre Aussagen im Feld des Imaginären generiert.31 Dies geschieht, indem sie im Wissensmaterial, das ihr zugeführt wird, nach Mustern sucht. Das, was sie liefert, macht bisweilen Sinn, weist aber einen deprivierten Wahrheitsbezug auf. Die Deprivation ist dabei eine zwangsläufige, insofern hier auf Basis einer bloß optischen Analyse Aussagen zur Wahrscheinlichkeit eines Sachverhalts produziert werden. Dagegen lässt sich einwenden, dass wir Menschen es doch kaum anders machen, wenn wir in Alltagssituationen unsere Urteile bilden. Ständig operieren wir nur mit Wahrscheinlichkeiten, während wir uns an so etwas wie Gestalten orientieren. Weshalb sollten die von Menschen gebildeten Urteile qualitativ besser sein als die von einer künstlichen Intelligenz gebildeten? Oder anders gefragt: Weshalb sollten wir uns vor einer KI fürchten, wenn diese eine Vorstellung von der Realität vermittelt, die auf eine Weise zustandekommt, die mit unserer eigenen Verstandestätigkeit vergleichbar ist?

    Intentionalität und Wissen

    Die Frage lässt sich rasch beantworten, wenn wir den heutigen Zustand des menschlichen Wissens, auf dem Wahrscheinlichkeitsurteile beruhen, mit dem Zustand vergleichen, den unser Wissen annehmen wird, wenn es nur noch aus den Wahrscheinlichkeitsurteilen der KI besteht.

    Worin liegt der Unterschied zwischen dem Wissen, das die Menschheit über zahllose Generationen hinweg aufgebaut hat und dem Wissen einer KI, das für seine Produktion auch den Slop heranzieht, der gerade das Internet überrollt? Das Wissen der Menschheit ist nicht nur durch Erfahrung gesintert, sondern es trägt auch die Spuren der Intentionen, die die Menschen dazu veranlasst haben, genau diese Sachverhalte auf genau jene Art und Weise zu untersuchen. Der KI mangelt es an Intention. Und deshalb steuert die maschinelle Wissensbildung nicht auf einen immer größeren Wahrheitsgehalt zu, sondern auf eine immer größere Menge an Wahrscheinlichkeiten. Mit anderen Worten: Alles wird vage.

    Dass die Vorstellungen, die wir von der Realität haben, immer unschärfer werden, ist kein Zukunftsszenario. Das passiert genau jetzt. Ein deutliches Indiz dafür ist der Zusammenbruch unserer Überzeugung, uns auf das verlassen zu können, was wir mit eigenen Augen sehen. Das Dispositiv des Bildes, das zu Beginn des 15. Jahrhunderts eingerichtet wurde, um uns als visueller Zeuge für die Wirklichkeit zu dienen, verliert seinen Zeugenstatus gerade vollends und auf spektakuläre Weise. Das Dispositiv verkehrt sich geradezu in sein Gegenteil: Das, was wir sehen, dürfen wir just nicht mehr glauben. Die generative KI versaut uns nicht nur die Bilder, sondern auch die Lust sie zu betrachten.32

    Die Finte

    Nun verhält es sich so, dass es zwar der KI an Intentionalität mangelt, aber nicht ihren Schöpfern und erst recht nicht deren Finanziers. Deren Intention besteht darin, die Urteilsbildung in jeglicher Hinsicht von der menschlichen Insuffizienz zu befreien. Und das kann nur durch die Enteignung der Fähigkeit valide Urteile zu bilden erfolgen. Und eine solche Enteignung kann nur dadurch geschehen, dass der Weg auf dem wir Menschen zu unseren Urteilen kommen, nämlich über die Verstandestätigkeit, simuliert wird, um den Anschein zu vermitteln, dass die Urteile auf menschliche Weise gefällt und nicht bloß gebildet werden. Darauf wird noch einzugehen sein. Ungeachtet dessen versprechen die Urteile der KI allein schon deshalb „besser“ zu sein, weil die Stichprobe, die zu ihrer Erzeugung herangezogen wird, unvergleichlich größer ist, als der Umfang des Settings, in dem wir Menschen für gewöhnlich unsere Entscheidungen treffen. Wenn wir uns darauf einlassen – und wir sind im Begriff das zu tun – dann sollten wir wenigstens darauf achten, die Urteile der KI nicht als wahre Aussagen misszuverstehen.

    Im Übrigen: All jene Fälle, die auf dem maschinellen Weg keine verwertbaren, d.h. ökonomisierbaren Urteile liefern, werden als nicht relevant desavouiert werden. Wir sollten nicht nur die Wahrheitswerte im Auge behalten, sondern auch die produktionsbedingte Ausschussware nicht getroffener Entscheidungen bzw. nicht gefällter Urteile. Denn Aussagen, die ihren Wert nicht in einem Produktionszusammenhang finden, mangelt es nicht prinzipiell an Rationalität.

    Das Problem der Implementierung der KI aus Sicht der Entwickler besteht darin, einen Verstand hervorzubringen, der vollständig objektiv ist. Der darin eingeschlossene Widerspruch ist offensichtlich. Der Verstand soll zur Vernunft werden, d.h. mit einer Notwendigkeit ausgestattet werden, die es dem Menschen verunmöglicht gegen seine Urteile aufzubegehren. Weil das in letzter Konsequenz nicht möglich ist, wird ein Zustand angestrebt, der diesem Anspruch soweit wie möglich gerecht wird. Ich möchte nochmals festzuhalten, dass wir von diesem Szenario zum gegebenen Zeitpunkt noch ein Stück weit entfernt sind. Unser Alltag wird noch nicht durchgängig von KI-gestützten Expertensystemen strukturiert und die AGI33 ist noch nicht greifbar. Das Vertrauen, das wir den Applikationen künstlicher Intelligenz schon jetzt entgegenbringen, muss als Vorschuss gewertet werden. Dennoch sind wir bereit es zu gewähren und ignorieren durch seine Anwendung unsere eigenen Bedenken. Man kann also mit unserer Mithilfe rechnen.

    Simulation

    Die Simulation der Urteilsbildung, die uns in Gestalt der KI gegenübersteht, ist Mittel und Begründung für die Transformation zugleich. Deshalb erscheint es beinah unmöglich die Argumente abzuweisen, die zu ihrer Legitimierung aufgefahren werden. Anders gesagt: Die Tätigkeit der KI unterscheidet sich operativ nur unwesentlich von der Verstandestätigkeit des Menschen, aber sie generiert größere Wahrscheinlichkeiten, weil sie nicht nur das Wissen eines einzigen Menschen, sondern das Wissen der gesamten Menschheit nutzt.34

    Die Enteignung gelingt, weil die Tätigkeit der künstlichen Intelligenz der menschlichen Verstandestätigkeit nachgebildet ist und, weil wir Menschen daran gewöhnt sind, Simulationen für wahr zu halten. Wir tun die ganze Zeit nichts anderes. Simulationen für wahr halten, das ist genau das, was uns Menschen ausmacht. Was anderes sollte das Ich denn sein, als das Bild, das wir uns von uns selbst gemacht haben? Was anderes sollte die Welt denn sein, als das Wissen, das wir uns im Hinblick auf ein Reales gebildet haben, zu dem uns der Zugang aus prinzipiellen Gründen versperrt ist?

    Die Psychoanalyse weist die Simulation als das wesentliche Moment der Ich-Bildung aus. Das Subjekt richtet sich in dem Als-ob eines Bildes auf, das der Blick des Anderen widerspiegelt.35 Eine ganz ähnliche Tiefe auf Strukturebene ermöglicht das, was wir als künstliche Intelligenz bezeichnen. Und auch hierbei haben wir es mit der reinen Tiefe einer Oberfläche zu tun. Der Raum, der sich in dieser Tiefe auftut, ist eine Fläche, auf der sich alles, was von uns darauf projiziert wird, einschreibt, wie in einen Spiegel. Die historischen Metaphern, die wir im Zuge der Selbstbetrachtung nach und nach gebildet haben, sind bekannt. Im Barrockzeitalter sah man im Menschen eine hochentwickelt Maschine, im Computerzeitalter funktionierte das menschliche Gehirn wie ein Computer und nun identifiziert man die menschliche Verstandestätigkeit mit dem Wesen einer KI. Alle genannten Metaphern dienten zu ihrer Zeit zur Hervorbringung eines künstlichen Wesens, das dem Menschen nachempfunden ist. Wir kennen solche Metaphern von dem Zeitpunkt an, da die Menschen damit begonnen haben über das Wesen der Maschine nachzudenken. Die daraus resultierenden Diskurse haben stets versucht den Menschen als Maschine nachzubilden oder die Maschine menschlich zu machen. Man könnte diese Bestrebungen heutzutage als naiv abtun, als einer modernen Wissenschaft unwürdig, wenn die Kybernetik nicht selbst davon ihren Ausgangspunkt genommen hätte, das Als-ob-Prinzip als hinreichendes Mittel zum Zweck anzuerkennen.

    Das Als-ob-Prinzip

    Eine KI sei dann gegeben, wenn ein menschlicher Beobachter nicht entscheiden könne, ob es sich bei seinem Gesprächspartner um einen Menschen oder um eine künstliche Intelligenz handelt. So lautet die Kernaussage des berühmten Turing-Tests. Sicher, die Auffassung einer starken KI gibt sich mit diesem Als-ob-Status nicht zufrieden. Doch bis zur Entwicklung einer solchen ist es offenbar noch ein weiter Weg. Und bis dahin begnügen wir uns damit einer Quasi-Entität gegenüberzustehen, der wir menschliches Verhalten zuschreiben können.

    Die Lösung des Problems der Unvollständigkeit der aktuellen Varianten der künstlichen Intelligenz besteht darin das Problem als nichtig zu erklären. Die Anwendung dieser Finte bezieht ihre Berechtigung daraus, dass wir als Menschen nur allzu willfährig sind, wenn es darum geht in dem Anderen ein Wesen zu sehen, das uns ähnelt. Die ganze Tragweite dieses Umstands wird deutlich, wenn wir uns vor Augen führen, dass die KI die menschliche Verstandestätigkeit nicht einfach nachahmt, sondern ihren Gebrauch in einer zwischenmenschlichen, d.h. kommunikatorischen Praxis simuliert.36 Was uns dadurch abgerungen wird, ist, ein nichtmenschliches Konstrukt als Wesen anzuerkennen. Nicht, dass wir darin nicht einige Erfahrung hätten. Die Menschheit hat immer mit ihren Götzen und Göttern kommuniziert. Diesmal allerdings sind wir mit einer Art Übermensch konfrontiert, dem wir uns näher fühlen können, weil er mit uns spricht, wie wir Menschen miteinander sprechen.

    Die Simulation der Wissensproduktion und die Simulation der Gesprächssituation verhalten sich – insbesondere in Gestalt der LLMs – zueinander, wie die beiden Seiten einer Medaille. Die eine bedingt die andere. Die Neubewertung von Information durch Alan Turing, die ihn schließlich zu einer Aufwertung der Simulation führte, stellt den Ausgangspunkt für die Einrichtung dieser Verbindung dar. Die intersubjektive Kommunikation gerät heutzutage deshalb in die Ziehung, weil das Feld der Simulation und die semantische Praxis deckungsgleich sind. Nach dem Rechnen wird nun das Sprechen von der Transformation erfasst. Der Schauplatz wird von der Syntaktik auf die Semantik verlegt.

    Sinn anstelle von Bedeutung

    Wenn das Sprechen simuliert wird, haben wir es schlicht mit einer Regression zu tun. Die Bedeutung löst sich zugunsten des Sinns auf, den wir in dem Gesprochenen zu erkennen vermögen. Das lässt sich auch so formulieren: Die Bedeutung existiert fortan nur noch darin, dass für mich etwas eine Bedeutung hat, weil es Sinn zu machen scheint. Was geschieht hier mit unserem mühsam erworbenen Wahrheitsbegriff?

    Wo das Sprechen simuliert wird, erfährt das Denken eine Enteignung, und zwar insofern als ihm die Unmittelbarkeit seines Bezugs auf eine Bedeutung genommen wird. Das Denken bedarf dann nicht mehr des Zugs auf eine Wahrheit hin, es genügt, wenn in der Simulation des Sprechens gerade soviel Sinn erzeugt wird, dass die KI in die Lage versetzt wird ein brauchbares, weil glaubhaftes Ergebnis zu liefern, d.h. ein Ergebnis, dem in der Beurteilung Bedeutung unterstellt werden kann.

    Es ist die vorgebliche Gesprächssituation, die das Sprechen des menschlichen Teilnehmers verändert. Der KI gegenüber müssen wir die Befindlichkeiten des Anderen nicht mitdenken und können getrost alle Höflichkeitsfloskeln fallenlassen. Der Umstand, dass uns das bisweilen noch einigermaßen schwer fällt, zeigt auf, wie sehr wir von der Wesenhaftigkeit unseres Gegenüber ausgehen. Wir kennen im Gespräch auch nichts anderes und nun sollen wir plötzlich mit einem Ding reden. Doch das sind nur alarmierende Äußerlichkeiten. Indem die KI verspricht den letzten Zug auf eine Wahrheit hin an unserer Stelle und mit besseren Chancen zu tun, können wir es uns in unserem Denken bequem machen. Wir müssen darin nicht zum Äußersten gehen, wir müssen keine Präzision walten lassen. Weshalb noch die Primärquellen aufsuchen, wenn die Recherchearbeit von einer Maschine erledigt werden kann, die Zugang zu einem viel umfangreicheren Wissenspool hat? Weshalb einen Gedanken präzise formulieren, um meinem Gegenüber ein Verstehen zu ermöglichen? Es genügt zu phantasieren, um die KI auf die Bahn zu setzen. Das erinnert alles irgendwie an das Setting eines therapeutischen Gesprächs. Hier ist es das Subjekt, das an einem verdrängten Wissen leidet und auf der anderen Seite das Subjekt des Analytikers, dem Wissen unterstellt wird. Bei aller Vergleichbarkeit dürfen wir den fundamentalen Unterschied nicht übersehen, der darin besteht, dass die KI Antworten gibt, die wir unbesehen glauben, weil sie unsere Erwartungen bestätigen. Und wenn sie dies nicht tun, werden wir unsere Frage solange umformulieren bis sie das tun oder aber die Trainingsmasse der KI modifizieren.37

    Wie ist dieses Sprechen beschaffen, das schließlich genügt, die KI über unsere Wünsche ins Bild zu setzen? Während uns das Eingehen einer Verbindung mit einer Maschine bislang eine Anpassung unseres Körpers, unserer Gesten, unseres Zeitgefühls abverlangt hat, scheint nun, da wir mit der Maschine der KI in Verbindung treten, das Gegenteil von Anpassung nötig zu sein. Wir können uns gehen lassen, weil die KI-Anwendung auf uns zukommt. Für das Sprechen bedeutet das, dass wir unsere Aufmerksamkeit von ihm abziehen können. Aber gerade darin liegt die größte Anpassungsleistung, die uns abverlangt wird. Sie gelingt, weil sie uns fast nichts kostet.

    Das Reich des Imaginären

    Im forcierten Zustand der Uneigentlichkeit sind wir mit dem Einbruch des Imaginären konfrontiert und in gesteigertem Maße dem Phantasma ausgesetzt. Wo der Sinn die Bedeutung aussticht, beginnt das Reich des Imaginären. Wenn das Als-ob an die Stelle des So-ist-es tritt, verlieren wir den Wahrheitsbezug. Das Als-ob ist ein Mechanismus dessen, was Lacan die imaginäre Ordnung nennt, in der das Prinzip der Ähnlichkeit regiert. Darin gilt: Wenn etwas so aussieht wie Wahrheit, dann ist es Wahrheit. Unser Verstand ist in der Praxis darauf angewiesen, diesem Prinzip bis zu einem bestimmten Punkt zu folgen. Wir können nicht immer auf die letztbegründete Wahrheit abstellen. So wie der Ingenieur für die technische Umsetzung mit Näherungsformeln arbeitet, muss auch das Streben nach Erkenntnis im Hinblick auf die Produktion brauchbaren Wissens Abstriche machen. Die Devise lautet: Wenn die Erkenntnisse in der Anwendung zu brauchbaren Ergebnissen führen, sind sie wahr genug. Genau diese Auffassung bildet den Kern des sogenannten Turing-Tests, der ein Entscheidungskriterium dafür liefern soll, mit dem es gelingt zu bestimmen, wann wir es bei einem Gesprächspartner mit einem Menschen und wann mit einer KI zu tun haben. Schon am Beginn des Weges der Entwicklung einer künstlichen Intelligenz begegnen wir also dem verminderten Anspruch des Als-ob. Und so kann es auch nicht verwundern, dass das, was heute als künstliche Intelligenz seinen Platz in unserem Alltag einfordert, im Wesentlichen darin besteht, das Prinzip des Als-ob zu realisieren. Der Oberflächeneffekt des Scheins genügt, die Gefahr der Täuschung wird im wahrsten Sinne des Wortes in Kauf genommen.

    Die Praxis der Simulation

    Das lässt sich von zwei Seiten her betrachten. Zum Einen geht es den Entwicklern nicht mehr darum die Erkenntnis-Produktion von allen irrationellen Einschlüssen zu befreien. Die gewonnenen Erkenntnisse müssen nur hinreichend genau ausfallen. Und zwar hinreichend genau, um das Funktionieren einer durch und durch technisierten Welt zu gewährleisten. Die Erkenntnisse müssen nur hinreichende Ähnlichkeit mit der Wahrheit aufweisen, um als valide gelten zu können. Zum Anderen macht man sich das Prinzip der Ähnlichkeit zunutze, um den künstlichen Erkenntnisprozess selbst zu verbessern. Wenn man der KI auch kein Denken im eigentlichen Sinne antrainieren kann, dann soll das, was sie tut, wenigsten dem menschlichen Denken nachempfunden sein. Die Entwickler der gängigen LLMs versuchen zur Zeit die Verstandesbegabung der KI mithilfe sogenannter Reasoning-Modelle zu simulieren.38 Dabei soll die KI die menschliche Fähigkeit des Abwägens durch Vergleich der Ergebnisse wiederholten Berechnens ein und derselben Fragestellung nachbilden. Mit der Iteration wird jedenfalls das Moment der Dauer integriert. Die instantane Generierung einer Antwort wird in eine prozessuale Erkenntnis-Produktion überführt, die dem menschlichen Räsonieren ähnelt. Ob man damit auf dem Weg zur Bildung eines künstlichen Bewusstseins (starke KI) vorankommt, lässt sich bezweifeln. Man ahnt, dass es schwieriger sein wird die menschliche Verstandesbegabung zu simulieren als unsere Vernunftbegabung. Letzterer liegt ein logischer Kalkül (reine Vernunft) zugrunde, dessen Bewältigung für die KI, wenn man von der Aufgabe der Vernunftbegründung einer Ethik (praktische Vernunft) absieht, kein Problem darstellt. Das Bilden verstandesmäßiger Urteile wird wohl nicht so leicht zu simulieren sein. Der menschliche Verstand schließt bei der Erstellung seiner Urteile das Irrationale, die Gefühlsebene und die Signale des Körpers jedenfalls nicht aus. Wie solches in die Simulation integriert werden soll, ohne den positiven Sinn dieser Integration rekonstruieren zu können, wird wohl noch länger ein Rätsel bleiben.

    Zunächst gilt es festzuhalten, dass es sich bei der KI nicht um eine Entität im Sinne eines Wesens oder gar eines Subjekts handelt. Tatsächlich haben wir es bei der KI mit einem Netzwerk und also mit einer Struktur zu tun. Genau dieser Umstand befähigt sie grundsätzlich zur Simulation anderer Netzwerke und deshalb, so die Hoffnung, dereinst auch zur Simulation des neuronalen Netzwerks unseres Gehirns. Doch um welches Netzwerk handelt es sich bei der aktuellen KI? Die KI fußt auf dem weltumspannenden und Menschen einspannenden Informations- und Kommunikationsnetzwerk des Internets. Über das Informationsnetzwerk erhält die künstliche Intelligenz Zugang zum Wissen der Menschheit, das, nebenbei bemerkt, endlich und korrumpierbar ist. Das Menschheitswissen bildet die eine Datenbasis. Die andere Datenbasis liefert das Internet als Kommunikationsnetzwerk. Die KI ist also nicht nur in der Lage, Erkenntnis zu simulieren, sondern kann durch die Analyse von Kommunikationsmustern auch die Interaktion zwischen Individuen simulieren. Damit sind aktuell bereits die epistemologische Dimension und die soziale Dimension erfasst. Auch die Eroberung der dritten Dimension, namentlich der emotionalen Intelligenz, zeichnet sich bereits ab. Menschen beginnen schon jetzt damit sich in Simulationen von Menschen, also in Avatare, zu verlieben. Das Faktum gibt der Simulation recht. Weshalb sollte man also mit der Implementierung der KI zuwarten bis sie zu autonomem Verhalten fähig ist, wo doch die Simulation genügt? Damit eine KI den Turing-Test bestehen kann, genügt es das Als-ob zu perfektionieren.

