Neulich stieß ich in einem Buch auf das sogenannte »Gebet des Alkoholikers« …
„Lieber Gott, bitte gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“1
Wenn ich mit derartigen Weisheiten konfrontiert werde, rolle ich für gewöhnlich mit den Augen und wende mich weniger abgeschmackten Dingen zu. So auch diesmal. Ich blätterte weiter, schmökerte noch ein wenig und klappte das Buch schließlich zu. Die Brille noch auf der Nase versuchte ich mir den Satz ins Gedächtnis zu rufen. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass mir das nicht gelang. Also schlug ich das Buch an der bewussten Stelle wieder auf und las den Satz noch einmal. Mein Erstaunen wuchs, als ich bemerkte, dass mir der Sinn des Satzes nicht sogleich zugänglich war. Dabei hatte ich gedachte, diesen gleich beim ersten Mal Lesen verstanden zu haben. Ich begann über den Satz und was er mir vermitteln sollte nachzudenken.
Was mich in erster Linie am »Gebet des Alkoholikers« störte, war natürlich, dass mir hier eine Weisheit in Form eines Appells an ein höheres Wesen kredenzt wurde. Zunächst: Beim ›lieben Gott‹ handelt es sich um eine Vorstellung, deren Wirkmächtigkeit ich gar nicht abstreiten möchte, deren Einfluss auf die Geschehnisse in der Welt auch nicht von Hand zu weisen ist. Was wurde nicht alles im Namen eines Gottes unternommen! Auch die metaphysische Notwendigkeit der Annahme eines überhöchsten Wesens im Sinne einer negativen Theologie2 steht für mich außer Zweifel. Was ich allerdings bezweifle, ist – und das erschließt sich aus der Annahme der Existenz Gottes –, dass ich mit ihm kommunizieren kann. Wer sich mit einem Gebet an Gott wendet, hofft jedoch darauf Gehör zu finden. Für mich ist das Gebet, im Gegenteil, Ausdruck der allergrößten Hoffnungslosigkeit, richte ich es doch an ein Wesen, das notwendigerweise nicht empfänglich dafür ist. Das Gebet unterscheidet sich durch nichts davon, seine Wünsche in eine Tüte zu sprechen. Ich dachte also: Wenn sich eine Weisheit in dem »Gebet des Alkoholikers« verbirgt, dann sollte sie zur Geltung kommen können, auch ohne ein höheres Wesen dafür anrufen zu müssen.
Wird der Satz von dem hypostasierten Wesen befreit, lautet er so …
„Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Immer noch wird darin jemand adressiert. Wer kann das sein? Spreche ich hier zu mir selbst? Wenn dem so ist, setze ich voraus, dass es in meiner Macht steht, den Forderungen, die in dem Satz gestellt werden, nachzukommen. Für einen Suchtkranken oder für jemand, der sich in einer Neurose eingerichtet hat, gehen die Worte folglich ins Leere. Weder der eine, noch der andere ist in der Lage allein aus sich heraus auch nur das Geringste an seinem Zustand zu ändern. Jedenfalls nicht, solange die kurzfristig positiven Effekte der Krankheit die negativen Effekte überragen. Durch das Weglassen des höheren Wesens ist aus dem Gebet eine Bitte an mich selbst geworden. Ich wäre aber nicht krank, wenn ich mir den Wunsch, meine Krankheit aufzugeben, ganz einfach erfüllen könnte.
Immer noch scheint ein Adressat den Zugang zur Weisheit, die in dem Satz verborgen liegt, zu versperren. Möglicherweise kann ich zu ihr vordringen, wenn ich jeglichen Adressaten elidiere. Aus einem „Ich wünsche mir von mir“ müsste ein „Ich wünsche mir für mich“ werden …
„Ich wünsche mir für mich die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Aber ist der Satz dadurch klarer geworden? Und: Habe ich durch die Umstellung mein Ziel, den Adressaten zu tilgen, überhaupt erreicht? Treibt dieser unausgesprochen nicht weiterhin sein Unwesen?
Auf diesem Weg lässt sich dem Satz offenbar nicht beikommen. Ich sehe daher von der Beantwortung der Frage nach dem Adressaten vorerst ab und lenke meinen Blick auf die einzelnen Teilaussagen und ihren jeweils spezifischen Inhalt.
Im ersten Abschnitt des modifizierten »Gebets des Alkoholikers« wünsche ich mir, die Dinge, die ich nicht ändern kann, hinnehmen zu können und nicht weiter dagegen ankämpfen zu müssen. Der Kampf wäre vergebens und würde mich Energie kosten, die ich besser dafür einsetzen könnte … ja wofür denn? Zum Beispiel dafür, mein Problem zu lösen. Eines der Dinge, die ich als Kranker nicht ändern kann, ist, meiner pathologischen Disposition zu entgehen. Der Wunsch drückt also aus, meiner Krankheit mit Gelassenheit zu begegnen, d.h. dem peinigenden Zustand nicht weiter entfliehen zu wollen, sondern sich dareinzufinden. Im Hinblick auf den Alkoholismus rät mir das »Gebet des Alkoholikers« demnach, diesem treu zu bleiben. Das ist natürlich Nonsens. Offenbar soll mit dem Begriff der Gelassenheit etwas anders ausgedrückt werden.
Gelassenheit bedeutet nicht, die Dinge zu lassen, wie sie sind, sondern ihnen gegenüber eine gewisse Gleichgültigkeit zu erlangen. Im kühlenden Schatten der Gleichgültigkeit, so die Hoffnung, werde sich das