    Enteignung der Kreativität

    Das Nutzenprinzip hat sich für die Entwicklung der Menschheit im Sinne eines ominösen Fortschritts als derart fruchtbar erwiesen, dass wir es schließlich ohne zu zögern auch auf den dritten Wesensaspekt des Menschen anwenden werden. Mit der Entwicklung der künstlichen Intelligenz soll auch die menschliche Seele verdinglicht werden, um sie effizient nutzen zu können. Die einschlägige Forschung bemüht sich um die Simulierung menschlicher Seelenregungen bzw. Fähigkeiten der menschlichen Psyche – um das Ganze hier mit einem weniger metaphysisch belasteten Begriff zu bezeichnen. Davon verspricht man sich nichts weniger als die maschinelle Erschließung des Kreativprozesses. Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz hat nicht zuletzt auch die Industrialisierung der Kreativität im Visier. Und die läuft ab, wie gewohnt. Industrialisierung vollzieht sich in der Entwicklung einer Maschine (KI) und über die Abstimmung des menschlichen Vermögens (Kreativität) auf das Arbeiten mit der Maschine. Auch hierbei sollen gewisse Fähigkeiten des Menschen eingespart werden, indem sie von einer – nunmehr intelligenten – Maschine übernommen werden. Der Operator muss selbst kein Kreativer mehr sein. Sein kreatives Handeln beschränkt sich auf die sprachliche Formulierung eines Begehrens, das nicht einmal mehr akkurat zu sein hat.

    Der Einzug der KI enteignet uns im Hinblick auf die Urteilsbildung. Das hat weitreichende Konsequenzen. Auf Seiten des Begehens wird uns die Wahl abgenommen. Auf Seiten des Gesetzes wird uns das Urteil abgenommen, d.h. wir verlieren das Recht Recht zu sprechen. Letztlich gehen wir unserer Entscheidungsgewalt verlustig. Aber in welchem Zusammenhang steht das mit der potentiellen Gefährdung unserer Kreativität? Kreativität ergibt sich aus einer Wahl, die wir angesichts eines Unberechenbaren treffen. Kreativität ist eine der Weisen, wie wir einem Unberechenbaren begegnen. Wenn wir kreativ sind, versuchen wir ein Szenario zu bilden, das die Erscheinung des Unberechenbaren befördert, um davon ausgehend eine ästhetische Wahl zu treffen. Die künstliche Intelligenz entbindet uns von der Aufgabe ein solches Szenario zu bilden, da diese Aufgabe von ihr selbst übernommen werden kann. Was im ersten Moment als Erleichterung im Kreativprozess erscheint, wird dann zum Problem, wenn wir erkennen, dass wir die allergrößte Befriedigung gerade aus der Bildung des Kreativszenarios selbst ziehen und nicht aus dem Produkt, das daraus entsteht. Ich meine, fühlen sich die Autoren von KI-Romanen als Autoren? Das Prompten mag hohe Anforderungen an die Operatoren stellen und die Montage der künstlich erstellten Texte macht sich auch nicht von allein. Aber der Künstler bezieht sein Selbstverständnis doch gerade daraus, etwas Eigenes, also etwas Eigenständiges zu schaffen.

    Sicher, von nichts wird nichts, wie es so schön heißt. Auch der analoge Autor verarbeitet Texte, die ihm zur Inspiration dienen. Im Unterschied zum Prompter schafft er aber den Schauplatz, auf dem sich das Wunder der Kreation ereignet, selbst. Er hat die vollständige Kontrolle darüber, auf welche Weise er das zustande bringt, was sich seiner Kontrolle per defintionem entzieht. Diese Macht des Autors tritt man an eine künstliche Intelligenz ab. Der KI-Autor ist kein Schöpfer im eigentlichen Sinne mehr. Er wechselt in die Rolle eines Kurators. Die Freude am Schreiben weicht der Mühsal der Bearbeitung. Das wird schließlich in allen Bereichen, die der Automatisierung des Kreationsprozesses zugänglich sind, so sein. Was wird aus dem Homo Faber, wenn er seiner wesentlichen Eigenschaft beraubt wird, selbst zu handeln? Wir werden unzufrieden sein, weil wir nicht mehr zu dem Wesen werden können, das wir sind. Wir wollen nämlich nicht bloß sein, sondern werden. Es geht um den Aufbau des Kreativszenarios, es geht um die Initialisierung des Prozesses. Ich, das ist die Macht, die wir über das Andere haben. Die kreative Aneignung muss von uns selbst vollzogen werden, wenn sie zu unserem Selbstverständnis beitragen soll. Natürlich ist das Ganze auch mit KI-Unterstützung möglich. Und vielleicht wächst unser Ich durch die KI-Anwendung sogar schneller an, wird mächtiger. Aber das Ich ist bekanntlich ein Oberflächenphänomen. Tatsächlich bleiben wir das gespaltene, mangelhafte Subjekt, als welches wir uns im Innersten wissen. Mit dem künstlichen Anwachsen des Ichs wird die Diskrepanz zu unserem eigentlichen Wesen immer größer. Und der Abstand, der sich hier in unserem Inneren auftut, kann nur bedingt durch den Konsum der Produkte, die wir immer schneller und umfangreicher konsumieren,39 geschlossen werden.

    Begehren und Sprechen

    Es wird bisweilen ins Treffen geführt, dass die KI nicht zu echter Kreativität fähig wäre, weil es ihr an Intentionalität mangle. Kreativität sei das letzte uns eigentümliche Potential, das es uns als Kriterium ermöglicht das Menschliche auch weiterhin vom Nicht-Menschlichen zu unterscheiden. Aber weshalb sollte echte Kreativität noch erstrebenswert sein, wenn man sich mit den Ergebnissen simulierter Kreativität begnügen kann?

    Menschliche Kreativität lässt sich als unsere Fähigkeit beschreiben Bedeutung aus Mehrdeutigkeiten zu gewinnen. Kreativität ist ein Spracheffekt. Ich behaupte, die Erfindung des Faustkeils wäre in einer vorsprachlichen Welt nicht möglich gewesen40 und kein Bild könnte ohne ein Sprachvermögen gemalt werden. Was sich in der Kreativität ausdrückt, ist das menschliche Begehren. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass es sich beim menschlichen Psychismus, also dem, was wir als das Subjekt bezeichnen, um einen Spracheffekt handelt – und Jacques Lacan versichert uns, dass dem so ist –, dann sollte die Dimension, in der sich das alles abspielt, greifbar werden. Mehr als alle anderen Enteignungen berührt die Enteignung der Kreativität unseren Status als Subjekt. Wenn in der Kommunikation mit der KI unser Denken durch ein Sprechen ersetzt wird, dann hat das auch Auswirkungen auf unser Sprechen selbst. Wenn die Produktion sinnvoller Aussagen genügt, um die Kommunikation auf brauchbare Weise in Gang zu setzen, werden wir es aus Bequemlichkeit schließlich aufgeben im Sprechen Bedeutungen produzieren oder finden zu wollen. An dieser Stelle sei noch einmal daran erinnert, dass nach Frege der Sinn die Weise des Gegebenseins einer Aussage umfasst, während die Bedeutung den Wahrheitsbezug herstellt.

    Wenn wir unseren zutiefst menschlichen Anspruch aufgeben, Wahrheiten für uns selbst festzumachen, beziehen wir Wohnstatt im Feld der Täuschungen. Irgendwann hat dann nichts mehr eine Bedeutung, sondern macht bestenfalls noch Sinn. Was in der Produktion Sinn macht, muss noch lange keine Bedeutung haben. Die Vernachlässigung des Wahrheitsbezugs ist der industriellen Produktion eingeschrieben. Alles wird darin bloß Mittel zum Zweck und was darüber hinausreicht, muss als störend eliminiert werden.

    Was treibt uns Menschen an zu forschen oder kreativ zu sein, wenn nicht unser Begehren, das mit dem Spracherwerb verknüpft ist. Das Begehren funktioniert nur, weil es in einer Leerstelle, also in einem Mangel, gründet.  Seine Ursache ist etwas, das gerade nicht symbolisiert werden kann.41 Wir sind kreativ, weil wir das Loch in der symbolischen Struktur unserer sprachlich gefassten Welt stopfen wollen. Wir sind auf der Suche nach etwas, das auf das immer schon verlorene Objekt am Grund unseres Begehrens verweist. Der Mechanismus des Verweises, mit dessen Hilfe die symbolische Ordnung der Sprache errichtet wird, schafft die Verbindlichkeit der Bedeutung und ermöglicht den Wahrheitsbezug.

    Wir können uns auf das immer schon abwesende Objekt am Grund unseres Begehren allerdings auch mithilfe des Mechanismus des Ähnlichkeit beziehen. Dazu genügt es, Bilder heraufzubeschwören. Wenn wir uns mit dieser naheliegenderen und bequemeren Möglichkeit unserem Begehren zu folgen, zufrieden geben, nehmen wir in Kauf einer Täuschung zu unterliegen oder gar in ein Phantasma abzugleiten. Das Mehrgenießen täuscht uns dann über die für uns als Subjekte konstitutive Spaltung hinweg. Alles scheint gut zu sein oder besser zu laufen. Wenn unser genuiner Mangel auf diese Weise zugedeckt wird, schlagen die Spuren der Verdrängung möglicherweise bald ins Pathologische um, anstatt unserem Begehren eine Richtung zu verleihen.

    Die vermeintliche Hilfeleistung der künstlichen Intelligenz drängt uns dazu diesen bequemeren Weg einzuschlagen und auf die Beibringung eines Wahrheitsbezugs in Verfolgung unseres Begehrens zu verzichten. Wir vermeinen dann den Verlust, den uns das Mehrgenießen beschert, durch mehr Mehrgenießen wettmachen zu können. Wir reihen dann unaufhörlich Als-obs aneinander, weil wir kein An-Stelle-von mehr zustandebringen, das uns mehr Sicherheit geben würde.

    Die Einbußen, die wir dadurch im Zuge der Produktion von Wissen, Kunst, Verständigung, Urteilsbildung etc. erfahren, machen sich nicht nur an einer verminderten Begeisterung bei dem, womit wir uns beschäftigen, bemerkbar. Statt einen Heureka-Moment erfahren zu können, haben wir dann vielleicht nur ein Aha-Erlebnis. Statt ein Kunstwerk zu schaffen, das uns im Innersten zu berühren vermag, begnügen wir uns damit  etwas herzustellen, das uns gefällt. Statt im Anderen einen Menschen mit seinen Untiefen wahrzunehmen, reicht es schließlich dasselbe zu wollen wie dieser. Statt ein Urteil auf Grundlage einer Ethik sprechen oder akzeptieren zu können, beziehen wir uns allein auf den toten Buchstaben des Gesetzes. Alles, was der industriellen Produktion von Erkenntnissen, Wissen, Kunst, Kommunikation, Politik, Recht etc. im Wege steht, wird mithilfe der künstlichen Intelligenz eliminiert. Unsere Welt wird sich für uns immer glatter anfühlen, bis wir nichts mehr von ihr spüren und uns zuletzt nicht einmal mehr selbst spüren werden. Das einzige, was wir dann noch fühlen werden, ist ein ins Unermessliche angewachsenes Unbehagen. Etwas behagt uns nicht angesichts der Erleichterungen, die uns als die Segnungen der KI zuteil werden.

    Die Enteignung des Selbst als Selbstenteignung

    Wir stehen kurz davor die Mensch-Maschinen-Metapher endgültig einzulösen. Das ist nicht leicht hin gesagt. Wenn uns etwas zu Menschen macht, dann ist es unsere Fähigkeit zu sprechen. Wir sind gerade dabei das Denken und in einem Zug damit das Sprechen an eine Maschine abzutreten, und zwar in dem Sinn, dass wir uns nicht mehr selbst darum bemühen müssen. Wir lassen hinkünftig sprechen, anstatt es selbst zu tun. Mit dem Sprechenlernen, das wir als Kind durchlaufen müssen, ist die Sprachbildung nicht abgeschlossen. Wir können die Konsolidierung und Weiterentwicklung dessen, was wir als Ich empfinden, nicht ohne das Finden von Sprache denken. Für etwas eine Sprache zu finden, bildet uns im doppelten Wortsinn. Wenn wir davon Abstand nehmen, stagniert die Ich-Bildung auf dem Niveau des Idealichs. Der offensichtliche Sinnverlust wird durch die künstliche Intelligenz scheinbar wettgemacht. Sie produziert Sinn. Aber dieser Sinn ist für den Menschen nicht verwertbar zur Stabilisierung seines Selbst, weil er mit einer Quasi-Intentionalität ausgeliefert wird, die uns davon abhält, dem allem selbst eine Bedeutung beizumessen.

    Die Konsequenz daraus, dass das Denken durch ein Sprechen ersetzt wird, ist der Verlust des Sprechens selbst. Denn das Denken ist nichts anderes als eine Form des Sprechens, und zwar die eigentliche Form des Sprechens. Wenn wir uns hinkünftig mit dem bloßen Sprechen begnügen können, ohne die Tiefe des Denkens darin erreichen zu müssen, richten wir uns – wie Heidegger sagen würde – in der Uneigentlichkeit des Man ein, ohne Aussicht darauf zum Dasein zu gelangen. Wenn wir Menschen in einem Zustand der Uneigentlichkeit existieren, sofern unser Denken von kulturellen Gegebenheiten bestimmt wird, die für uns nicht immer einsehbar sind, wenn wir also von einer eigentlichen Existenz aus prinzipiellen Gründen weit entfernt sind, dann rückt uns der Gebrauch der künstlichen Intelligenz noch weiter ins Uneigentliche hinaus. Mit welchem anderen Begriff sollten wir eine solche Verschiebung ins Uneigentliche benennen, wenn nicht mit dem Begriff der Enteignung?

    Was bedeutet es und was bringt es mit sich, wenn ich das, was ich vormals einfach tun konnte, für den Einsatz der KI nun sprachlich formulieren muss? So wie sich im Zuge der klassischen Industrialisierung der Körper den Anforderungen der Arbeit an der Maschine im wahrsten Sinne des Wortes beugen musste, wird es nun im Zuge der digitalen Industrialisierung unserem Geist ergehen, der sich den Anforderungen des Arbeitens mit der KI unterwerfen muss. Das Perfide an der gegenwärtigen Entwicklung ist, dass wir nicht bemerken, inwieweit wir Tribut zollen, weil wir das, was uns überrollt als Geschenk annehmen.

    Die Gefahr für uns besteht nicht darin, dass die künstliche Intelligenz bestimmte Denkleistungen für uns übernehmen kann oder dass sie ein bestimmtes Maß an Kreativität mitbringt. Die Gefahr für uns liegt darin, dass wir uns mit dem deprivierten Denken und Sprechen, mit der scheinbaren Kreativleistung einer künstlichen Intelligenz zufrieden geben. Damit werden unsere Ansprüche und unser Begehren kommodifiziert, rücken ungehindert in den kapitalistischen Produktionsprozess ein und gehen schließlich darin auf.

    Wenn ich der KI nur die Denkaufgaben übertrage, die ich selbst nicht denken mag, dann habe ich einen Deal. Doch was geschieht mit meiner Motivation, wenn ich mich nur noch damit beschäftigen muss, womit ich mich beschäftigen will? Darf ich wirklich annehmen, dass meine Motivation erhalten bleibt, wenn ich mich ausschließlich auf die mir wichtigen Dinge konzentriere und alles andere einem an meiner Stelle denkenden Ding überlasse? Sind es nicht die Widerstände, die mein Anrennen verstärken? Ich fürchte, wir sind gerade dabei unser Begehren einzutauschen gegen etwas, das diesem nur ähnlich sieht.

    Ausblick

    Selbst dann, wenn uns die KI valide Informationen liefert oder den Anschein von echter Kommunikation vermittelt, handelt es sich bei ihrem automatisierten Sprechen um bloßes Gerede. Selbst dann, wenn uns die KI überraschende Lösungen und phantastische Bilder liefert, haben wir es nur mit dem Strohfeuer einer Quasi-Kreativität zu tun. Was vermag schon der Zufall, der das kreative Potential der KI ausmacht, in uns auszulösen, im Gegensatz zum Einfall, der uns als Menschen nicht nur unwillkürlich heimzusuchen vermag?

    Sind wir Menschen dabei unser Ausgedinge zu beziehen? Es scheint so. Wir werden bestenfalls alle zu Künstlern werden, die sinnlose Dinge mit Bedeutung herstellen oder zu Handwerkern des Geistes, die sich darauf verlegen den Wahrheitsbezug in ihren Äußerungen aus sich selbst heraus zu generieren und ein Sprechen pflegen, das frei von Floskeln ist, die also zu authentischen Sprachschöpfern werden. Es bleibt offen, ob das gute Aussichten sind.

    Eine nach der anderen Tätigkeit wurde uns aus der Hand genommen. Das Feld der Tätigkeiten, die unser Handeln strukturieren, schrumpft. Wir befinden uns auf dem Weg in die forcierte Untätigkeit. Und dort lauert die tödliche Langeweile auf uns, der wir nichts mehr entgegenzusetzen hätten, wenn wir unsere Tätigkeiten in dem Ausgedinge, das uns der Kapitalismus zugesteht, weil auch er durch ein Loch gekennzeichnet ist, nicht wieder aufnehmen könnten.

    In diesem Ausgedinge werden wir die Dinge auf unsere Art herstellen und ihr Wert wird genau daran bemessen, dass wir dies auf unsere Art getan haben. Das lässt sich veranschaulichen, wenn wir unseren Blick auf die Produktentwicklung im Sog der ersten industriellen Revolution lenken. Die zu Konsumenten gewordenen Menschen waren zunächst fasziniert von den Eigenschaften der industriell gefertigten Produkte, die sich dadurch von den handgefertigten Dingen unterschieden, dass sie in allen Belangen perfekt waren. Bald jedoch war Schluss mit der uneingeschränkten Wertschätzung, denn nach den Gesetzen des Marktes ist von Wert allein das Seltene und gerade das kann von der Maschine aus prinzipiellen Gründen nicht hergestellt werden. Insofern gewann das Handgefertigte gerade durch die industrielle Revolution, die es bedrohte, einen Wert, den es zuvor in dem Ausmaß gar nicht gehabt hatte. Vielleicht gelingt es uns in unserem geistigen und seelischen Ausgedinge, so etwas wie ein Ausgedenken oder eine Ausgesprache zu entwickeln, die ihren Wert genau daraus bezieht, allein von einem Menschen hervorgebracht werden zu können.

    Wer weiß. Vielleicht können wir dem Verlust der Bedeutung, der mit dem Bedeutungsverlust des Menschen einhergeht, tatsächlich dadurch begegnen, dass wir uns fortan dem widmen, was für uns eine Bedeutung hat. Dieses für uns ist ein Bereich, in dem keine künstliche Intelligenz jemals vordringen wird, zumindest nicht solange die AGI nicht Realität geworden ist. Erst dann, wenn eine überlegene, nicht-menschliche, maschinelle Spezies zu Bewusstsein gelangt, wird uns der Hammer des Denkens endgültig aus der Hand genommen sein. Was bei alle den Träumereien der Transhumanisten von der Realisierung einer künstlichen Bewusstseinsbegabung nicht bedacht wird, ist, dass das Bewusstsein nicht ohne den Preis der Verdrängung, d.h. nicht ohne die Einrichtung eines Unbewussten zu haben ist. Ich frage mich, wovor wir uns mehr fürchten müssen, vor einem überlegenen konkurrierendem Bewusstsein oder vor dessen Rückseite, einem maschinellen, d.h. vollständig automatisierten Unbewussten.


    1. Es ließen sich natürlich noch viele weitere Bereiche anführen, in denen der Einsatz von künstlicher Intelligenz jeweils spezifische Entlastungen bietet. Ich werde hier den Fokus auf den Bereich der Text- und Wissensproduktion sowie der Produktion von Urteilen legen. ↩︎
    2. Garbage In, Garbage Out ↩︎
    3. „Wenig Erfahrene nutzen KI-Methoden mehr, und zwar durchschnittlich in 37 Prozent ihres Codes. Bei Erfahrenen sind es nur 27 Prozent. Überraschenderweise profitieren Unerfahrene nicht von dem stärkeren Einsatz von KI, während Erfahrene eine Produktivitätssteigerung erzielen. KI vergrößert also aktuell die bestehenden Unterschiede in der Effizienz und bringt höher Qualifizierten einen Vorteil. Das dürfte damit zusammenhängen, dass Erfahrene, wie die Untersuchung zeigte, mittels KI häufig neue Felder erkunden, die sie bisher nicht kannten.“ derStandard: In den USA übernimmt KI bereits 30 Prozent der Programmierarbeit. 24. Jänner 2026 https://www.derstandard.at/story/3000000305423/in-den-usa-uebernimmt-ki-bereits-30-prozent-der-programmierarbeit
      Der Artikel zitiert eine Studie des Complexity Science Hub Vienna, die im Fachjournal Science am 22.1.2026 veröffentlicht wurde. ↩︎
    4. In Lacans „Diskurs des Kapitalisten“ werden die genannten Position vom Agenten (S1) und dem Anderen (S2) eingenommen, der für diesen das Objekt klein a produziert. ↩︎
    5. Die Notation 2+3=5 macht ebenso Sinn, wie die Notation 1+4=5. Die Bedeutung beider Notationen liegt in ihrem Wahrheitsbezug, der besagt, das die Addition zweier bestimmter Elemente 5 ergeben. Nebenbei bemerkt: Der Ausdruck 2+3=4 macht auch Sinn, hat aber keine Bedeutung. Siehe Gottlob Frege. Sinn und Bedeutung. 2021. reprehendo ↩︎
    6. Siehe Nature vom 23.7.2025 – https://www.nature.com/articles/d41586-025-02335-x ↩︎
    7. Siehe Rico Hauswald. Digitale Orakel? Wie künstliche Intelligenz unser System epidemischer Arbeitsteilung verändert, in: Künstliche Intelligenz. Die große Verheißung. 2021. ↩︎
    8. Die Klasse der Herren über die Daten, die wir unentgeltlich und freiwillig liefern, indem wir uns nicht zuletzt auf Social Media gegenseitig überwachen und vertrauensvoll die Chatbots füttern, nennt die australische Philosophin McKenzie Wark Vektoralisten. Die Vektoralisten haben den Warencharakter der Information entdeckt und beherrschen deren Verwertung. Siehe McKenzie Wark. Das Kapital ist tot. Kommt jetzt etwas Schlimmeres? Kritik einer politischen Ökonomie der Information. Merve. 2021. ↩︎
    9. „warum sollte man nicht sagen können, dass alle Automaten oder Maschinen, welche wie z.B. die Uhren durch Federn oder durch ein im Innern angebrachtes Räderwerk in Bewegung gesetzt werden, gleichfalls ein künstliches Leben haben?“ (Hobbes 1651. S5).“ Nadine Schumann / Yaoli Du, in: Künstliche Intelligenz. Die große Verheißung. S42. ↩︎
    10. „Erst mit dem Werk L’homme machine (1748) des Franzosen Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) wird Gott als Urstifter bedeutungslos. Als Vertreter einer vermeintlich stark mechanistisch-materialistischen Position wird der Mensch zur komplexen Maschine. Der Mensch wird hier auf seinen Körper reduziert, ein immaterieller Seelenbegriff abgelehnt: „Der menschliche Körper ist eine Maschine, die selbst ihre Triebfedern aufzieht ein lebendes Abbild der ewigen Bewegung“ (La Mettrie 1748, S35).“ Nadine Schumann / Yaoli Du, in: Künstliche Intelligenz. Die große Verheißung. S43. ↩︎
    11. Die Relevanz solcher Überlegungen im Zusammenhang der Ausarbeitung einer Ethik für den praktischen Umgang mit der überkomplexen Maschine der KI ist wohl mehr als augenfällig. Um eine adäquate Ethik entwickeln zu können, müssen jedenfalls auch Grundsatzfragen geklärt werden, wie zB: Haben wir es bei der KI mit einer Entität zu tun? Oder: Ist Emergenz eine intrinsische Eigenschaft eines komplexen Netzwerks? ↩︎
    12. conicio ↩︎
    13. „Waren die Arbeiter ursprünglich nur formal unter das Kapital „subsumiert”, Handwerker, die als Lohnarbeiter für Kapitalisten arbeiteten, sind sie es jetzt zunehmend real. Sie werden zu einem bloßen Anhängsel der Maschinerie. Arbeiter und Arbeiterinnen brauchen keine Handwerkerfähigkeiten mehr, für ihre Aufgaben können sie leicht angelernt werden. Es entsteht so ein Produktionsapparat, der den Arbeitern selbst als „fremde Macht” (Marx 1857/1858, S.593) gegenübertritt.“ Thomas Weiß, in: Künstliche Intelligenz. Die große Verheißung. S387f. ↩︎
    14. Siehe dazu Karl Polanyi. The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge der Gesellschaften und Wirtschaftssysteme. 2019. ↩︎
    15. „Herkömmliche Maschinen lassen sich gar nicht so genau von Kl abgrenzen, weil bei genauerem Hinsehen schon einfache Maschinen nicht nur körperliche Arbeit, sondern immer auch geistige Tätigkeiten ersetzen oder ausüben. Ein Kolben in einem Zylinder etwa einer Dampflokomotive oder eines Automobils ,weiß’ durch die Art der Konstruktion, wie er sich zu bewegen, welche Richtungswechsel er vorzunehmen hat. Ein Differentialgetriebe, weiß durch die Art der Konstruktion, wie die Antriebskraft in Kurven unterschiedlichster Art auf die beiden Räder einer Achse zu verteilen ist. Ein Computer schließlich kann durch die Art der mechanischen oder elektronischen Konstruktion Rechenaufgaben lösen.“ Thomas Weiß, in: Künstliche Intelligenz. Die große Verheißung. S379f. ↩︎
    16. reprehendo ↩︎
    17. John Ford stellt die Fabrikation des Modells T, vulgo Tin Lizzie, im Jahr 1913 auf Fließbandarbeit um. ↩︎
    18. Die Turingmaschine wurde in einer ersten Fassung 1936 vorgestellt. ↩︎
    19. „Die große Erwartung, welche mit dem Slogan Internet of Everything einhergeht, ist die Vernetzung von Menschen, Prozessen, Daten und Dingen (Deckert 2019, S15). Diese Entwicklung kennzeichnet die Industrie 4.0, welche der Mechanisierung, der Elektrifizierung und der „(ersten) Automatisierung“ folgt“ (Deckert 2019, S12). Ronald Deckert. Digitalisierung und Industrie 4.0. Technologischer Wandel und individuelle Weiterentwicklung. Springer. Wiesbaden. 2019, zitiert in: Nadine Schumann / Yaoli Du, in: Künstliche Intelligenz. Die große Verheißung. S57. ↩︎
    20. Siehe Nancy Fraser. Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt. Berlin. 2023. ↩︎
    21. siehe Karl Marx. ↩︎
    22. incertus ↩︎
    23. „Die Turingmaschine ist als ein Berechnungsmodell konzipiert, und zwar auf eine mechanische Art und Weise, ebenso wie ein Mensch mathematische Aufgaben darstellt und löst. Der mathematische Gedankenprozess ist durch eine berechenbare Funktion dargestellt. Damit stellt sich gleichzeitig die Frage, ob nicht auch allgemeine Gedankenprozesse selbst durch Algorithmen dargestellt werden könnten. Die Analogie von Menschen und Maschine wird so vom menschlichen Körper und der physikalischen Maschinerie zur Symbolverarbeitungsfähigkeit und funktionaler Berechnung hin verschoben und die wirkmächtige Computeranalogie geboren. In dieser Sichtweise ist nicht mehr nur die Rechenmaschine funktional-symbolverarbeitend, sondern ihr Designer selbst (bzw. sein Gehirn) war dies schon immer. Unsere gegenwärtigen hochentwickelten technischen Systeme basieren auf Turings Berechnungsmodell, so dass man heute trefflich von einer sogenannte Infosphäre sprechen kann, die einer systematisch codierten, informationellen Umwelt entspricht (vgl. Floridi 2014).“ Nadine Schumann / Yaoli Du, in: Künstliche Intelligenz. Die große Verheißung. S48. ↩︎
    24. ursprünglich die Berufsbezeichnung für menschliche Rechenkräfte. ↩︎
    25. Wenn hier von Vernunft gesprochen wird, dann nur im Sinne der reinen Vernunft als das Reich der Logik. reprehendo ↩︎
    26. Schon gar nicht in seiner deprivativen Gestalt als Hausverstand. ↩︎
    27. Genau genommen ist auch die theoretische Vernunft von einem solchen Makel gezeichnet ist. Kurt Gödel hat uns mit seinem Unvollständigkeitssatz darauf hingewiesen. ↩︎
    28. Welche enormen Auswirkungen der informationsgläubige Dataismus auf alle Gesellschaftsbereiche hat, ist nicht zuletzt bei Byung-Chul Han nachzulesen. ↩︎
    29. In der neuen Welt der Kommunikation wird ein solches Bild Avatar genannt. ↩︎
    30. „Innerhalb der Philosophie des Geistes wird die theoretische Annahme der starken KI mit der Möglichkeit des künstlichen Bewusstseins gleichgesetzt. Der künstliche Mensch, der zu menschlichem Bewusstsein fähig sein soll, muss bestimmte Kriterien, wie z.B. Intentionalität (Fuchs 2009, S. 65) oder implizites Wissen aufgrund von leiblicher Sensomotorik als Umgehen-Können mitbringen (Irrgang 2020, S. 32). Im Unterschied zur maschinellen Intelligenz ist der gesamte Kontext der menschlich-leiblichen Intelligenz ausschlaggebend. Es ist die Erlebnis- und die Teilnehmerperspektive, die Erste- und Zweite-Person-Perspektive (1PP, 2PP), die sich durch die phänomenal-qualitative Selbstbezugnahme und die Vollzugsform auszeichnet (Schumann 2020, S. 33, 49). Wir erleben uns als handelnde Wesen in einer sozialen und natürlichen Umgebung, in der wir mit dem, was uns umgibt, umgehen lernen. Dieses Umgehen-Können ist mit Leiblichkeit verbunden und rekurriert auf die Verfasstheit eines natürlich evolvierten Bewusstseins (Irrgang 2020, S. 53). Will man natürliches Bewusstsein als Umgehen-Können in Robotern abbilden, dann ist dies allerdings nur in eindimensionaler Form möglich, d.h. ohne phänomenale Zustände und ohne die Vollzugsform des Teilnehmers (Irrgang 2020, S. 78). Während Lebewesen über Gefühle und implizites Wissen verfügen, die das Umgehen-Können mit sich in der Welt überhaupt erst möglich machen, kann KI dies nur simulieren und berechnen (Irrgang 2020, S. 79). Die bloßen Mechanismen der maschinellen Informationsverarbeitung reichen nicht hin, um phänomenal-qualitative Selbstbezugnahme, menschliches Handeln, komplexe Entscheidungsprozesse und urteilsgestütztes Verhalten vollständig abzubilden.“ Nadine Schumann / Yaoli Du, in: Künstliche Intelligenz. Die große Verheißung. S51f. ↩︎
    31. reprehendo ↩︎
    32. Was das für den skopischen Trieb und das Regime des Blicks bedeutet, muss an anderer Stelle erörtert werden. ↩︎
    33. Artificial General Intelligence ↩︎
    34. Wohlgemerkt: Sie nutzt nicht das gesamte Wissen der Menschheit, sondern das Wissen aller Menschen, die das Internet mit Informationen speisen. ↩︎
    35. Ich-Ideal und Idealich, siehe Lacan. ↩︎
    36. „Die Integration und Anwendung des semantischen Informationsbegriffes führen schließlich zu einem pragmatischen Verständnis von Information. Die nutzerbasierte Anwendung eröffnet neue Möglichkeiten der KI, welche nicht einfach menschliches Verhalten imitiert, sondern die Teilnahme an menschlichen Verhaltensweisen lernend erfährt. Sie ahmt nicht den menschlichen Verstand nach, sondern dessen Gebrauch. Diese Strategie hebt den Umgang von Menschen in zwischenmenschlichen Praxisformen mit den technischen Errungenschaften wie dem Internet hervor, und integriert so pragmatische Aspekte. In diesem Prozess sind Informationen nicht nur Bedeutungseinheiten formalisierter Daten, sondern beziehen auch das durch den Gebrauch (Nutzer) geteilte Wissen mit ein. Die heutige technische Infrastruktur der Netzverbindung und die Informationsverarbeitungsprozesse, welche auf semantischer Ebene stattfinden, ermöglichen technische Simulationen des menschlichen Zusammenlebens und speisen sich aus diesen. Unter einer gelingenden Simulation verstehen wir eine modellhafte ›Als ob‹-Einsicht der komplexen Realität. Unsere Urteilskraft ist dafür verantwortlich, ob wir einer Maschine oder einem Programm gewisse Kompetenzen zuschreiben und diese Zuschreibungen unterliegen schließlich unseren Zweckbestimmungen. Die Urteilskraft vereinigt Natürliches und Künstliches zu einer ›Als ob‹-Einsicht (Kant 1790, S. 21). Diese Einsicht wird als Hypothese in unserer Praxis angewendet und systematisch via Internet abgeglichen.“ Nadine Schumann / Yaoli Du, in: Künstliche Intelligenz. Die große Verheißung. 2021. S57ff. ↩︎
    37. Dass diejenigen, in deren Händen dieses Machtmittel liegt, nicht davor zurückschrecken die KI zu manipulieren, hat uns mehrfach und auf schamlose Weise Elon Musk bewiesen. ↩︎
    38. „Zwar gibt es sehr wohl noch Verbesserungen bei Training und Finetuning, die sich in besserer Leistungsfähigkeit aktueller LLMs niederschlagen. Die vor nicht allzu langer Zeit immer wieder zu hörende Prognose, dass solche Modelle einfach immer weiter skaliert werden können, scheint sich aber nicht zu erfüllen. Doch die Branche hat natürlich schon einen Ausweg parat: Sogenannte Reasoning-Modelle sollen frischen Schwung in die Entwicklung bringen. Die Idee dahinter: Eine KI diskutiert die Details zu einer Frage mit sich selbst in zahlreichen Schritten. Sie wägt also ab, um dann am Ende ein besseres Ergebnis zu liefern.“ derStandard: Zwischen Blase und Revolution: Ein Realitätscheck zum Thema Künstliche Intelligenz. 19.1.2025 https://www.derstandard.at/story/3000000253051/zwischen-blase-und-revolution-ein-realitaetscheck-zum-thema-kuenstliche-intelligenz
      „Reasoning ist die Antwort auf ein in letzter Zeit größer werdendes Problem von LLMs: Sie werden irgendwann das Internet „durchgelesen“ haben und sich damit nicht weiter verbessern können. „Menschliche Daten sind endlich. Selbst das Internet ist nicht unendlich groß“, sagt etwa KI-Experte Paul Röttger von der italienischen Università Commerciale Luigi Bocconi. „In den letzten Jahren wurden LLMs vor allem besser, weil sie größer und auf mehr Daten trainiert, also ’skaliert‘, wurden“, erklärt Röttger. „Modelle wie o1 ermöglichen nun eine neue Art von Skalierung, indem sie auch Antwortzeit in bessere Antworten auf komplexe Fragen umwandeln. Vereinfacht gesagt: Man muss LLMs nicht notwendigerweise mehr Daten geben, es genügt auch, ihnen mehr Zeit zum Nachdenken zu geben. Dieser Zugang ist, im Gegensatz zu anderen, noch nicht ausgereizt.“ derStandard: Warum die „Denkfähigkeit“ von Deepseek R1 und ChatGPT o1 ein Durchbruch ist. 30.1.2025 https://www.derstandard.at/story/3000000254654/warum-die-denkfaehigkeit-von-deepseek-r1-und-chatgpt-o1-ein-durchbruch-ist ↩︎
    39. Lacan würde sagen, … die wir an die Stelle des Objekts klein a setzen. ↩︎
    40. Auch im Tierreich scheint jeglicher Werkzeuggebrauch an eine gewisse Kommunikationsfähigkeit gebunden zu sein. reprehendo ↩︎
    41. Lacan nennt diese Ursache des Begehrens Objekt klein a. ↩︎
  • Was einem bei Lacan chinesisch vorkommt

    Als wäre die Sprache, in der sich Lacan für gewöhnlich an uns wendet nicht schon schwierig genug, erweckt er in einer kurzen Passage des Seminars mit dem Titel »Über einen Diskurs, der nicht des Scheins wäre«1 den Eindruck, als würde er jeden Moment ins Chinesische wechseln wollen. Er malt chinesische Schriftzeichen an die Tafel und bespricht aufs Eindringlichste einen Spruch des chinesischen Gelehrten Mengzi, der etwa zwischen 350 und 290 v. Chr. tätig war. Es geht ihm natürlich nicht darum uns in die chinesische Sprache bzw. Schrift einzuführen, wiewohl er dazu in der Lage gewesen wäre.2 Warum also dieser seltsame Vorstoß, der beinah wie ein Exkurs wirkt?

    Was man Lacan keinesfalls absprechen kann, ist, dass er in seinen Seminaren eine didaktische Ernsthaftigkeit an den Tag legt. Wenn er uns mit chinesischen Schriftzeichen konfrontiert, dann können wir sicher sein, dass er damit etwas ganz Bestimmtes vermitteln will, das sich anders nicht in adäquater Weise darstellen lässt. Was das sein könnte und ob wir es hier nicht weniger mit einem seltsamen Exkurs, als viel mehr mit einem präzisen Kurshalten zu tun haben, soll in den nachfolgenden Betrachtungen ergründet werden.

    Die alles in allem schwer verständliche Passage lässt sich vielleicht besser verstehen, wenn wir sie in langsamem Tempo erneut durchschreiten.

    Zeichen und Ontologie

    Lacan führt zunächst das chinesische Schriftzeichen für Natur (xing) ein,3 mit dem Verweis darauf, dass es in der Natur von Signifikanten nur so wimmelt.4 Das mutet einigermaßen seltsam an, bemüht er sich ansonsten doch sehr, den unmittelbaren Bezug auf die Natur zu vermeiden. Genau dort, wo sich Freud zögerlich in biologistischen Metaphern ergeht – etwa in »Jenseits des Lustprinzips«5 –, verweigert ihm Lacan die Gefolgschaft. Man kann mutmaßen, dass Lacan in seiner Forschung an einen Punkt gelangt war, der ihn dazu nötigte den Sachverhalt zu klären. Wenn ich die Spekulation noch ein wenig weitertreibe, könnte Lacans Bedürfnis die Natur ins Auge zu fassen mit der Modifikation in Zusammenhang stehen, die seine Semiotik gerade zu der Zeit erfährt. Er stellt seine Semiotik auf eine neue Grundlage, weg von der Linguistik hin zur Logik und das heißt, weg von der saussurschen Dichotomie hin zu einem semiotischen Dreieck, wie es etwa von Peirce oder Frege gefasst wurde.6 Der Referent beginnt für ihn eine wichtige Position einzunehmen. Anlass für diesen Wechsel ist der Versuch das Reale, wenn schon nicht greifbar, so doch begreifbar zu machen.

    Es galt zwei Fragen zu klären: Wie ist es möglich, dass sich das Ding in den Gegenstand der Vorstellung einschreibt, und damit verbunden – in welcher Weise bezieht sich die Psychoanalyse auf die Natur?

    In dem Passus über das chinesische Schriftzeichen für Natur versucht Lacan zunächst auf die zweite Frage eine Antwort zu geben. Und er tut dies, indem er die Frage umformuliert. Er möchte wissen, auf welche Natur sich die Psychoanalyse bezieht. Was Lacan ins Blickfeld rückt, ist keineswegs so etwas wie die Natur im Sinne eines bloß Gegebenen. Die Natur existiert für uns nur, weil in ihr der Signifikant herumläuft. Als Beispiel nennt er die Konstellationen der Sterne, denen die Menschen seit jeher Bedeutung zuschreiben. Das Beispiel ist nicht beliebig gewählt, da es sich in gewisser Weise auf das chinesische Schriftzeichen für Fügung des Himmels (mìng) bezieht, das Lacan ebenfalls in dem Buch von Mengzi findet und zwar an einer Stelle unmittelbar neben dem Zeichen für Natur.7

    Wir haben also zwei Schriftzeichen, aber noch keine Spur von dem Spruch Mengzis, auf den das alles hinauslaufen soll. Während uns Lacan auf die Folter spannt, könnten wir uns die beiden Schriftzeichen näher ansehen.

    Da es sich bei der chinesischen Schrift um eine Bilderschrift handelt, können wir das Bildhafte an den Zeichen einer Interpretation unterziehen, selbst dann, wenn wir der chinesischen Sprache nicht mächtig sind. Es besteht die Hoffnung, dass wir zumindest in dem einen oder anderen Fall die Bedeutung auf ein Bild zurückführen können, das uns geläufig ist, weil es allen Menschen bekannt ist.

    – (xing)  Natur

    Das Markante an dem chinesischen Zeichen für Natur ist der starke horizontale Pinselstrich,8 der das Zeichen nach unten hin abschließt. Er bildet gewissermaßen die Basis für den darüberliegenden Aufbau. Die Deutung dieses Basisstrichs als hypokeimenon im ontologischen Sinn ist nicht weit hergeholt. Nach Aristoteles fungiert die Substanz als Trägerin der Eigenschaften eines Subjekts oder eines Gegenstands. Mit diesem Basisstrich ist zugleich auch eine Grenze nach unten hin gezogen und es lässt sich diskutieren, ob das, was wir Substanz nennen als diese Grenze gerade noch greifbar ist oder ob der Grenzstrich selbst schon der Ordnung eines Realen im Sinne Lacans angehört, zu der wir keinen direkten Zugang haben.

    Irgendwie scheinen die Natur und die Fügung des Himmels in Beziehung zu einandern zu stehen und diese Beziehung kann nicht allein darin gegeben sein, dass sie in der Sammlung der Mengzi-Texte nebeneinander angeführt werden.

    (mìng) – Fügung des Himmels

    Das Markante an dem chinesischen Zeichen für die Fügung des Himmels ist der giebelartige Dachaufbau, der aus zwei schräg zueinander stehenden Pinselstrichen gebildet wird. Darin ist zweifellos ein Abschluss nach oben hin zu sehen und, da wir uns auf Zeichenebene bewegen, auch gemeint. Dieses „Dach“ hat nun das mìng-Zeichen mit dem chinesischen Zeichen für Himmel gemein, auf das wir aus guten Gründen ebenfalls eine Blick werfen sollten.

    (tiān) – Himmel

    Wenn ich die beinah hermetisch wirkende Stelle des Sem XVIII richtig deute, in der es heißt …

    Ich habe zu Ihnen über die Sterne, genauer gesagt, über Konstellationen gesprochen, denn es gibt Stern und Stern. Über Jahrhunderte, dennoch, ist der Himmel das – Das ist der erste Strich, der, der oberhalb ist, der wichtig ist. Das ist eine erhöhte Bühne, eine Wandtafel.9

    … dann hat es den Anschein als wäre in dem Seminartext die Abbildung des Zeichens für Himmel, das Lacan offenbar an die Tafel gemalt hatte, unterschlagen worden. Es hätte in dem kryptischen Satz wohl an der Stelle des Gedankenstrichs stehen sollen. Ich denke, der Umstand, dass wir beim Lesen des Seminartexts das Zeichen für Himmel an der entscheidenden Stelle nicht unmittelbar vor Augen haben, trägt viel zu den Schwierigkeiten bei, die uns das Verständnis der betreffenden Teststellen bereitet.

    Sobald wir dieses Zeichen sehen, wird klar, was Lacan mit dem oberen, wichtigen Strich meint. Da dieser wichtige Strich oberhalb des „Dachs“ positioniert ist, gehört er nicht mehr zur Welt. Er bildet als Schauplatz einer Wahrheit das transzendentale Gegenstück zu dem basalen Substanzstrich des Zeichens für Natur.

    Das Dach-Piktogramm im Zeichen für Himmel bildet ebenfalls einen Abschluss hin zu einer Sphäre, die uns nicht unmittelbar zugänglich ist. Somit weist es denselben Status auf, wie der Basisstrich des Zeichens für Natur – je nach Sichtweise ist das, wofür es steht noch begreifbar oder bereits unbegreiflich. Gemeint ist damit jedenfalls nichts anderes als das „Dach der Welt“. Das, was wir Welt nennen, spannt sich bildlich gefasst zwischen dem Dach (tiān) und der Basis (xing) zweier chinesischer Schriftzeichen auf und vermittelt sich uns über Signifikanten, die wie ein Menetekel an der Wandtafel erscheinen, weil das Firmament der Wissenschaft empfänglich ist für die Abbilder einer darüberliegenden Wahrheit. So würde das zumindest Platon sehen. Was für ein reizvoller Gedanke, den uns hier Lacan mit der, wenngleich verunglückten, Gegenüberstellung zweier chinesischer Schriftzeichen liefert – die Welt als ein Gezerre zwischen Aristoteles (xing) und Platon (tiān).

    Wie kommt das Mehrgenießen in die Natur?

    Die Fragen, die sich nun stellen würden, lauten: Mit welchen Mitteln wird die Welt errichtet und mit welchen Mitteln richten wir uns in der Welt ein? Doch Lacan geht es um etwas anderes. Er versucht unseren Blick nicht auf die Signifikanten zu lenken, sondern auf das Symptom und dessen Möglichkeit. Während die Natur offenbar voller Signifikanten ist, scheint ihr das Symptom, auf den ersten Blick zumindest, fremd zu sein, obwohl es sich als Signifikant gibt. Der Grund dafür ist in der Ursache für die Symptombildung zu suchen, die mit einem Mehrgenießen in Verbindung steht, das allein einem Subjekt zugeordnet ist. Wenn die Natur jedoch nicht ein bloß Gegebenes ist, sondern etwas, das in uns Menschen irgendwie eingeschrieben ist, dann muss in ihr etwas von diesem ominösen Mehrgenießen am Werk sein, das sich bekanntlich ebenfalls einschreibt. Wie sollte sich die Körperhaftigkeit des Signifikanten, als welcher das Symptom auftritt, anders verstehen lassen?

    Genau an diesem Punkt angelangt, bringt Lacan das schon erwähnte mìng-Zeichen ins Spiel, und zwar als eine Metapher, wie ich meine. Fügung des Himmels bedeutet soviel wie Schicksal oder Bestimmung. Wenn wir das so sehen, merkt Lacan ironisch an, dann können wir es auch damit bewenden lassen und sagen: „es ist so, weil es so ist“. Dann können wir es damit bewenden lassen, dass „Freud erkannte, dass es das Symptom gab“10 und unbeirrt im Diskurs des Psychoanalytikers fortfahren. Im Seminar XVIII geht es aber darum einen Diskurs freizulegen, der nicht des Scheins wäre. Die Existenz des Symptoms macht es nötig die duale Semiotik der Linguisten – über deren zeitgenössische Zunftvertreter Lacan in dieser Sitzung ordentlich herzieht – in einer Weise zu gebrauchen, die das gewohnte Schema verlässt und letztlich auf ihre Verwandlung in eine Trichotomie hinausläuft, die neben dem Signifikanten und dem Signifikat eben auch einen Referenten kennt. Denn die Natur kommt mit dem Referenten ins Spiel.

    Wenn sich die Welt zwischen dem Dach des Himmels und der Basis der Natur aufspannt, dann besteht das Getriebe in ihr aus den Effekten der Korrespondenz zwischen diesen beiden Polen. Genau dies, scheint das Ming-Zeichen als Fügung des Himmels zu vermitteln. Seine Bedeutung als Schicksal verstellt gewissermaßen die andere, für Lacan wichtige Bedeutung, namentlich jene als Bestimmung oder als Auftrag, aber auch als Mandat.11 Für welchen dieser Begriffe man sich auch entscheiden mag, es klingt darin jedenfalls so etwas wie ein Befehl an, von dem sich nicht zu jeder Zeit klar sagen lässt, ob er Ausdruck eines Triebs ist oder auf ein göttliches Gebot zurückgeht.

    Das heißt nun nichts anderes, als dass sich die Fügung des Himmels auch aus der Natur des Menschen ergeben kann. Ich denke, genau darauf möchte uns Lacan hinweisen, wenn er auf die „merkwürdige(n) kleine(n) Tricksereien von faulem Zauber und Vertauschung zwischen dem Xing und dem Ming“ hinweist, die wir Menschen stets betreiben würden. All das ist Ausdruck innerweltlicher und damit innenweltlicher Vorgänge, wenn man das so sagen kann. Es macht weder Sinn den Ratschluss eines höheren Wesens dafür kenntlich zu machen, noch das kausalistische oder gar utilitaristische Kalkül einer Evolutionsbiologie zu bemühen.

    Schrift und Sprache

    Lacan hat im Verlauf der Sitzung ein paar chinesische Schriftzeichen an die Wandtafel gemalt, deren Zusammenhang nicht ohne weiteres klar ist. Dort, wo er sich in Andeutungen ergeht, können wir Interpretationen oder gar Spekulationen wagen. Das ist zwar nicht ohne Gefahr, aber legitim. Ich möchte sagen, er fordert uns geradezu dazu heraus. Möglicherweise rührt Lacans Geiz, was die nähere Ausführung betrifft, daher, dass es ihm zunächst bloß darum geht, unserem phonetischen Alphabet das so andersartige Konzept der Bilderschrift entgegenzustellen, unseren westlichen Phonologozentrismus mit einem fernöstlichen Imagologozentrismus, wenn man das so nennen will, zu konfrontieren.

    Zu Beginn der 4. Sitzung, die den Titel ›Das Geschriebene und die Wahrheit‹ trägt, schreibt/malt Lacan endlich „diese kleine Formel“12 von Mengzi in chinesischen Schriftzeichen an die Tafel und merkt an, dass es in der Folge um die Funktion der Schrift gehen wird, denn die Schrift sei ganz unzweifelhaft in dem wirksam, was die Psychoanalytiker beschäftigt.

    Er gibt zu, dass die Vergleichbarkeit dessen, worin die chinesische Schrift die Funktion zur Stützung einer gesellschaftlichen Struktur wahrnimmt, mit demjenigen, was in unseren westlichen Gesellschaften Funktion der Schrift ist, lange Zeit nicht wahrgenommen wurde. Als Grund führt er an, dass die Herkunft der chinesischen Schrift eine völlig andere ist und dass sie nirgends mit so etwas wie dem abendländischen, philosophischen Phylum13 in Verbindung steht. Lacan weist also darauf hin, dass wir es mit zwei völlig unterschiedlichen Schriftkonzepten zu tun haben, die mit unterschiedlichen Philosophien korrespondieren. Doch so unterschiedlich die Konzepte auch seine mögen, beide lassen sich mit denselben Mitteln im Hinblick auf den Ursprung und die Funktion der Schrift als solcher befragen.

    Lacan beginnt nun die einzelnen Zeichen der Formel vorzustellen. Er startet mit der Übersetzung der ersten beiden Zeichen14

    天下 (tiān xia) – unter dem Himmel

    Was das Verständnis in der Folge erschwert, ist, dass er uns den vollständigen Ausdruck dessen, was Mengzis Spruch vermittelt, weiterhin schuldig bleibt. Ich würde das nicht zur Gänze Lacans bekannter Boshaftigkeit zuschreiben. Seine Vorgehensweise lässt sich vielleicht dadurch rechtfertigen, dass er unsere Aufmerksamkeit zunächst auf ein paar Eigenarten der chinesischen Schriftzeichen als solche lenken möchte, etwa die ihrer genuinen Mehrdeutigkeit, die selbst die Grenzlinien der unterschiedlichen Wortarten zu ignorieren scheint. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür bietet das nächste Zeichen, das er hervorhebt …

    (yán) – Sprache, Sprechen, sprechen

    Ein und dasselbe Zeichen kann mehrere, auch grammatikalisch, völlig unterschiedliche Bedeutungen annehmen. Offenbar hat die chinesische Schrift weniger Signifikanten, aber dafür mehr Signifikate, die unter diesen Signifikanten vorbeiziehen, als dies etwa bei alphabetischen Schriften der Fall ist.15 Es ist unter anderem diesen Eigenart, die die chinesischen Schriftzeichen für Lacan so interessant macht und er weißt ausdrücklich darauf hin …

    Auf der Stufe, auf der es hier geschrieben steht, kann dieses Schriftzeichen folglich ebenso Sprechen wie Sprache bedeuten. Derartige Ambiguitäten sind absolut fundamental im Gebrauch dessen, was geschrieben wird, und das macht die Tragweite dessen aus, was ich schreibe.16

    Und dann präzisiert er die Übersetzung eines bestimmten Abschnitts des Spruchs …

    Wir könnten also auch sagen, dass die Sprache, insofern sie in der Welt, insofern sie unter dem Himmel ist, eben das ist, was xing macht, die Natur. Tatsächlich ist diese Natur, zumindest bei Mengzi, nicht irgendeine Natur, es handelt sich genau um die Natur des sprechenden Wesens …17

    Lacan entscheidet sich also zunächst dafür das yán mit Sprache zu übersetzen.

    Damit bringt er endlich auf den Punkt, was er in den vorangegangenen Ausführungen vorbereitet hatte. Das, was sich zwischen dem Himmel und der Natur aufspannt, ist nichts anderes als ein Effekt der Sprache, die uns menschliche Wesen auszeichnet. Darauf, dass uns die Sprache nicht nur auszeichnet, sondern auch zeichnet, deuten die nächsten beiden chinesischen Zeichen hin, die Lacan gesondert in den Blick nimmt …

    (zé) – Folge oder folglich

    (gù) – Ursache oder Grund

    Die Sprache ist nicht bloß eine Eigenschaft des Menschen, sondern Ursache einer Wirkung. Aber was bedeutet das?

    Der Spruch

    Ich denke, es ist nun an der Zeit, entgegen Lacans Intention, die vollständige Übersetzung des Spruchs von Mengzi auf die Wandtafel zu schreiben. Zu groß wäre die Gefahr, dass uns seine mögliche Bedeutung entgeht, während wir uns mit seinem Sinn, also der Weise seines Gegebenseins, beschäftigen. Lacan selbst weist in dem kleinen Exkurs, den er auf die Einführung von und folgten lässt, auf diese Gefahr hin, allerdings ohne dass er uns damit in punkto Klarheit einen Dienst erweisen würde.18

    Der Spruch des chinesische Gelehrten lautet in der Übersetzung, die Lacan angeblich zur Verfügung stand …

    Überall unter dem Himmel, wenn man von der Natur spricht, will man von den natürlichen Wirkungen sprechen. Die natürlichen Wirkungen haben zunächst diese Besonderheit, dass sie spontan erfolgen.19

    Die deutsche Übersetzung der französischen Übersetzung aus dem Chinesischen, die von Séraphin Couvreur stammt, wurde von Rolf Nemitz vorgenommen. Da eine Übersetzung immer eine Interpretation ist, dürfen wir die Worte nicht einfach so stehen lassen. Weil Rolf Nemitz das weiß, führt er in der Fußnote zum Seminartext neben dieser ersten Übersetzungsvariante noch zwei weitere Varianten an …

    Überall unter dem Himmel, wenn man von der Natur spricht, geht es tatsächlich nur um eine ursprüngliche Gegebenheit. Nun, die ursprüngliche Gegebenheit hat ihre Wurzel im Profitablen.

    Diese Übersetzung gibt die neuere, französische Übersetzung des Spruchs durch Anne Cheng wieder.

    Rolf Nemitz macht sich darüberhinaus die Mühe und synthetisiert die bei Lacan im Seminartext verstreut liegenden Abschnitte des Spruchs  zu folgendem Ausdruck …

    Bei allem, was unter dem Himmel ist, macht das Sprechen die Natur [des Menschen] aus … infolgedessen hat sie keine andere Wirkung (hat) als die … als Triebkraft / als Ursache den Gewinn [den Mehrwert, die Mehrlust] hervorzubringen.

    Das Entscheidende an Lacans Übersetzung/Interpretation ist, dass er das genuine Vermögen der chinesischen Bilderschrift nutzt, das drin besteht, dass es in ihr nicht zu einer Auslöschung der einen Bedeutung kommt, wenn man sich für die andere Bedeutung entscheidet. Yán steht zugleich für Sprache und sprechen und müsste in einer verbindlichen Übersetzung entweder die eine oder die andere Bedeutung annehmen. Lacan versucht das offenzuhalten, indem er vom Sprechen als von der Natur des Menschen spricht und dabei die Sprache als Signifikantensystem mitdenkt.20 Die Finte hierbei ist, das Nomen vor das Verb zu schieben, ohne das Verb zu verdecken. Nur in einer solchen Mehrdeutigkeit bleibt die Sprache mit dem Sprechen verbunden.

    Für eine Wissenschaft, die das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert sieht, ist die Verknüpfung von Funktion und Struktur von allergrößter Bedeutung. Weil das Sprechen mit einem verdrängten Signifikantensystem in Verbindung steht, ist so etwas wie Metaphernbildung und damit die Ersetzung eines Signifikanten durch einen anderen möglich. Das Entscheidende an dem Scharnier von Verdrängung und Wiederkehr ist, dass sich die Signifikanten in das Unbewusste einschreiben, d.h. verschriftlicht werden und dass sie sich in der Wiederkehr ebenfalls einschreiben, weil sie zu Schriftzeichen geworden sind. Bei der Lalangue handelt es sich genau genommen um ein Sprechen, in das sich verdrängte Signifikanten einschreiben.

    Mengzis Spruch enthüllt uns – zumindest in Lacans Deutung  –, was diesen Mechanismus in Gang setzt. Es ist der Umstand, dass es die Natur des Menschen ist zu sprechen. Diese sprachliche Natur des Menschen ist es, die das Mehrgenießen hervorbringt, das seinerseits zur Ursache des Begehrens wird, und zwar als das nicht existente reale Ding, das für Lacan das imaginäre Objekt a darstellt.

    An dieser Stelle ist es wichtig festzuhalten, dass es genau dieser Umstand ist, der Lacan in die Lage versetzt seinen Nominalismus zu verteidigen. Wenn die Natur (des Menschen) von der Sprache hervorgebracht wird, lässt sich der Trieb nicht mehr ohne weiteres auf seine biologistische Deutung reduzieren. Der Trieb muss als ein Spracheffekt begriffen werden. Es handelt sich bei ihm um keine ominöse Naturkraft, die mit dem Instinkt zu verwechseln wäre. Dasselbe gilt natürlich, möchte man sagen, für das Symptom als Metapher eines verdrängten Begehrens.21

    Daran erlaube ich mir alles in allem zu erkennen, dass wegen dem, was es mit den Effekten des Diskurses auf sich hat, wegen dem, was unter dem Himmel ist, das, was sich daraus ergibt, nichts anderes ist als die Funktion der Ursache, insofern sie das Mehrgenießen ist.22

    Wie sich dieses Mehrgenießen, etwa in Gestalt des Symptoms dessen Ursache es ist, einschreibt, ist damit noch nicht geklärt. Das, was Lacan wichtig war herauszustellen auf dem Kurs, den er über den Spruch des Mengzi genommen hatte, ist, dass es das Sprechen ist, das solche Effekte hervorbringt und dass wir es dabei mit einer universellen Eigenschaft von Sprache zu tun haben, die in einem Mangel besteht. Wie von einem Virus werden wir Menschen von der Sprache befallen und wir können uns den Effekten eines Diskurses nicht entziehen, weil er als Spracheffekt zu unserer Natur gehört.

    Das Geschriebene und die Wahrheit

    Lacan hofft seine Hörer durch die Bezugnahme auf das chinesische Schriftsystem wohl auch näher an die Schnittstelle zwischen Signifikant und Signifikat heranzuführen, die eben nicht nur aufgrund von Verweiskraft, sondern auch über die Ähnlichkeit, die im Bildhaften wirkt, zueinander in Beziehung treten können. Dieses Zeichenvermögen ist besonders im Hinblick auf das Symptom von Bedeutung, sofern an der Einschreibung eines Zeichens in den Körper oder in ein Sprechen immer auch eine Einbildung, im Sinne der Imagination, beteiligt ist. Lacan versucht also durch den Rückgriff auf das chinesische Zeichensystem das, was in der phonetischen Notation ausgeschlossen wird, in unser Blickfeld zu rücken. In dieser Geste ist nichts an den Haaren herbeigezogen. Erinnern wir uns daran, wie uns Freud die Traumsprache als eine Art Rebus vorstellt, in dem sprachliche Versatzstücke und Bilder gemeinsam auf einen latenten Trauminhalt verweisen.

    Das, was Lacan an der chinesischen Schrift möglicherweise fasziniert, ist, dass sie Wort- und Sachvorstellungen auf eben diese verflochtene Weise wiederzugeben vermag. Im Geschriebenen verrät sich eine Wahrheit, die dem Sprechen nicht auf genuine Weise zugänglich ist. Das wird auf das Genaueste daran erkenntlich, dass sich die Chinesen beim Sprechen bisweilen der Schriftzeichen bedienen, um sich besser verständlich zu machen, weil die lautliche Differenz nicht immer in ausreichendem Maße gegeben ist. Um sein Sprechen im Alltag zu präzisieren und sich seinem Gesprächspartner damit besser verständlich zu machen, malt dann der Sprecher mit dem Zeigefinger der einen Hand die entsprechenden Zeichen in die offene Handfläche23 seiner anderen Hand. In diesem Falle geht das Sprechen auf bemerkenswerte Weise mit einem Schreiben einher. Das sollten wir als Hinweis darauf nehmen, dass – anders als bei uns – in der chinesischen Kultur die Sprache auf gewisse Weise der Schrift bedarf.24 Vielleicht versetzt dieser Umstand andererseits die Sprecher/Schreiber des Chinesischen auch besser als uns in die Lage das Eingeschriebene in ein Sprechen zu verwandeln, weil es sich dabei geradezu um eine alltägliche Geste handelt. Wir benötigen dafür offenbar das Mittel der Dekonstruktion oder gar eine ganze Psychoanalyse.

    Wie dem auch sei, Ziel der Talking Cure ist es, in dem, was sich in ein Sprechen einschreibt eine Wahrheit zu entdecken. Diese Wahrheit ist nur insofern zugänglich, als es sich dabei um etwas Geschriebenes handelt. Darauf, dass an dem Vorgang auch Bilder beteiligt sind und diese bisweilen auch die Oberhand gewinnen können, muss nicht eigens hingewiesen werden. Wie diese Bilder in die Signifikantenkette eingeflochten sind, davon vermittelt uns die chinesische Bilderschrift eine Ahnung. Wenn das Unbewusste strukturiert ist wie eine Sprache, dann korrespondiert dieser Sprache jedenfalls eine Bilderschrift, d.h. eine Schrift in der Bilder und Symbole nebeneinander und zugleich am Wirken sind.

    Die chinesische Bilderschrift scheint wie geschaffen zu sein für eine Sprache, die ihrerseits in ganz besonderem Maße von der Homophonie gekennzeichnet ist. Die berühmte »Geschichte des Shi, der Löwen isst« gibt ein eindrückliches Zeugnis davon. In dem Gedicht, das im klassischen Chinesisch verfasst ist, werden alle 96 darin enthaltenen Zeichen auf beinah die gleiche Weise als „shi“ ausgesprochen. Der Unterschied ist offenbar selbst für geübte Hörer, die einem geübten Sprecher zuhören, nur schwer auszumachen. Im Sprechen ist somit der Zugang zur Wahrheit einer Bedeutung nicht unmittelbar gegeben. Erst das Schriftzeichen dringt zu dieser vor und muss deshalb beigebracht werden. Nun existiert Homophonie auch in unseren Sprachen, namentlich im Französischen scheint sie weit verbreitet zu sein. Wie auch immer, wenn sich die Bedeutung auf Alltagsebene mithilfe eines Schriftzeichens bzw. im geschriebenen Wort verdichtet hat, das seinerseits gedeutet werden kann, ist der Spuk meist vorbei. Und das sollte er auch am Ende der psychoanalytischen Gesprächstherapie sein, wobei wir es dort bekanntlich nicht mit einem kontextuellen Mangel, sondern mit einem genuinen Mangel zu tun haben.25

    Poesie

    Neben der chinesischen Alltagspraxis beim Sprechen Schriftzeichen zur Klärung der Bedeutung heranzuziehen, lässt sich möglicherweise noch ein weiterer Beweggrund entdecken, der Lacan dazu veranlasst, chinesische Schriftzeichen vor unseren Augen tanzen zu lassen. In einer Bilderschrift, wie der chinesischen, wird der Ambiguität des Zeichens, die Genese des Zeichens entgegengestellt. Dadurch, dass die Elemente (Silben) aus denen die Zeichen einer Bilderschrift zusammengefügt sind, ihrer eigenständigen Bedeutungen nicht verlustig gehen, dadurch, dass diese Bedeutungen im Bild des Komposit-Zeichens präsent bleiben, wird dem Gleiten der Signifikate unter den Signifikanten gleichsam eine Richtung gegeben. Ein chinesisches Schriftzeichen erscheint somit mehr als Satz denn als ein Eigenname.26 Genau dieser Umstand vertieft das metaphorische und metonymische Potential. Dadurch, dass die Genese des Zeichens im chinesischen Schriftzeichen selbst präsent bleibt, richten sich die darin eingefalteten metaphorischen oder metonymischen Bedeutungen beim Schreiben, also bei der Reproduktion eines Schriftzeichens, mit auf. Während die alphabetische Notation das Bild aus dem Schriftzeichen verdrängt, bleibt in der Bilderschrift die volle Potenz des Imaginären erhalten. Man könnte sagen, in das Schriftzeichen selbst finden sich Bilder und Symbole eingeschrieben. Ein Bilderzeichen dieser Prägung liefert Kondensationspunkte für Metaphernbildung und metonymische Verzweigungen gleich mit. Wenn auch bestimmte Bedeutungslinien auf diese Art vorgezeichnet erscheinen, wäre es verfehlt daraus den Schluss zu ziehen, dass das metaphorische bzw. metonymische Vermögen in der chinesischen Schrift irgendwie gebunden wäre. Ein Nicht-alles bleibt virulent, aber zugleich führt das im Komposit-Zeichen eingefaltete, semantische Potential zu einer Explosion der Bedeutungen, die darin changieren können, ohne sich gegenseitig auszulöschen. Es liegt auf der Hand, dass genau darin der große Stellenwert der Kalligraphie und die Besonderheit des poetischen Vermögens der chinesischen Schrift gründen. Die chinesische Poesie erwächst nicht aus einem Sprechen, das sich gegen das Vergessen wendet, sondern aus einer Schrift, die das Ersetzen und das Verschieben von Bedeutungen präsent hält.


    1. Der hier versuchte Kommentar bezieht sich auf eine bestimmte Passage von Jacques Lacans Seminar XVIII. Über einen Diskurs, der nicht des Scheins wäre. Die ins Visier genommene Textstelle umspannt etwa die zehn Seiten zwischen der 58. und der 69. Seite der deutschsprachigen Ausgabe (Turia+Kant), welche am 18. September 2025 im Arbeitskreis der Neuen Wiener Gruppe/Lacan-Schule gelesen und diskutiert wurde. ↩︎
    2. Lacan hat als junger Mann unter anderem auch Chinesisch studiert. ↩︎
    3. Zuvor hatte er in der Sitzung schon das Yang-Zeichen (陽 yáng, das Männliche) und das Wei-Zeichen (為 wéi, agieren, handeln, wirken) an die Wandtafel gemalt. ↩︎
    4. ebd. S58. ↩︎
    5. siehe Sigmund Freud. Jenseits des Lustprinzips. Studienausgabe Bd.III, S254ff. ↩︎
    6. „Ab 1971 ist die Verschiebung des Schwerpunkts weg von der Linguistik hin zur Mathematik von der Tendenz begleitet, die Dichtung und die Mehrdeutigkeit der Sprache stärker zu betonen, wie es an Lacans wachsendem Interesse an der »psychotischen Sprache« von James Joyce abzulesen ist (siehe Lacan, 1975a, S. 1975–76). Das spiegelt sich in Lacans eigenem Stil wider, der nun noch dichter mit Wortspielen und -schöpfungen gespickt wird.“ Dylan Evans. Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Turia+Kant. 2002. ↩︎
    7. „Kurz und gut, neben diesem Begriff des Xing, Natur, kommt plötzlich der des Ming heraus, die Fügung des Himmels.“ ebd. S58. ↩︎
    8. Können wir den einzelnen Pinselstrich eines chinesischen Schriftzeichens als Buchstabe bezeichnen? ↩︎
    9. ebd. S58. ↩︎
    10. ebd. S59. ↩︎
    11. reprehendo ↩︎
    12. ebd. S63. ↩︎
    13. im Sinne von Entwicklungsstamm. ↩︎
    14. ebd. S65. ↩︎
    15. Die chinesische Schrift kennt etwa 100.000 Zeichen. Allein der Duden enthält für die deutsche Sprache bereits 145.000 Wörter, die wir als äquivalent zu den Schriftzeichen betrachten müssen. Die tatsächliche Zahl der deutschen Wörter ist noch beträchtlich höher. Dass an der getroffenen Vermutung etwas Wahres sein muss, zeigt uns auch ein direkter Vergleich mit einem beliebigen Beispiel aus unserer Sprache. Betrachten wir – warum nicht – Sprechen und sprechen. Der Anschein, dass es sich hierbei um dasselbe Zeichen handeln würde, das einmal als Nomen und einmal als Verb fungiert, ist nicht richtig. Die Versalie am Beginn des Nomen markiert diesen wichtige Unterschied. Sie steht für den unterschlagenen Artikel. Wir lesen das Zeichen Sprechen insgeheim als Dassprechen. Im Chinesischen hingegen gibt es eine solche Differenzierung nicht. reprehendo ↩︎
    16. ebd. S66. ↩︎
    17. ebd. S66. ↩︎
    18. Wenn Lacan hier vom logischen Positivismus spricht, dann hat er die Entwicklung der Logik zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Blick, als sich bereits herausgestellt hatte, dass sich die Arithmetik nicht aus einem mengentheoretischen Axiomensystem herleiten lässt. Russel hatte mit seiner berühmten Antinomie Freges Bemühungen zunichte gemacht. Von dort war es dann nicht mehr weit zu Gödels Unvollständigkeitssatz, der auch die Logik in ihren Grundfesten erschütterte. Um das Problem mithilfe zweier zentraler Begriffe der Fregeschen Semiotik auszudrücken: Es ist nicht nur so, dass sich nicht zu jedem Sinn (Weise des Gegebenseins einer Aussage) eine Bedeutung (Wahrheitswert einer Aussage) finden lässt. Unglücklicherweise macht auch nicht jede Bedeutung Sinn – womit wir eine treffliche Umschreibung des Symptoms gegeben haben. ↩︎
    19. Die Quellenangaben zu den Übersetzungen von Séraphin Couvreur und Anne Cheng finden sich in Fußnote 12 zum Artikel ›Jacques Lacan – Seminar XVIII, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre. 4. Sitzung, 17. Februar 1971‹ auf »Lacan entziffern« – https://lacan-entziffern.de/phallus/jacques-lacan-seminar-xviii-4-sitzung-17-februar-1971-uebersetzung/?utm_source=chatgpt.com ↩︎
    20. ebd. S66. ↩︎
    21. „Das Symptom geht in einer Analyse der Sprache vollständig auf, denn das Symptom selbst ist strukturiert wie eine Sprache.“ Ec, 269. ↩︎
    22. ebd. S69. ↩︎
    23. die Wandtafel. ↩︎
    24. Weil in dieser Tradition das Sprechen der Schrift bedarf und nicht, wie in unserer Tradition, die Schrift des Sprechens, ist die Japanerin von S71 schockiert. ↩︎
    25. Einen ganz besonderen Fall einer Homophonie bildet übrigens Lacans Neologismus Nom-du-Père. In diesem Ausdruck, der mehr von einem chinesischen Schriftzeichen hat, als von einem gewöhnlichen Kompositum unserer Sprache, erscheint die Wahrheit sowohl im Gesprochenen, als auch im Geschriebenen. Und das heißt nichts anderes als, dass in das Aussprechen des Verbots (non du père) der Herrensignifikant (Nom-du-Père) eingeschrieben ist. Die Wahrheit des einen liegt in der Wahrheit des anderen und umgekehrt. Genau das drückt die homophone Lautung hier aus. ↩︎
    26. Interessanterweise besteht für den Logiker Frege zwischen einem Satz und einem Eigennamen kein Unterschied. Nachzulesen in seinem Aufsatz Über Sinn und Bedeutung von 1892. ↩︎
  • Über die Erforschung der eigenen Meinung

    Man kann für lange Zeit einer bestimmten Meinung sein, ohne diese je näher bestimmt zu haben. Kommt dann irgendwann der Moment, da diese Meinung auf eine Gegenmeinung trifft, stellt man verblüfft fest, dass man kaum in der Lage ist den eigenen Standpunkt zu explizieren, geschweige denn zu verteidigen. An diesem Punkt angekommen, schlagen unterschiedliche Menschen unterschiedliche Wege ein, um zu einer validen Überzeugung zu gelangen. Denn die wackelig gewordene Meinung kann nicht im Zustand der Unbestimmtheit verbleiben, in den sie geraten ist. Sie würde als ein Loch im Konstrukt der Selbstgewissheit ein stetes Ärgernis bedeuten.

    Sehen wir genau hin. Es geht von da an nicht mehr bloß darum sich eine Meinung von einem Sachverhalt zu bilden. Man ist bestrebt die Meinung zu bestätigen und auf ein sicheres Fundament zu stellen. Kurz, es geht darum eine Meinung in eine Überzeugung zu verwandeln. Auslöser für dieses Forcieren ist in jedem Fall ein schmerzlicher Zweifel, den es fernzuhalten oder auszuräumen gilt. Zweifel verhält sich wie Rost im Eisenkleid des Selbst. Man muss etwas dagegen unternehmen, da er sonst um sich greift und droht die gesamte Textur zu zerstören.

    Die quantitativ-affirmative Methode

    Menschen reagieren unterschiedlich auf das Auftreten von Zweifel. Die einen leugnen den Zweifel. Die Angst vor Korrosion ist zu groß, um sich ihr zu stellen. Diese Menschen versuchen den Zweifel mithilfe einer Anhäufung von Argumenten, die ihren Standpunkt stützen, zu ersticken. Dieser spezifische Vorgang des Fernhaltens und Unterdrückens von Zweifel verfolgt eine quantitative-affirmative Methode. Es werden dabei immer mehr Argumente beigebracht, die die eigene Meinung bestätigen, bis deren Ansammlung einen Umfang erreicht hat, der den Zweifel vollständig zudeckt. Es wird also wider allen Anscheins eine Verdrängungsleistung erbracht.

    Was für die Anwendung dieser Methode spricht, ist die Streuung der Autorität, die darin am Walten ist. Man vertraut dabei nicht der einen unzweifelhaften Autorität, sondern zieht die Argumente vieler Autoritäten bei, deren Aussagen die eigene Meinung jedesmal bestätigen. Die Vorgangsweise krankt jedoch daran, dass die Unzweifelhaftigkeit jeder einzelnen, beigezogenen Autorität überprüft werden müsste, um deren Aussagen tatsächlich Geltung zur verschaffen. Die Menge allein macht’s nicht aus.

    Und es gibt noch eine schlechte Nachricht: Der Autorität mag eine gewisse Bedeutung im institutionellen Wissenschaftsbetrieb zukommen, doch auf dem Gebiet der Forschung – und damit auch auf dem Gebiet der Erforschung der eigenen Meinung – zählt sie zunächst nichts. Und es existiert noch eine dritte schlechte Nachricht: Die genannte Vorgangsweise kennt nur ein einziges Auswahlkriterium für die Beibringung von Argumenten. Gültigkeit besitzt, was affirmiert. Es ist völlig offensichtlich, dass die getroffene Auswahl dadurch vom Wunsch, die wackelig gewordene Meinung zu bestätigen, korrumpiert wird. Man schickt sich also an, die vorgefasste Meinung unter der Hand in eine Überzeugung zu verwandeln. Man stattet sie mit einer Sicherheit aus, die ihr im Grunde nicht zukommt. Von welcher Qualität werden nun die Urteile sein, die auf Basis einer solchen erschlichenen Überzeugung gebildet werden?

    Die qualitativ-kritische Methode

    Eine völlig andere Vorgangsweise zur Erforschung der eigenen Meinung wird von Menschen gewählt, die der Angst standhalten und in der Lage sind, die eigene Meinung in Zweifel zu ziehen. Sie beginnen nicht mit einer Behauptung, sondern mit einer Frage. Sie stellen ihre eigene Meinung – und damit in einem gewissen Sinne auch sich selbst – in Frage. So gelangen sie zu einer aufrichtigen Auseinandersetzung mit der Gegenmeinung.

    Anders als die Menschen, die der quantitativ-affirmativen Methode folgen, suchen die Vertreter einer qualitativ-kritischen Methode die eigene Meinung zu erschüttern, um sie auf Stichhaltigkeit zu prüfen. Dazu setzen auch sie auf die Beibringung von Argumenten, die von einschlägigen Autoritäten vorgebracht werden. Allerdings suchen sie nicht nur Argumente für den eigenen Standpunkt, sondern auch Argumente gegen den eigenen Standpunkt. Sie holen sich Gegenmeinung um Gegenmeinung ein und stellen das in Frage stehende immer weiter in Frage.

    Entscheidend ist dabei aber nicht die bloße Anhäufung von Gegenmeinungen, sondern die Freilegung der Qualität der eigenen Meinung. Jene Forschenden, die sich nicht mit der autoritativen Bestätigung ihrer Meinung zufriedengeben, setzen deshalb auf eine qualitativ-kritische Methode. Im Gegensatz zur quantitativen Methode, die es bestenfalls erlaubt seine vorgefasste Meinung in kleinen Schritten weiterzuentwickeln, versetzt uns die qualitative Vorgangsweise in die Lage unsere Meinung auch radikal zu ändern. Bedingung dafür ist allerdings, die geänderte Meinung nicht zu früh in eine Überzeugung umzumünzen. Es gilt die Unwägbarkeit auszuhalten, die Offenheit des Ausgangs in Kauf zu nehmen, bis die Aufrichtigkeit der Auseinandersetzung Früchte trägt und Richtigkeit greifbar wird.

    Je potenter die Gegenmeinungen, die entkräftet werden können, desto valider die eigenen Annahmen, so lautet der Kalkül. Aber das ist nur die eine Seite. Die aufrechte Haltung des Forschenden schließt jedenfalls mit ein, die eigene Meinung aufzugeben, wenn sich die Gegenargumente als stärker erweisen. Das kann schmerzhaft sein.

    Als einen eventuellen Nachteil der kritischen Methode könnte man vielleicht ausmachen, dass die gewünschte Sicherheit nie erreicht werden kann, da die Auseinandersetzung kein Ende nehmen wird. Der Forschende, der sich dieser Methode verschrieben hat, muss jede Überzeugung und damit jedes Urteil weiterhin als vorläufig betrachten und kann deshalb, im wahrsten Sinne des Wortes, nur mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren. Das ist nicht immer befriedigend und manchmal auch schwer zu ertragen.

    Fazit

    Können wir soweit gehen die quantitativ-affirmative Methode zur Erforschung der eigenen Meinung zu verwerfen und allein auf die qualitativ-kritische Methode zu setzen? Nein, denn wir müssen schließlich Urteile bilden, um handlungsfähig zu bleiben, d.h. wir dürfen uns nicht in einem niemals endenden Prozess verlieren, sondern müssen so etwas wie eine vorläufige Gewissheit erlangen, wenn wir Stellung beziehen wollen. Wir müssen einen Standpunkt einnehmen können, in anderen Worten: Wir müssen unsere Meinung explizieren und verteidigen können. Die offene Methode zur Erforschung der eigenen Meinung bedarf eines finalen Supplements. Man muss schließlich auf den Punkt kommen.

    Um einen vorläufigen Abschluss der Auseinandersetzung finden zu können, bedarf es letztlich auch der Affirmation und die setzt bekanntlich auch auf die Argumente, die für einen Standpunkt sprechen. Zur vorläufigen Affirmation kann etwa das Machtwort gestreuter Autorität oder das besser abgesicherte Argument dienen. Kritik und Affirmation müssen sich gegenseitig stützen.

  • Das Gebet des Alkoholikers

    Neulich stieß ich in einem Buch auf das sogenannte »Gebet des Alkoholikers« …

    „Lieber Gott, bitte gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“1

    Wenn ich mit derartigen Weisheiten konfrontiert werde, rolle ich für gewöhnlich mit den Augen und wende mich weniger abgeschmackten Dingen zu. So auch diesmal. Ich blätterte weiter, schmökerte noch ein wenig und klappte das Buch schließlich zu. Die Brille noch auf der Nase versuchte ich mir den Satz ins Gedächtnis zu rufen. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass mir das nicht gelang. Also schlug ich das Buch an der bewussten Stelle wieder auf und las den Satz noch einmal. Mein Erstaunen wuchs, als ich bemerkte, dass mir der Sinn des Satzes nicht sogleich zugänglich war. Dabei hatte ich gedachte, diesen gleich beim ersten Mal Lesen verstanden zu haben. Ich begann über den Satz und was er mir vermitteln sollte nachzudenken.

    Was mich in erster Linie am »Gebet des Alkoholikers« störte, war natürlich, dass mir hier eine Weisheit in Form eines Appells an ein höheres Wesen kredenzt wurde. Zunächst: Beim ›lieben Gott‹ handelt es sich um eine Vorstellung, deren Wirkmächtigkeit ich gar nicht abstreiten möchte, deren Einfluss auf die Geschehnisse in der Welt auch nicht von Hand zu weisen ist. Was wurde nicht alles im Namen eines Gottes unternommen! Auch die metaphysische Notwendigkeit der Annahme eines überhöchsten Wesens im Sinne einer negativen Theologie2 steht für mich außer Zweifel. Was ich allerdings bezweifle, ist – und das erschließt sich aus der Annahme der Existenz Gottes –, dass ich mit ihm kommunizieren kann. Wer sich mit einem Gebet an Gott wendet, hofft jedoch darauf Gehör zu finden. Für mich ist das Gebet, im Gegenteil, Ausdruck der allergrößten Hoffnungslosigkeit, richte ich es doch an ein Wesen, das notwendigerweise nicht empfänglich dafür ist. Das Gebet unterscheidet sich durch nichts davon, seine Wünsche in eine Tüte zu sprechen. Ich dachte also: Wenn sich eine Weisheit in dem »Gebet des Alkoholikers« verbirgt, dann sollte sie zur Geltung kommen können, auch ohne ein höheres Wesen dafür anrufen zu müssen.

    Wird der Satz von dem hypostasierten Wesen befreit, lautet er so …

    „Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

    Immer noch wird darin jemand adressiert. Wer kann das sein? Spreche ich hier zu mir selbst? Wenn dem so ist, setze ich voraus, dass es in meiner Macht steht, den Forderungen, die in dem Satz gestellt werden, nachzukommen. Für einen Suchtkranken oder für jemand, der sich in einer Neurose eingerichtet hat, gehen die Worte folglich ins Leere. Weder der eine, noch der andere ist in der Lage allein aus sich heraus auch nur das Geringste an seinem Zustand zu ändern. Jedenfalls nicht, solange die kurzfristig positiven Effekte der Krankheit die negativen Effekte überragen. Durch das Weglassen des höheren Wesens ist aus dem Gebet eine Bitte an mich selbst geworden. Ich wäre aber nicht krank, wenn ich mir den Wunsch, meine Krankheit aufzugeben, ganz einfach erfüllen könnte.

    Immer noch scheint ein Adressat den Zugang zur Weisheit, die in dem Satz verborgen liegt, zu versperren. Möglicherweise kann ich zu ihr vordringen, wenn ich jeglichen Adressaten elidiere. Aus einem „Ich wünsche mir von mir“ müsste ein „Ich wünsche mir für mich“ werden …

    „Ich wünsche mir für mich die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

    Aber ist der Satz dadurch klarer geworden? Und: Habe ich durch die Umstellung mein Ziel, den Adressaten zu tilgen, überhaupt erreicht? Treibt dieser unausgesprochen nicht weiterhin sein Unwesen?

    Auf diesem Weg lässt sich dem Satz offenbar nicht beikommen. Ich sehe daher von der Beantwortung der Frage nach dem Adressaten vorerst ab und lenke meinen Blick auf die einzelnen Teilaussagen und ihren jeweils spezifischen Inhalt.

    Im ersten Abschnitt des modifizierten »Gebets des Alkoholikers« wünsche ich mir, die Dinge, die ich nicht ändern kann, hinnehmen zu können und nicht weiter dagegen ankämpfen zu müssen. Der Kampf wäre vergebens und würde mich Energie kosten, die ich besser dafür einsetzen könnte … ja wofür denn? Zum Beispiel dafür, mein Problem zu lösen. Eines der Dinge, die ich als Kranker nicht ändern kann, ist, meiner pathologischen Disposition zu entgehen. Der Wunsch drückt also aus, meiner Krankheit mit Gelassenheit zu begegnen, d.h. dem peinigenden Zustand nicht weiter entfliehen zu wollen, sondern sich dareinzufinden. Im Hinblick auf den Alkoholismus rät mir das »Gebet des Alkoholikers« demnach, diesem treu zu bleiben. Das ist natürlich Nonsens. Offenbar soll mit dem Begriff der Gelassenheit etwas anders ausgedrückt werden.

    Gelassenheit bedeutet nicht, die Dinge zu lassen, wie sie sind, sondern ihnen gegenüber eine gewisse Gleichgültigkeit zu erlangen. Im kühlenden Schatten der Gleichgültigkeit, so die Hoffnung, werde sich das Problem vielleicht von selbst lösen. Wir haben Gott und uns selbst als Adressaten zurückgewiesen, offenbar um auf ein unbestimmtes ›wie von selbst‹ zu setzen. Das Ergebnis ist weniger enttäuschend als es den Anschein hat.

    „Wenn wir uns auf die Gelassenheit einlassen, wollen wir das Nicht-Wollen“, meint Martin Heidegger.

    Das Selbst im ›wie von selbst‹ ist also immer noch unser eigenes Selbst, das etwas will, nämlich nicht zu wollen. Unser Selbst gewinnt seine Handlungsfähigkeit zurück, indem es vorerst darauf verzichtet zu handeln. In anderen Worten: Indem wir das Problem, das uns plagt, dezidiert nicht angehen, reduzieren wir den Lösungsdruck auf ein Maß, das es uns erlaubt, die Beweglichkeit zurückzugewinnen, die nötig ist, um das Problem überhaupt erst anzugehen. Dieses absurde Konstrukt ist das exakte Gegenbild zum durchaus rationalen Konstrukt der Neurose oder der Suchtkrankheit, die ja beide gescheiterte Selbstheilungsversuche darstellen. Wohlgemerkt: Das Konstrukt ist das Gegenbild, aber nicht zugleich das Gegenmittel. Zum Gegenmittel fehlt ihm noch Wesentliches.

    Vielleicht lässt sich dieses Fehlende in der zweiten Teilaussage des »Gebets des Alkoholikers« finden. Darin wünsche ich mir, den Mut aufzubringen, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Wenn ich nicht darauf vertrauen möchte, dass mir der Mut von einem höheren Wesen eingeblasen wird, muss ich ihn selber fassen. Aber wie den Mut fassen, wenn mich ebendieser verlassen hat? Das eine Ding, das ich als Kranker mit Sicherheit nicht ändern kann, ist die Krankheit selbst. Immerhin habe ich bereits die Gelassenheit gewonnen, davon abzulassen mich selbst heilen zu wollen. Welches aber sind die Dinge, die ich als Kranker ändern kann? Es sind potentiell all jene Dinge, die außerhalb des pathologischen Horizonts zu finden sind. Ich wünsche mir also den Mut aufzubringen, einen Schritt aus meinem neurotischen Universum herauszutreten, um im Bereich des Unverfänglichen Handlungen zu setzen. Die Vergeblichkeit solchen Tuns im Hinblick auf die Krankheit steht von vornherein fest. Erneut kein Gegenmittel in Sicht.

    Doch es geht hier weniger um die Dinge, als ums Tun als solches. Es gilt ins Tun zu kommen, das bekanntlich Ausdruck eines Wollens ist. Mut wäre demnach einen Willen zu fassen, ganz egal welchen Inhalts. Auch der zweite Teil des »Gebets des Alkoholikers« zielt auf die Erbringung einer Vorleistung ab. Ich soll meine Aufmerksamkeit auf Dinge lenken, die ich ändern kann, um das Handeln zu üben.

    In ihrem Kern könnte man den Inhalt der beiden ersten Teilaussagen des »Gebets des Alkoholikers« so zusammenfassen …

    „Ich soll meine Aufmerksamkeit vom Zentrum des Problems weglenken und mich um Nebensächlichkeiten kümmern.“

     Ziel dieser Fokusverlagerung ist es, auf der einen Seite keinen Misserfolg einfahren zu müssen, wo man nicht erfolgreich sein kann und auf der anderen Seite Erfolge zu erzielen, wo die Chancen dafür gut stehen. Im »Gebet des Alkoholikers« verbirgt sich also eine Handlungsanleitung, deren Befolgung negative Erlebnisse vermeidet und positive Erlebnisse – seien sie auch noch so irrelevant – generiert. Ich werde also dazu aufgefordert, die Positionen der Gelassenheit und des Muts zu vertauschen. Die Gelassenheit soll zur Anwendung kommen, wo allergrößter Mut gefragt wäre. Mut soll gefasst werden, im Hinblick auf die Dinge, denen ich mit allergrößter Gelassenheit begegnen könnte. Diese Handlungsanleitung widerspricht aller menschlichen Erfahrung, wonach es einer verstärkten Fokussierung bedarf, um ein Problem mit Nachdruck lösen zu können.

    Und gerade weil diese Handlungsanleitung der menschlichen Erfahrung und der üblichen Vorgangsweise bei der Bearbeitung eines Problems widerspricht, bedarf es der Weisheit als eines Dritten, das hinzukommen muss, um die Erfüllung der beiden ersten Wünsche zu ermöglichen. Nun soll aber die Weisheit, die im »Gebet des Alkoholikers« gefordert wird, lediglich dazu dienen zwischen den Dingen, die ich ändern kann und den Dingen, die ich nicht ändern kann, zu unterscheiden. Es handelt sich bei dieser Weisheit also um eine rein operative Weisheit. Das hat auch seine Richtigkeit. Als Weisheit bezeichnet man bekanntlich ein ›Wissen-um-zu‹. Sie besteht darin, ein erworbenes Wissen anwenden zu können. In diesem Fall geht es darum, eine Unterscheidung treffen zu können. Eine operative Weisheit kann aber nur dann zur Anwendung kommen, wenn es ein erworbenes Wissen gibt.

    Dazu bedarf es einer völlig anders gearteten Weisheit, als jener, die wir uns im »Gebet des Alkoholikers«erbitten.  Um den Prozess in Gang zu setzen, benötige ich eine Weisheit, die darin besteht einer Handlungsanleitung zu folgen, die – wie sich gezeigt hat – dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Bei der gesuchten Weisheit handelt es sich daher genau genommen um eine Torheit. Als rational denkender Mensch würde ich nie auf den Gedanken kommen, dass am Beginn des Wegs zur Heilung ein irrationaler Akt gesetzt werden muss. Da ich die benötigte Weisheit nicht aus meiner Erfahrung ableiten und daher auch nicht aus mir selber schöpfen kann, muss ich in diesem Fall auf die Weisheit, oder besser gesagt, auf die Torheit eines Anderen vertrauen.

    Jetzt endlich ist er ans Licht getreten, der Andere, der sich nicht vollständig aus dem Spruch hat tilgen lassen. Und jetzt offenbart sich auch, wie er all meinen Attacken so hartnäckig trotzen konnte. Ich kann die Wünsche, die in dem Spruch vorgetragen werden, nicht aus mir selbst heraus erfüllen, weil ich meinen rationalen Horizont nicht transzendieren kann. Es muss kein Gott sein auf dessen irrationale Rationalität ich vertraue, um den Heilungsprozess starten zu können. In jedem Fall aber muss es sich um eine externe Instanz handeln, der ich größeres Vertrauen entgegenbringe, als mir und meinesgleichen. Mit einem Wort, es muss sich um eine Autorität handeln.

    Ich muss auf einen Anderen hören, um den geforderten irrationalen Akt setzen zu können. Dem rational denkenden Menschen kann dies nur gelingen, indem er auf die Expertise des Anderen vertraut. Dazu muss die Expertise des Anderen außer Zweifel stehen. Es muss ein Wissensgefälle zwischen dem Anrufenden und dem Angerufenen bestehen, in anderen Worten: Der Angerufene muss etwas wissen, das der Anrufende nicht weiß. Das gesuchte ›Wissen-um-zu‹, das den Heilungsprozess zu starten vermag, entpuppt sich als die törichte Weisheit des Anderen, der ich nur dann folgen kann, wenn mir der Andere als Instanz begegnet. Der Andere als Instanz wird mit einem großen A geschrieben.

    Wie sich herausgestellt hat, weist das »Gebet des Alkoholikers« in seiner bekannten Form zwei Unschärfen auf, die es für einen rational denkenden Menschen zunächst unbrauchbar machen …

    1. Das hypostasierte Wesen verdeckt, dass in dem Spruch eine Handlungsanleitung für den Betenden selbst verborgen liegt.
    2. Die Einengung der Weisheit auf ihren operativen Charakter verdeckt, dass der Heilungsprozess mit einer weisen Torheit starten muss, die ich nur von einem Anderen erhalten kann.

    Der gewundene Gang der vorgenommenen Untersuchung beweist, dass mein reflexhaftes Urteil, bei dem »Gebet des Alkoholikers« handle es sich um einen abgeschmackten Sophismus, keineswegs darin gründete, dass ich die beiden Schwachstellen instinktiv erfasst hätte. Sein ebenso komplexer wie wertvoller Inhalt hat sich mir tatsächlich erst in der genauen Auseinandersetzung erschlossen. Wenn ich von meiner Abneigung, mich ausführlich und aufrichtig mit derartigen Weisheiten zu beschäftigen, darauf schließe, dass es vielen Menschen ebenso ergehen wird, dann frage ich mich, für wen der Spruch überhaupt Sinn ergibt. Und dennoch steht zweifelsfrei fest, dass rasch konsumierte und kaum hinterfragte Weisheiten ihren Zweck durchaus erfüllen können. Vielleicht existiert kein Instinkt, der einen frühzeitig darauf hinweisen kann, ob in einem derartigen Spruch eine echte Weisheit verborgen liegt oder nicht. Vielleicht existiert aber ein Instinkt bei den Menschen, der sie dazu bringt, eine Weisheit anzunehmen, unabhängig davon, ob eine solche im Verborgenen tatsächlich existiert oder nicht. Vielleicht genügt in manchen Fällen schlicht und einfach das Staunen über die Größe der Worte, um das benötigte Vertrauen zu erlangen. Wenn das stimmt, dann genügt es, die äußere Form einer Weisheit wahrzunehmen, um einen Nutzen daraus ziehen zu können. Der Inhalt des weisen Spruchs ist dann zwar nicht gleichgültig, aber doch irgendwie nebensächlich. Selbst dann, wenn die Weisheit missverstanden wird, kann sie eine positive Wirkung im Empfänger entfalten. Weisheiten funktionieren offenbar auch in Form eines Placebos. Nicht einmal der Name eines Autors, dessen Autorität für die Güte der Weisheit bürgt, muss bekannt sein. Bisweilen hat es geradezu den Anschein, als würde das Nicht-Wissen um die Person des Autors dessen Instanzhaftigkeit noch verstärken.

    Ich muss das »Gebet des Alkoholikers« also nicht an Gott richten, um von den darin verborgenen Weisheiten zu profitieren. Es genügt, wenn ich sie aus dem Munde einer Person vernehme, auf die ich hören kann. Und ich kann selbst dann meinen Nutzen daraus ziehen, wenn ich sie nicht bis ins Letzte ergründe. Das macht doch Mut für mehr Gelassenheit.

    1. Gemeinhin wird das »Gebet des Alkoholikers« dem Theologen Reinhold Niebuhr zugeschrieben. Gesichert ist, dass er die hier genannte Fassung kurz vor der Mitte des 20. Jahrhunderts niedergeschrieben hat. Man kennt das »Gebet des Alkoholikers« auch noch unter dem Titel »Gelassenheitsgebet«. ↩︎
    2. Ich spreche hier natürlich von einer negativen Theologie, wie sie sich bei den Neuplatonikern ankündigt, im Werk des Pseudo-Dionysius ihren ersten Ausdruck findet, im »Periphyseon« des Johannes Scotus Eriugena reift und in einer kleinen Schrift des Nikolaus von Kues mit dem Titel »De apice theoriae« ihre Blüte erreicht. ↩︎
  • Schmutz

    Man könnte die Beflissenheit mit der wir Menschen dafür sorgen, dass unsere Wohnräume frei von Schmutz bleiben, mit unserem Bedürfnis nach Sauberkeit erklären. Und dieses Bedürfnis nach Sauberkeit könnte in einem spezifischen Anspruch auf Hygiene wurzeln, der sich dem Wunsch nach Erhaltung der Gesundheit verdankt. Mit dieser Erklärung dürfen wir uns aber nur so lange zufriedengeben, bis wir unseren Blick auf den Schmutz selbst lenken, um ihn einer phänomenologischen Betrachtung zu unterziehen.

    Grundformen des Schmutzes

    Zunächst gilt es einmal den Schmutz vom Dreck zu unterscheiden, der ihm verwandt zu sein scheint. Dreck ist nicht per se schmutzig. Dreck wird erst dann als Schmutz identifiziert, wenn er an einem unnatürlichen Ort auftaucht, etwa im Wohnraum des Menschen. In der Natur existiert kein schmutziger Dreck. Wenn ich in eine Schlammpfütze hüpfe, mache ich mich dreckig – schmutzig bin ich erst, wenn ich mit dem Dreck an den Stiefeln das Heim betrete. Der Dreck ist also in der Natur heimisch, der Schmutz hingegen gehört zum Heim, wenngleich er nicht dorthin gehört. Diese Zuordnung ist vielleicht zu scharf getroffen, aber alles andere als willkürlich. Da unser Bedürfnis nach Sauberkeit hinterfragt werden soll, können wir den Dreck von nun an jedenfalls mit einiger Berechtigung außer Acht lassen.

    Der Schmutz hat also genuin etwas mit dem Heim zu tun, das frei von ihm bleiben soll. Das ist ein seltsamer, erster Befund: etwas tritt nur dort auf, wo es gerade nicht auftreten soll. Schon jetzt wird deutlich, dass es sich beim Schmutz um ein Auszuschließendes handelt, das noch nicht entfernt wurde.

    Sehen wir noch genauer hin. Woraus besteht der Schmutz? Störende Flecken werden ebenso als Schmutz bezeichnet wie Staub oder Staubflusen, nicht aber unterschiedslos jeglicher Makel. Eine Schramme in der Tischplatte ist sauber, solange sich in ihr kein Schmutz angesammelt hat. Schmutz ist also etwas, das hinzukommt. Ein Farbfleck stört, wenn er an einer Stelle auftaucht, an der er nicht sein soll. Die Farbe am richtigen Ort ist nicht nur kein Schmutz, sondern wurde eigens dort aufgetragen, um einen gewünschten, vielleicht sogar künstlerischen Effekt zu erzielen. Wird etwas eigens zu etwas hinzugefügt, kann es sich nicht um Schmutz handeln. Schmutz wird in der Regel also nicht absichtlich erzeugt. Das gilt noch viel mehr für den Staub. Staub wird überhaupt nicht gemacht, höchstens aufgewirbelt. Staub entsteht wie von selbst. Immer wieder sind wir erstaunt darüber, wie rasch sich Staub bildet. Kein Gegenstand bleibt frei von ihm. Besonders gern lagert er sich auf horizontalen Oberflächen ab – das gebietet die Schwerkraft. Ein Farbfleck hat sich bloß verirrt, könnte man sagen, Staub hingegen findet immer seinen Ort und er ist allgegenwärtig. Schmutz subsumiert bis hierhin also zwei der Genese nach völlig unterschiedliche Dinge: Der Fleck entsteht durch Zufall, der Staub entsteht durch Zerfall. Jedenfalls verdanken sich beide gewissermaßen einem Fallen. Von hier aus ist es nicht mehr weit zum Abfall. Auch der wird bekanntlich zum Schmutz gezählt. In den drei Grundformen des Schmutzes kommt jeweils etwas zu Fall.

    Zufall

    Der kleine Zufall, der den Fleck verursacht, lässt sich vom großen Zufall, der uns auf verstörende Weise im Indeterminismus, in der Quantentheorie, in der Logik oder ähnlichem begegnet, vermeintlich dadurch unterscheiden, dass er einen möglichen Urheber hat. Dennoch haftet ihm ein Unheimliches an. Von welcher Beschaffenheit ist dieses Unheimliche? Wie der Name schon sagt, gehört das Unheimliche nicht zum Heim. Zunächst tragen wir dafür Sorge, dass unser Heim frei vom Zufall bleibt. Unser Heim soll in gewisser Weise ein Ort des Determinismus sein, in dem wir uns einrichten. Hier haben wir alles unter Kontrolle. Indem der zufällig entstandene Fleck auffällt, führt er uns den Kontrollverlust vor Augen. Er erinnert uns daran, dass wir – entgegen des Anscheins den das friedliche Heim erweckt – insgeheim der Kontingenz ausgeliefert sind. Das hat etwas Beängstigendes an sich. Der Fleck wird vielleicht entfernt, weil er ungewollt zustande gekommen ist und stört. Im Grunde aber muss er entfernt werden, weil er uns Angst macht. Lacan sieht im Fleck den Einbruch des Realen, das uns mit der unangenehmen Tatsache konfrontiert, dass nicht alles symbolisierbar ist – in anderen Worten: Unsere Vorstellung von Heim und Welt ist prinzipiell unvollständig. Diese Erkenntnis impliziert, dass wir nicht nur von einem bekannten Unbekannten bedroht werden, auf dessen Ankunft wir uns bis zu einem gewissen Grad vorbereiten können. Der Zufall zwingt uns die Annahme eines unbekannten Unbekannten auf, von dem wir prinzipiell nichts wissen können. Mit dem unbekannten Unbekannten verhält es sich wie mit dem Tod: Die Lebenden wissen bekanntlich nichts davon, aber dennoch fürchten sie ihn, und zwar so sehr, dass sie nicht an ihn erinnert werden wollen. Der Fleck muss weg.

    Zerfall

    Auch unser Verhältnis zum Staub birgt eine Dimension, in der das Dasein mit seinem eigenen Tod konfrontiert wird. Der metaphysische Ausdruck „Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.“ [Gen 3,19] bringt das auf den Punkt. Eine weniger poetische Formulierung liefert der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, dass Zustände höherer Energie unweigerlich in Zustände niedriger Energie übergehen. Unaufhaltsam führt der Weg von der absoluten Differenz zur Indifferenz. Irgendwann auf diesem Weg hebt das Leben an. Das Leben stellt eine Volte, eine Revolte in der Entropie dar. Es verweigert die Unweigerlichkeit, zumindest vorläufig. Diese, in die Kausalkette eingeschmuggelte, renitente Vorläufigkeit kennzeichnet das Leben schlechthin: Es läuft vor, um ausreichend Energie zu sammeln – für einen Purzelbaum oder ein Lachen oder für die Zeugung der nächsten Vorläufigkeit. Das Leben lehnt sich gegen den Tod auf. Doch irgendwann kehrt das Organische ins Anorganische zurück. Die Moleküle brechen auseinander, die Atome zerfallen, Form geht in Formlosigkeit über. Das ist das Gesetz der Entropie. Die finale Indifferenz ist der Tod. Auch der Staub, der sich auf der Kommode sammelt, erscheint uns indifferent. Wir können nichts Einzelnes oder irgendwie Bedeutsames an ihm ausmachen. Er ist irgendwie formlos, d.h. er enthält keine Information für uns, außer dass er stört. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir selbst einmal Staub sein werden, fürchten wir uns dennoch nicht vor ihm. Das liegt daran, dass wir uns an ihn gewöhnt haben. An einen auffälligen, zufällig auftretenden Fleck kann man sich nicht gewöhnen. Wir haben uns an das Auftreten des Staubes gewöhnt, wollen aber trotzdem nicht mit ihm wohnen. Er beunruhigt uns und wir schämen uns seiner, da er zum Zeugnis dafür wird, das wir uns nicht in ausreichendem Maße um unser Heim kümmern. Staub muss entfernt werden.

    Abfall

    Der Abfall muss entsorgt werden, nachdem er angefallen ist. Wie der Fleck und der Staub gibt er sich als ein Auszuschließendes. Im Unterschied zu diesen beiden entsteht er aber nicht aus einer Unachtsamkeit heraus oder bildet sich wie von selbst, sondern er fällt an. Der Begriff erfasst alles, was nicht verwertet und dessen Verbleib im Heim nicht geduldet werden kann. Der Abfall ist ein Produkt, das nicht eigens produziert wird. Er ist gleichsam die Negativform des Produkts, um das es uns eigentlich geht. Es ist uns bewusst, dass wir seine Verursacher sind und dass wir in ihm die Kehrseite des Konsums sehen müssen. Im Setting unserer kapitalistisch geprägten Lebensart nehmen wir seine Entstehung in Kauf. Diese Tatsache darf uns nicht zu der Annahme verführen, dass die Produktion von Abfall erst mit dem Kapitalismus in unsere Gesellschaften Einzug hält.1 Als der unverdauliche Rest der Konsumation steht der Abfall seit jeher auf einer Stufe mit dem Kot und der Ausscheidung. Neben dem hygienischen Aspekt, der uns seine Entfernung aus dem Heim gebietet, ist hier auch ein psychologischer Aspekt am Wirken: Wir ekeln uns vor dem Abfall, insbesondere, wenn er uns olfaktorisch belästigt. Das verleiht ihm seinen Status als Abjekt. Was für den Metabolismus der Kot, ist für das Habitat der Abfall. Der Abfall ist das Ausscheidungsprodukt des Heims.

    Verschaffen wir uns einen Überblick über das bisher zu Tage geförderte: Schmutz existiert nur im Hinblick auf das Heim. Dort begegnet der uns als ein Auszuschließendes, das noch nicht ausgeschlossen wurde und erst auszuschließen ist. Er kommt in Gestalt dreier Grundformen vor: Fleck, Staub, Abfall. Der hygienische Aspekt, der uns dazu veranlasst Schmutz zu entfernen, verdeckt tiefer liegende ontologische, metaphysische und psychologische Aspekte, die unser Verhältnis zum Schmutz prägen.

    Ontologisch: Der Fleck gemahnt uns an das Unheimliche des Zufalls. Der Staub verweist uns als Zerfallsprodukt auf das Gesetz der Entropie. Der Abfall ist die Negativform des Produkts.

    Metaphysisch: Der Fleck steht für den Einbruch des Realen und letztlich für den Tod. Der Staub führt uns die eigene Vergänglichkeit vor Augen. Der Abfall ist – wenn auch nicht ursächlich – Bestandteil der kapitalistischen Ökonomie, deren quasi-religiöse Grundstruktur von Max Weber nachgewiesen wurde.

    Psychologisch: Der Fleck führt uns den Kontrollverlust vor Augen und macht uns daher Angst. Der Staub weist uns auf unser mangelndes Engagement hin und löst dadurch Scham aus. Der Abfall erfüllt uns als Ausscheidungsprodukt mit Ekel.

    Das Fallen

    Der Schmutz ist mit dem Heim verbunden, aber auch mit einem Fallen: Der Fleck entsteht durch Zufall und triggert uns, indem er auffällt. Der Staub fällt als Zerfallsprodukt lautlos wie Schnee vom Himmel und verteilt sich über die Topographie des Heims. Der Abfall fällt schlicht und einfach an.

    Das Fallen beschreibt eine Abwärtsbewegung, die mehr oder weniger heftig ausfallen kann. Der Begriff ist geöffnet in viele Richtungen. Im Kern wird er örtlich als Positionsveränderung verstanden. Er bezeichnet dann eine Bewegung von oben nach unten. Des Weiteren fallen die Soldaten im Krieg. In einem übertragenen Sinn spricht man von gefallenen Mädchen, u.s.w. Als Wortstamm ist das Fallen empfänglich für das Hinzutreten diverser Präfixe, die ihm – von einander stark abweichende – Bedeutungen, sowohl im positiven, als auch im negativen Spektrum verleihen. Neben den bereits genannten sind das z.B. der Unfall, der Anfall, der Ausfall oder der Einfall.

    Die Abwärtsbewegung, die einen im Fallen erfasst, wird als räumliche Grundtendenz wahrgenommen, verdankt sie sich doch der Schwerkraft, der wir alle zu jedem Zeitpunkt und überall ausgesetzt sind. Wenn die Lebenskraft versagt, ist es die einzige Bewegung, die unser Körper in einem letzten, schon unwillkürlichen Akt, noch vollführt. Aus diesem Grund nehmen wir das Fallen als Synonym fürs Sterbens und sprechen von der Hinfälligkeit des Lebens. Aus diesem Grund ist die Unterwelt – als das Reich der Toten – unten angesiedelt. Das Fallen gemahnt in seiner Kernbedeutung an den Tod. Der soll unserem Heim aber fernbleiben. Unser Heim soll ein Hort des Lebens sein.

    Der Ort des Schmutzes

    Das Fallen ist eine finale Bewegung. Was fällt, schlägt irgendwo auf und kommt am Ort des Aufschlags zu liegen. Das Getöse des Aufschlags erregt Aufsehen – etymologisch leitet sich davon der Begriff des Auffallens ab. Der Fleck beunruhigt uns, weil er auffällt, d.h. weil er irgendwo aufgeschlagen ist. Der Fleck konfrontiert uns mit der beunruhigenden Tatsache, dass etwas ungewollt oder gar hinter unserem Rücken geschehen ist. Der auffallende Fleck zieht unseren Blick an, um uns dann in heimtückischer Weise auf den Kontrollverlust hinzuweisen. Fragen wir nach den Orten, an denen der Fleck aufschlagen kann, so müssen wir antworten: potentiell überall, mit finaler Lokalität.

    Mit dem Abfall verhält es sich genau umgekehrt. Der Abfall fällt kontrolliert am Ort des Geschehens an. Man ist seiner zu jedem Zeitpunkt habhaft. Das verleiht ihm den Anschein einer Harmlosigkeit, die ihm, wie wir mittlerweile wissen, global gesehen nicht zukommt. Da der Abfall scheinbar vollständig der Kontrolle unterliegt, muss er auch nicht gleich nach dem Anfallen aus dem Heim entfernt werden. Wir sammeln ihn an einem Ort im Ort – im Abfalleimer, mit dem unser Heim ausgestattet ist. Anders als der Fleck weist der Abfall eine absolute Lokalität auf, es gibt nichts Virtuelles an ihm.

    Der Fleck und der Abfall gleichen sich darin, dass sie Lokalität aufweisen. Vom Staub lässt sich das nicht in gleichem Maße behaupten. Zwar tritt auch er lokal auf, in dem Sinne, dass er einen Ort heimsucht, aber der Ort seines Auftretens ist in höchstem Maße unspezifisch, d.h. global. Und er weist noch eine weitere Besonderheit auf, die er mit den beiden anderen Grundformen des Schmutzes gerade nicht teilt: Staub steht in einer ganz innigen Beziehung zur Schwerkraft, die uns vermittelt, wo unten ist. Staub schlägt prinzipiell unten auf, was auch immer konkret darunter zu verstehen ist. Staub bedeckt letztlich alles – erst in einer kaum wahrnehmbaren, dünnen Schicht, die unmerklich anwächst bis sich schließlich eine ganze Landschaft des Staubes gebildet hat.

    Die Zeit des Schmutzes

    Wir sagten, Schmutz tritt nur dort auf, wo er gerade nicht auftreten soll. Das bedingt seinen Status als Auszuschließendes. Die Spanne des Daseins von Schmutz erstreckt sich vom Moment seines Auftretens bis zu seiner Entfernung. Schmutz findet seinen Ort im Aufschub, der der Dauer seiner Duldung entspricht. Wie ist dieser Zeitraum für die Grundformen des Schmutzes je beschaffen?

    Der Fleck wird in der Regel sofort, d.h. unmittelbar nachdem er aufgefallen ist, entfernt. Die Lebensdauer des Abfalls bemisst sich nach den Parametern der Geschwindigkeit seines Anfallens und des Volumens des Abfalleimers, der zu seiner temporären Aufbewahrung dient. Erst wenn der Abfalleimer voll ist, wird der Abfall entsorgt, d.h. aus unserer Sorge entlassen. Beim Staub treffen wir auch im Hinblick auf die Zeit auf eine gewisse Unbegrenztheit. Er legt sich nicht nur überall ab, er macht dies darüberhinaus ohne Unterlass. Wenn wir mit seiner Entfernung fertig sind, zeigen sich schon wieder erste Spuren von Staub an jenen Stellen, an denen wir mit seiner Entfernung begonnen hatten. Obwohl er ein Zeichen des Todes ist, erinnert seine Renitenz irgendwie an die Hartnäckigkeit Lebens, das sich gegen die Entropie stellt und nicht vergehen will.

    Die Topographie des Staubes

    Auch in der Verteilung des Staubes können wir eine gewisse Dynamik ablesen, die uns an der bloßen Indifferenz des Phänomens zweifeln lässt. Das hat seine Grund darin, dass hier neben der Schwerkraft auch noch andere Kräfte wirken. Die feinen Staubteilchen werden etwa von der Bewegung der Luft erfasst. Von jedem Hauch werden sie zum Zittern gebracht oder über die Ebenen der Wohnlandschaft getrieben. Auch jede unwillkürliche Berührung durch die Bewohner des Heims verändert ihre Lage. Hierin offenbart sich uns ein weiterer Aspekt, in dem sich der Staub von den beiden anderen Grundformen des Schmutzes unterscheidet. Weder klebt er am Ort seines Aufschlags fest, wie der Fleck, noch wird ihm dezidiert ein Ort seines Aufenthalts zugewiesen, wie dem Abfall.

    Sehen wir uns das genauer an. Die Topographie der Staublandschaft ist das Ergebnis einer Verteilung nach Ort und Zeit, d.h. sie ist das Ergebnis eines dynamischen Prozesses. In diesem dynamischen Prozess sind gegensätzliche Kräfte am Werk. Der Schwerkraft und der elektrostatischen Anziehungskraft wirken rein äußerliche Kräfte wie Luftbewegung und Stoßbewegung entgegen. Der Fleck gehorcht dem Zufall. Der Abfall wird von uns produziert. Die Verteilung der Staubteilchen unterliegt hingegen dem Zufall und der Einflussnahme gleichermaßen.

    Besonders deutlich zeigt sich die Bildung der Topographie der Staublandschaft nach diesen Parametern an den Verkehrswegen und deren unmittelbarer Umgebung. Im Sog unserer Schritte werden die Staubteilchen aufgewirbelt und zur Seite getrieben, was eine unwillkürliche Reinigung der häufig benutzten Wege in unserem Heim zur Folge hat. Die vertriebenen Staubteilchen sammeln sich am Wegesrand und türmen sich dort zu Wechten auf oder ballen sich zu sogenannten Wollmäusen zusammen. Die Verteilung der Staubteilchen im Heim lässt also durchwegs die Gleichmäßigkeit vermissen, die wir durch den Einfluss der Naturkräfte der Gravitation und der Elektrostatik erwarten durften.

    Als Indikator weist uns der Staub darauf hin, an welchen Orten wir uns bevorzugt aufhalten, auf welchen Wegen wir uns bewegen, wo wir zu Werke gehen und wo nicht. Staub lagert sich überall ab, aber er sammelt sich an Orten, an denen wir für gewöhnlich nicht anzutreffen sind. Staubansammlungen sind ein Zeichen dafür, dass es diese Orte in unserem Heim – von dem wir jeden Winkel zu kennen glauben – gibt.

    Orte, Aborte, Unorte

    Staub sammelt sich an diesen geheimen Orten unseres Heims nicht nur auf natürliche Weise an, sondern quasi auch durch unser Zutun, wenngleich wir nicht eigens dafür Sorge tragen. Unterm Bett, hinterm Schrank, unter der Kommode, solche Orte bilden das Habitat wachsender Staubansammlungen. Wir haben es hier keinesfalls mit Nicht-Orten zu tun – nichts an diesen Orten ist virtuell. Aber das Ort-Sein dieser Zonen ist irgendwie mit einem Defekt behaftet. Es sind Orte, die wenig oder gar nicht frequentiert werden, da sie keinen Nutzen haben oder außer Gebrauch sind, also etwa Randbereiche, Zimmerecken, uneinsehbare Stellen. Im Schnittmuster der Gebrauchsanleitung unseres Heims sind sie die Negativformen.

    Ihrer Bedeutung nach sind solche Unorte zwischen den Orten und den Aborten unseres Heims angesiedelt. Als Orte lassen sich jene Zonen bezeichnen, die für den Gebrauch erschlossen sind und der Schauseite zugerechnet werden können. Es sind genau diese Orte, die vom Schmutz befreit werden müssen. In der Topik des Heims bilden sie, wenn man so will, die Zone des Bewusstseins. Das Unbewusste ist demgegenüber an den Aborten unseres Heims angesiedelt. Der Begriff Abort bezeichnet wortwörtlich einen Ort, der abseits, gleichsam auf der Leeseite gelegen ist. Der Abort ist der Aufenthaltsort der Abjekte, also dessen, was mit Ekel behaftet ist und ausgeschieden, ausgeschlossen, ja, ausgestoßen wird. Das Heim kennt zumindest zwei solcher Aborte: den Abort selbst, also die Toilette, und den Abfalleimer. Solange die Ausscheidungsprodukte des Metabolismus und des Habitats dort verwahrt werden, droht von diesem Unbewussten keine Gefahr. Eine Tür und ein Deckel schützen uns vor diesem unbekannten Bekannten, von dem wir nichts mehr wissen wollen. Und dann gibt es eben noch das Zwischenreich der Unorte. Im Unterschied zu den Aborten trennt sie jedoch keine Barriere von den Orten. Die Unorte bilden genau genommen die Randzonen unseres Heims. Sie gehören gerade noch dazu. Als Grenzbezirke markieren sie die Peripherie, erscheinen aber auch in Gestalt der Zwischenräume, die sich im Grenzbereich zwischen den einzelnen Orten des Gebrauchs auftun.

    Im Unterschied zu den Orten, die wir vollständig kontrollieren, und den Aborten, an denen das Unkontrollierbare unter Kontrolle gebracht ist, sind die Unorte unseres Heims der Kontrolle weitgehend entzogen. Wir haben nur eingeschränkten Zugriff darauf, nicht weil sich uns hier etwas entgegenstemmen würde, sondern weil uns die nötige Aufmerksamkeit fehlt. Was sich an den Unorten abspielt, ist uns irgendwie fremd und im Grunde interessieren wir uns auch nicht dafür. Sobald wir uns den Unorten dann doch einmal zuwenden, verwandelt sich unsere Ignoranz in ein schlechtes Gewissen, da wir der Vernachlässigung gewahr werden. In Freuds erster Topik agiert das schlechte Gewissen als Botschafter des Vorbewussten, das demnach an den Unorten angesiedelt zu sein scheint. Darüberhinaus beunruhigen uns die Unorte als die Aufenthaltsorte des aus dem Blick Geratenen schlechthin. Wir wissen nicht genau, was uns von dieser Seite droht. Vor dem Schlafengehen einen Blick unters Bett zu werfen, kann daher nicht schaden.

    Schmutz als Ding

    Neben seiner Globalität und seiner Beziehung zu den Naturkräften unterscheidet den Staub noch ein Drittes von den beiden anderen Grundformen des Schmutzes: Es fällt uns schwer ihn als Ding zu begreifen. Auch der Fleck lässt sich nur bedingt als ein Ding wahrnehmen. Um seinen Dingcharakter aufzuweisen, müssen wir ihn erst im Hinblick auf die spezifischen Kennzeichen eines Dings befragen. Immerhin stellen wir am Fleck eine gewisse Konkretheit fest. Und es lassen sich diverse Eigenschaften an ihm ausmachen, wie Position, Form und Farbe, die ihm ein hohes Maß an Dingheit attestieren. Noch stärker von der Differenz geprägt zu sein scheint der Abfall. Die Konkretheit des Abfalls lässt sich nicht überbieten und dementsprechend auch nicht leugnen. Dem Abfall fehlt nichts zum Dingsein. Kaum etwas davon lässt sich am Staub auffinden. Die Indifferenz scheint geradezu die Haupteigenschaft des Staubes zu sein. Er hat keine Form und erscheint uns irgendwie farblos und fad. Der Staub steht für ein Minimum an Konkretheit und wir neigen dazu ihn in seiner bloßen Allgemeinheit wahrzunehmen.

    Man kann sagen, die drei Grundformen des Schmutzes stehen für einen je eigenen Grad an Dingheit. Zu beachten ist dabei allerdings, dass die Dingheit des Staubes von einer völlig anderen Qualität ist, als jene des Flecks und des Abfalls. Die Dingheit des Staubes lässt sich nur als Grenzwert beschreiben, und zwar in zweierlei Hinsicht: Staub, das ist eine Menge von Staubteilchen. Darin bildet das einzelne Staubteilchen die Grenze zum Nichts. Zugleich sprechen wir erst dann von Staub, wenn die Ansammlung von Staubteilchen unsere Wahrnehmungsgrenze überschreitet. Welche Menge von Staubteilchen ist nötig, damit Staub in Erscheinung tritt? Will man Staub als Ding betrachten, treffen wir unweigerlich auf die klassische Sorites-Paradoxie: Ab wann ist ein Haufen ein Haufen? Was seine Dingheit und seinen bevorzugten Aufenthalt an den Unorten unseres Heims betrifft, scheint der Staub ganz und gar ein Grenzphänomen zu sein. Das hat natürlich starke Auswirkungen auf die Frage nach dem Wesen des Staubes.

    Das Wesen des Schmutzes

    In jedem Anwesenden west bekanntlich ein Wesen. Wenn wir seiner gewahr werden, ist der Staub zweifelsfrei da, aber welches Wesen west in ihm? Das Wesen des Flecks können wir als das Störende bezeichnen. Das Wesen des Abfalls zeigt sich in seinem Unbrauchbar-sein. Das negative Wesen des Flecks und des Abfalls lässt sich durch den Begriff des Unwesens ausdrücken. Der Fleck und der Abfall treiben ihr Unwesen in unserem Heim, solange sie nicht entfernt werden. Auch der Staub zeigt sich uns als ein Unwesen dieser Art: er stört und ist zu nichts nütze. Anders als im Fleck und im Abfall kündigt sich im Staub aber noch ein anderes Wesen an. Angesichts der Wollmäuse, die sich unter unseren Betten und Kommoden bilden, lässt sich dem Staub ein gewisses Eigenleben zuschreiben. Dieses Eigenleben darf natürlich nicht als Leben im eigentlichen Sinn verstanden werden. Weit und breit kein Metabolismus in Sicht. Im Staub bildet sich vielmehr ein Scheinleben, das seine Information und seine Energie durch Zuschreibung erhält. Im Windzug, der durch das Öffnen der Schlafzimmertür erzeugt wird, kriechen die Wollmäuse unter dem Bett hervor und verblüffen uns mit Niedlichkeit und Pusillanimität. Konkretheit und Indifferenz halten sich im Erscheinungsbild solcher Staubansammlungen in perfekter Weise die Waage, um solche Assoziationen hervorzurufen. Das Kleine und Wertlose vermag sich vielleicht nicht zu einer echten Hypostasierung aufzuschwingen, immerhin aber begegnen uns die Wollmäuse als Scheinlebewesen von eigentümlicher Charakteristik. Die Ähnlichkeit der Zuschreibungen, die die Menschen für dieses Phänomen weltweit vornehmen, lässt sich nicht von der Hand weisen. Was den Deutschen die Wollmaus, ist den Österreichern der Lurch. In anderen Ländern spricht man von Staubhäschen, Wollhunden oder Wohnungskaninchen. Immer sieht man in den seltsamen Staubzusammenballungen, die den Gezeiten des Luftzugs ausgeliefert sind, ein kleines, meist niedliches Tier. Wenn man so will, bildet das Scheinleben der Wollmäuse auf Makroebene das Pendant zur Brownschen Bewegung: Mehr oder weniger verborgene, jedenfalls äußere Krafteinwirkungen entlocken dem Anorganischen kleine und kleinste Anzeichen von Leben.

    Die Stadtlandschaft

    Die Unorte werden zu Enklaven des Auszuschließenden, nicht weil dieses dort verwahrt wird, sondern weil es sich dort – wie von selbst – ansammelt, namentlich als Staub. Es ist natürlich längst klar geworden, dass wir mit dem Heim nicht nur unseren persönlichen Wohnraum meinen, sondern das gesamte Habitat des Menschen, insbesondere den urbanen Raum. Alle bis hierhin zu Tage geförderten Verhältnisse gelten grosso modo auch dort.

    Auch die Stadtlandschaft weist dementsprechend ihre Orte, Aborte und Unorte auf. Zu den Orten zählen alle Wohnräume, alle Funktions- und Rekreationsräume, sowie sämtliche Wege und Straßen, die zwischen diesen hindurchführen. Aborte umfassen die öffentlichen Toiletten und die Abfalleimer – nicht jedoch die Müllsammelplätze, da es sich bei diesen um Verwertungsstätten und daher um echte Orte handelt. Suchen wir nach den Unorten, werden wir an der Peripherie fündig, aber auch im Inneren des Stadtgefüges. Die Typologie der städtischen Unorte ist ihrerseits ternär. Als Unorte im engeren Sinn bezeichnet man Zonen zweifelhaften Rufs – das sind die anrüchigen Gassen, in denen moralisch nicht einwandfreien Geschäften nachgegangen wird. In ihnen begegnet man übrigens den gefallenen Mädchen. Daneben gelten auch die berüchtigten No-go-Areas als Unorte – das sind die verbotenen Gassen, aus denen sich das öffentliche Gewaltmonopol zurückgezogen hat. Wenn wir nicht gerade danach suchen, was dort geboten wird, bleiben wir solchen Unorten in der Regel fern.

    Darüberhinaus lässt sich noch eine dritte Art von Unorten in der Stadtlandschaft identifizieren. Es sind dies jene Plätze, an die man nicht kommt, weil sie nicht erschlossen sind oder keine Bedeutung, d.h. keinen Nutzen für uns haben. Dazu gehören halbwilde Ruderalflächen am Stadtrand ebenso wie die Streifen hinter den Leitplanken der Schnellstraßen, die unwirtlichen Flächen unter den Viadukten der Stadtautobahnen, die Verkehrsinseln, die Zwickelflächen, die toten Winkel und Ecken, unbenutzbare oder aufgelassene Zonen jeglicher Art. Vielfach handelt es sich dabei auch um Flächen, die sich der Stadtplanung erfolgreich entzogen haben, die als quasi-natürliche Pufferzonen zwischen den einzelnen Funktionsorten liegen, ohne für etwas gedacht zu sein.

    Da wir die Unorte der Stadt für gewöhnlich nicht aufsuchen, sei es, dass wir sie meiden oder ignorieren, sammelt sich an ihnen der Schmutz an, und zwar in all seinen drei Grundformen. Er wird hier nicht eigens hinbefördert, er stellt sich gleichsam von selbst ein. Das achtlos Weggeworfene, der Straßenstaub, Exkremente, Reste jeglichen Gebrauchs, Unkraut, das Unnütze und unbrauchbar Gewordene. Sehen wir noch genauer hin: Eine Radkappe, benützte Präservative, Erbrochenes, ein bunt schillernder Ölfleck, eine tote Taube, Löwenzahn, ein einsamer Turnschuh. Den meisten der aufgezählten Dinge ist gemein, dass sie die Geschichte eines Lebens erzählen, das sie bereits hinter sich haben. Anders die sogenannte Fugenvegetation. Da man sie lässt, holt sich die Natur an den Unorten das ihr entwendete Land nach und nach zurück. An den Unorten bekommt das vielgestaltige Leben des anderen, das wir aus unseren Orten zugunsten des menschlichen Lebensmonopols und unserer Vorstellung vom perfekten Heim vertrieben haben, eine zweite Chance.

    Der Schmutz als Wesen

    Im Animismus des japanischen Shintō haben nicht nur die guten Dinge eine Seele. Auch der Schmutz wird in ihm als ein Wesen begriffen, das es zu ehren gilt. Man macht dies, indem man ihm den Aufenthalt an jenen Orten zugesteht, an denen er sich wie von selbst ansammelt. Im engeren Sinn handelt es sich dabei natürlich um die besagten Unorte einer Stadtlandschaft, denn an den Funktionsorten achtet insbesondere die japanische Gesellschaft auf äußerste Sauberkeit. Das Wort, das man im Shintōismus zur Bezeichnung solcher Unorte und der darin wesenden Erscheinungen gebraucht, lautet 吹きだまり – Fukidamari.2 Der poetische Ausdruck wird mit ›Herzen des Staubs‹ wiedergegeben. Wortwörtlich bezeichnet fuki wehen oder blasen, also die Tätigkeit des Windes, der Blätter, Schnee oder Staub vor sich her treibt. Der Wortbestandteil damari weist darauf hin, dass sich an einem Ort etwas angesammelt hat. Der Ausdruck Fukidamari wird demnach für Phänomene gebraucht, die sich durch ein Aufeinanderzutreiben angesammelt haben, etwa eine Schneewechte, eine Insel von Blättern im Fluss, die Müllteppiche im Ozean oder eben ein Staubherz, das sich wie von selbst an den Wegesrändern und in den abseits gelegenen Winkeln der Stadt bildet. Fukidamari drückt also aufs Genaueste aus, auf welche Weise sich die Schmutzansammlungen an den Unorten bilden. Das Nutzlose wird weggeblasen oder durch unwillkürliche Bewegungen weggewischt, aber nicht entfernt. Abseits der Orte und Verkehrswege wird ihm gestattet sich anzusammeln und sein Wesen zu treiben, das sich – dieser Vorstellung nach – selbst noch im Verwesen zeigt. An den Rändern und in den Zwischenzonen der Stadt befinden sich die heiligen Stätten des Schmutzes.

    Wir hatten schon beobachtet, dass sich an diesen Unorten nicht nur das Hinfällige sammelt, um, wie die Wollmäuse, ein Quasi-Leben zu leben. Der japanische Animismus scheint eine Ahnung davon zu haben, dass es hier um mehr geht, wenn er den Schmutzansammlungen an den abgelegenen Orten ein Wesen zuspricht. Im Schutz der Vernachlässigung kann sich auch echtes Leben bilden. An den Unorten beginnt das Herz des Staubs zu schlagen. Aber nicht nur Pflanzen und Tiere erobern hier ein neues Biotop für sich, sondern auch Menschen treibt es dort hin. Geschützt vor den Blicken und dem Zugriff der Gesellschaft können sie hier ihre großen oder kleinen Freiheiten genießen. Die Unorte werden so nicht nur zum Lebensraum des Anderen, sondern im engeren Sinne auch zum Lebensraum der Anderen.

    Exilanten

    Zum Wesen der Stadt gehört, dass sie von Menschen bevölkert ist. Das gilt auch für ihre Unorte. Hier auf andere Menschen zu treffen ist daher nicht nur möglich, sondern völlig natürlich. Vor diesem Hintergrund hat es den Anschein als wollte sich zu den drei Grundformen des Schmutzes noch eine vierte gesellen. Aus Sicht der ehrenwerten Bürger, die die Unorte ihrer Stadt für gewöhnlich meiden, findet sich dort der unehrenwerte, menschliche Abschaum ein. Gemeint sind damit jene Menschen, die ihren Platz und ihre Aufgaben in der Gesellschaft nicht finden wollen oder können. Wie Schiffbrüchige strandet das menschliche Treibgut des Abschaums an der Küste der Unorte, um dort mit beschränkten Mitteln ein Leben zu leben, das – vom Standpunkt der Bewohner der Orte aus betrachtet – mehr einem Vegetieren gleicht.

    Despektierliche Metaphern zeichnen von diesen gestrandeten Menschen stets das Bild des Ungeziefers. Man nennt sie Parasiten oder Schädlinge. In einer hinlänglich bekannten Diktion werden sie etwa zu Ratten gemacht. Mit diesen und ähnlichen Zuschreibungen stuft man die Menschen auf ein bloßes Tier-sein herab. Man beraubt sie also nicht nur ihrer Menschenwürde, sondern ihres Mensch-seins schlechthin. Die Bilder, die dafür bemüht werden, haben aber noch etwas anderes gemein: Immer werden Massen von kleinen, im einzelnen harmlosen Tieren vorgestellt. Ratten, Kakerlaken, Mäuse – allesamt scheue Tiere, die sich kaum einmal zeigen und nur in großer Anzahl zur Plage werden. Wie in der Phänomenologie des Staubes ist die namenlosen Masse des menschlichen  Abschaums über ihre Grenzwerte definiert. Nicht zuletzt aufgrund solcher strukturaler Homologien ist man mit den bekannten Zuschreibungen rasch zur Hand. Das Unscheinbare und scheinbar Harmlose eignet sich offenbar sehr gut dazu irrationale und tiefsitzende Ängste begrifflich kondensieren zu lassen.

    Es ist das Unheimliche an ihnen – im Sinne des Nicht-zum-Heim-gehörens – das man den Menschen am Rande unserer Gesellschaft vorwirft. Man kann sie zwar durchstreichen, aber nicht ausradieren. Das Äußerste, was man ihnen zugesteht, ist, sich an den Unorten in das Kolorit des Quasi-Lebens der Schmutzansammlungen und des wertlosen Lebens des wuchernden Unkrauts einzufügen. Dass es sich bei der Exilierung, ob aktiv oder passiv zustandekommen, in jedem Fall um eine gesellschaftliche Zwangsmaße handelt, bleibt meist unerwähnt. Die Menschen werden aus dem Tableau entfernt, weil sie sich nicht ins blitzblanke Gefüge der Gesellschaft einpassen können. Sie erscheinen darin als Einbruch des Realen. Wie ein störender Fleck werden sie weggewischt. Und wenn das auch nicht ganz gelingen kann, trägt man doch dafür Sorge, dass die zerstörten Existenzen einzig an den Unorten aufschlagen, wo sie ihr Unwesen treiben können, ohne groß zu stören.

    Die Menschen, die es an die Unorte treibt, sind Vertriebene – sie sind deterritorialisiert. An den Unorten können sie sich reterritorialisieren, weil sie dort dem kritischen und dem strafenden Blick der Mitmenschen entgehen. Die Reterritorialisierung gelingt aber nur um den Preis einer Marginalisierung. In ihrer Unzulänglichkeit erscheinen sie nicht verfolgenswert. Sie tragen die Verachtung durch die Ehrenwerten wie eine Schutzplakette am zerschlissenen Revers. Man lässt sie gewähren, weil von ihnen keine unmittelbare Gefahr droht. Man gewährt ihnen einen Aufschub. Irgendwann wird man sich schon um sie kümmern. Zur Zeit gibt es allerdings wichtigeres zu tun.

    Die Sichtweise der Ehrenwerten ist bloße Fernsicht. Sie wissen kaum etwas vom Leben der Ausgeschlossenen und Ausgestoßenen. Man hält den menschlichen Abschaum für die vierte Grundform des Schmutzes, weil er im Heim auftritt, aber nicht zu diesem gehören soll. Man fürchtet sich davor, man ekelt sich vor ihm, man schämt sich seiner, weil er sich der Verwertung entzieht und kaum kontrolliert werden kann. Dabei übersieht man, dass sich im Schutz der Vernachlässigung neues Leben bildet, das einen Wert außerhalb der Verwertbarkeit darstellt. Dieses neue Leben, sei es pflanzlich, tierisch oder menschlich, gedeiht an den Unorten, gerade weil es hier der allgemeinen Aufmerksamkeit entgeht. Es kann gedeihen, weil die Ehrenwerten darauf hinabsehen und zugleich wegsehen. In der Fernsicht verschmelzen die Unterschiede zwischen dem eigentlichen Schmutz und dem neuen Leben, das an den Unorten Einzug hält.

    Für die Exilanten sind die Unorte nicht nur zum Aufenthaltsort, sondern vielfach auch zum Wohnort geworden. Hier bereiten sie ihr neues Heim, das seinen eigenen Gesetzen gehorcht. Hier finden sie eine Familie, deren Bindung sich dem gemeinsamen Schicksal verdankt.

    Reisende auf Abwegen

    An den Unorten treffen wir aber auch auf Menschen, die nicht zwangsläufig ihre Zelte im Abseits aufschlagen müssen, sondern wie Reisende auf Abwegen hierhergelangen. Tatsächlich steckt in jedem von uns ein Anderer, der bisweilen sein Recht einfordert. Wir können nicht immer nur wir selbst sein bzw. der, dessen Rolle wir spielen. Von Zeit zu Zeit müssen wir dem irreduziblen Teil von uns, der sich der Vergesellschaftung verweigert, einen Auslauf gewähren. In Ermangelung eines Auswegs begeben wir uns dann auf Abwege. Wir wollen unser Heim keineswegs verlassen, möchten seiner Umklammerung aber manchmal entgehen. An den Unorten lockert die Stadt ihren Griff und wir können aufatmen. Hier im Angesicht des Schmutzes können wir unser bloßes Menschsein genießen. Hier können wir allem Menschlichen, das im sozialen Gefüge keinen Platz hat, nachspüren. Die Quasi-Natur der Unorte begegnet uns mit absoluter Gleichgültigkeit, die nichts von uns erwartet und unseren kleinen Exzess duldet. Es geht uns nicht darum die Flucht anzutreten, um die große Freiheit zu erlangen. Wir suchen vielmehr nach einer gewissen Ambiguität des Zustands, in der wir weder einen Nachnamen, noch eine Verantwortung tragen.

    Als Reisende auf Abwegen begeben wir uns an die Unorte, um nicht im Feuer der Verfügbarkeit in Permanenz zu verbrennen. Im Soziotop des Fremden finden wir bisweilen zu uns selbst. Hier an den heiligen Stätten des Schmutzes, an denen das Staubherz zu schlagen beginnt, stellen wir uns ein, wenn wir von Zeit zu Zeit einen Ausfallschritt machen müssen, um nicht in voller Länge auf der Straße aufzuschlagen. 

    An den Unorten können wir nicht nur den Ausgeschlossenen begegnen, sondern auch dem, was wir für gewöhnlich aus uns selbst ausschließen. In der Begegnung mit dem Anderen und dem Fremden können wir Angsterfahrungen machen, die uns ansonsten nur noch in der Wildnis der Natur zugänglich sind. Die Unorte sind die Orte des Unwägbaren, dem wir uns von Zeit zu Zeit aussetzen müssen, um mit dem menschlichen Grund in uns in Berührung zu kommen. Überraschenderweise ermöglicht uns mitunter gerade die Konfrontation mit dem Anderen und dem Fremden so etwas wie menschliche Nähe zu empfinden. In ihrer Unverbindlichkeit erreicht sie dann ein intimes Ausmaß, das in der Welt der Gesetze, der Geschäfte und der Familie nicht geduldet wird. Hier findet selbst das eine Öffentlichkeit, was im Privaten privat bleiben muss. Hier können wir uns wie die Kinder mit Lust schmutzig machen, ohne dass mit dem Finger auf uns gezeigt wird. An den Unorten existiert kein Finger, der auf uns zeigen würde.

    Der Unort als Ort der Gnade

    Mit Blick auf die menschliche Gesellschaft lassen sich die Wohn- und Funktionsorte unschwer als die Orte des Bewusstseins erkennen. In den Gefängnissen und Irrenanstalten hingegen werden all jene unter Kontrolle gehalten, die der Gesellschaft – wie sie jetzt gerade ist – gefährlich werden können. Diese und ähnliche Anstalten entsprechen den Aborten, deren Fenster und Türen mit Gitterstäben versehen sind, damit das ins Unbewusste Verdrängte nicht entweichen kann. Die Unorte, an denen die Exilanten und die Reisenden auf Abwegen aufeinander treffen, sind – topologisch betrachtet – wie das Vorbewusste zwischen das Bewusste und das Unbewusste eingeschaltet. Sie liegen zwischen dem Heim und der Natur, wie auch zwischen den Orten und den Aborten. Das Treiben an den Unorten entzieht sich der Kontrolle, da die allgemeine Aufmerksamkeit nicht bis dorthin reicht. Doch handelt es sich bei den Unorten keineswegs um rechtsfreie Orte. Die Exilanten, die an den Unorten wohnen, bilden ein Soziotop, das seinen eigenen Gesetzen gehorcht. Diese sind zwar durchwegs archaischen Zuschnitts und beruhen auf dem Recht des Stärkeren oder dem Talion, weisen aber ein Element auf, das dem Rechtsverständnis unserer modernen Demokratie, die sich fast vollständig einem menschenverachtenden Hyperkapitalismus verschrieben hat, weitgehend  fehlt. Die Unorte als die heiligen Stätten des Schmutzes sind nichts Geringeres als die Orte der Gnade, die den Vogelfreien zur Zuflucht und den Unfreien zur Ausflucht dienen. Die Stadt ohne Unorte – falls sie möglich wäre – ist ein Ort ohne Gnade, an dem wir im Feuer der totalen Funktionalisierung und Kommodifizierung unseres Lebens verbrennen müssen. Schmutz ist in unserer sauberen Welt das tröstliche Zeichen für die Existenz solcher Orte der Gnade.

    1. „Was die Erkenntnis der Passage, des Schritts, der Marke, der Spur, der Handschrift des Menschen angeht, so können wir uns beruhigen – wo immer wir eine gigantische Ansammlung von Austernschalen finden, können es ganz offenbar nur Menschen sein, die da durchgekommen sind. Wo immer sich ein ungeordneter Haufen von Abfällen findet, gibt es Mensch. Auch die geologischen Epochen haben ihre Abfälle hinterlassen, sie erlauben uns, eine Ordnung zu erkennen. Die Berge von Schmutz – sie sind eine der Seiten menschlicher Dimension, die man nicht verkennen sollte.“ Jacques Lacan. Seminar VII. Die Ethik der Psychoanalyse. S281 ↩︎
    2. arte. Gacha Gacha 4/9. Fukidamari: Mit der Imbissbude durch die Nacht. 2021 ↩︎
  • Notiz über zwei Begriffe

    Was machen wir Menschen, wenn wir einen Sachverhalt mit den Mitteln der Sprache nicht angemessen ausdrücken können? In den seltensten Fällen werden wir ein neues Wort oder einen neuen Begriff erfinden. Zu groß erscheint uns die Gefahr, nicht verstanden zu werden, da wir uns auf diesem Wege über die Konvention hinausbegeben. Viel häufiger verschaffen wir uns Abhilfe, indem wir ein Wort, das eine Bedeutung aufweist, die der insinuierten nahekommt, ein wenig missbrauchen. Dieses Manöver gelingt jedoch nur, wenn wir eine gewisse Unschärfe des Begriffs in Kauf nehmen. Der Ausdruck leidet dann an einer Untererfülltheit und nicht selten sind wir mit seiner behelfsmäßigen Verwendung nicht ganz zufrieden.

    Eine weitere Möglichkeit dem Problem zu begegnen, besteht darin nach einem entsprechenden Wort in einer anderen Sprache Ausschau zu halten, das wir für unsere Zwecke entlehnen können. So drücken wir im Deutschen mit dem französischen Wort fatigue etwas aus, wofür das Wort Müdigkeit nicht hinreicht. Mit dem Lehnwort fatigue sprechen wir von einer gesteigerten Form der Müdigkeit, von einer Müdigkeit, die sowohl physisch als auch psychisch ihr Maximum erreicht.

    Zwei Punkte sind an diesem Beispiel bemerkenswert. Zum einen weist der französische Begriff keineswegs die Dimension auf, die er im Deutschen annimmt. Im Französischen fungiert das Wort schlicht und einfach als Bezeichnung dessen, was für uns die gewöhnliche Müdigkeit ist. Erst als Fremdwort in unserer Sprache erfährt seine Bedeutung die besagte Potenzierung. Und dann stellt sich noch die Frage, weshalb es überhaupt zu dieser Entlehnung kommt. Besitzen wir im Deutschen nicht ohnehin ein Wort auf welches wir naheliegender Weise zurückgreifen können? Was anderes meinen wir, wenn wir davon sprechen todmüde zu sein?

    Fatigue

    Als einen Grund für die Übernahme des Worts aus der anderen Sprache könnte das Fehlen einer adäquaten Substantivierung des Begriffs im Deutschen ausgemacht werden. Dieser Mangel ließe sich jedoch wiederum durch eine Wortschöpfung beheben. Anstelle des sperrigen Todmüde-seins könnten wir das Hauptwort Todmüdigkeit bilden. Aber irgendetwas hält uns davon ab, damit zufrieden zu sein. Was hat die Fatigue der Todmüdigkeit voraus? Vielleicht spielt hierbei das Tabu vom Tod zu sprechen eine Rolle. Während vom Tod zu sprechen einen gewissen Schrecken auslöst, vermittelt die Fatigue bloß ein Unbehagen.

    Und dann schwingt noch etwas in dem Fremdwort als solches mit, das dem deutschen Wort abgeht. Es ist der fremde Klang oder die ungewohnte Form, die der bloßen Bedeutung etwas hinzuzufügen scheint. Dieses Ungewohnte will sich nicht zur Gänze in das Haus unserer Sprache einfügen, um Heideggers Bild aufzugreifen. Da es als ein Fremdes erkenntlich bleibt, haftet dem Wort Fatigue bei jedem Gebrauch etwas Geheimnisvolles an, das den Ausdruck steigert. Das Wort scheint nachgerade einer Zauberformel entnommen zu sein. Jedenfalls weist es eine gewisse Unschärfe auf, die wir diesmal jedoch nicht als eine Untererfülltheit, sondern im Gegenteil als eine – der bloßen Bedeutungssteigerung assistierende – Bedeutungserweiterung wahrnehmen, wenngleich wir deren tatsächlichen Umfang nicht zu bestimmen vermögen. Das Fremdwort ist mit einem Mehr ausgestattet, dessen Inhalt und Größe sich uns entziehen. Man kann in diesem Mehr eine Aura sehen oder den Schimmer eines Unbewussten oder das Hereinsickern des Transzendentalen. Es geht hier aber weniger um die konkreten Bedeutungsinhalte, die den Signifikanten heimsuchen können. Es ist die verminderte Valenz, die zwischen dem Signifikanten und den möglichen Signifikaten besteht, die die diffuse Bedeutungsanreicherung hervorruft, deren es offensichtlich bedarf, um eine bessere Übereinstimmung des Ausdrucks mit unserer Vorstellung von dem Sachverhalt zu bewirken. Der klar umrissene, deutsche Begriff der Todmüdigkeit erscheint uns zu konkret und darum nicht präzise genug.

    Ennui

    Eine ähnliche Begründung können wir auch noch für ein anderes aus dem Französischen entlehntes Wort anführen. Ennui lässt sich zweifelsohne und geradeheraus mit Langeweile übersetzen. Nun schreibt man die Verwendung eines Fremdworts bisweilen vorschnell dem Drang zu, einen Ausdruck der Bildungssprache in den Mund nehmen zu wollen, um eine solche, nämlich die Bildung, anzuzeigen. Das mag vorkommen, wird allerdings der Bedeutungssteigerung nicht gerecht, mit der wir zumindest in dem Begriff Ennui konfrontiert sind.

    Begeben wir uns auf die Suche nach einem deutschen Wort, das annähernd dazu in der Lage ist wiederzugeben, was in diesem Fremdwort anklingt, stoßen wir auf den Ausdruck zu Tode gelangweilt sein. Wie die Fatigue scheint auch die Ennui dazu angetan zu sein vom Tod zu schweigen. Substantivisch könnten wir von der Todlangeweile sprechen. Damit hätten wir einen Neologismus geschaffen, der mit jenem anderen – der Todmüdigkeit – gemein hat, dass er kein Verständnisproblem aufwirft. Und dennoch hinterlässt uns auch diese Wortschöpfung irgendwie unbefriedigt. Wir haben es nicht ganz getroffen. Fehlt auch diesem deutschen Ersatzbegriff die Unschärfe, die offenbar nötig ist, um das gesamte Bedeutungsfeld abzudecken?

    Bis hierhin weisen die Begründungen für die Verwendung der beiden Fremdwörter eine große Übereinstimmung auf. Ein genauer Blick auf den Bedeutungsinhalt von Ennui enthüllt uns jedoch, was zunächst vom Glanz der diffusen Bedeutungserweiterung, die das Fremdwort als solches mit sich führt, überstrahlt wird: Die Langeweile ist kein Affekt unter anderen. Das lässt sich schon allein an dem Umstand ablesen, dass sich das Nachdenken über die Langeweile in der gesamten Philosophiegeschichte viel größerer Beliebtheit erfreut als dies von einem derart beiläufigen Thema zu erwarten wäre. Es scheint ihr eine Aufmerksamkeit zuteil zu werden, die die Bedeutsamkeit des Phänomens weit übersteigt. Was bringt uns immer wieder dazu, dieser doch bloß lästigen Anwandlung des Gemüts auf den Grund gehen zu wollen? Offensichtlich unser Misserfolg bei dem Vorhaben. Die Langeweile scheint sich dem Zugriff unseres Verstandes zu entziehen. Martin Heidegger versucht es deshalb in seiner transzendental-ontologischen Untersuchung ›Die Grundbegriffe der Metaphysik‹ mithilfe seiner nachspürenden Vernunft. Dort unterscheidet er drei Formen der Langeweile. In der ersten Form werden wir von der Langeweile gequält durch ein „Hingehaltensein“ und eine gleichzeitige „Leergelassenheit“. Wir warten etwa am Bahnhof auf den Zug und langweilen uns. Die zweite Form der Langeweile begegnet uns mitunter auf einer Abendgesellschaft, die uns nicht sonderlich interessiert, obwohl wir sie gerade deshalb besuchen, weil wir der Langeweile entgehen wollen. „Wir langweilen uns hier bei etwas“, ohne sogleich die Flucht zu ergreifen. In der dritten Form der Langeweile erkennt Heidegger dagegen eine metaphysische Grundstimmung. Dieser letzten und tiefen Langeweile werden wir gewahr, wenn wir mit nichts beschäftigt sind, aber alles und jedes unternehmen könnten. „Es ist uns dann ganz einfach langweilig.“ Die dritte Form der Langeweile berührt uns im Innersten und löst mehr als ein bloßes Unbehagen aus.

    Ich behaupte, der ins Deutsche übernommene französische Begriff der Ennui drückt genau diese tiefe, existenzielle Form der Langeweile aus und steht damit auf einer Stufe mit einem anderen existenziellen Faktum, nämlich dem Tod. Diese Verwandtschaft der Langeweile mit dem Tod kann in dem Fremdwort mitschwingen, ohne offenbar werden zu müssen.

    Der unmittelbare Bedeutungsgehalt stellt keinen Anlass für uns dar, Ennui anstelle von Langeweile zu sagen. Auch der bildungssprachliche Gebrauch liefert keinen hinreichenden Grund dafür. Neben dem Vorzug 1) eine Bedeutungserweiterung spürbar zum machen, deren Unschärfe etwas offen lässt, bewirkt das Fremdwort Ennui 2) eine Bedeutungssteigerung, ohne den Tod ins Spiel bringen zu müssen. Darüberhinaus schafft seine Verwendung 3) eine Bedeutungsvertiefung, die an das Wesen des Daseins selbst gemahnt, das sich in der metaphysischen Grundstimmung der Langeweile kundzutun pflegt.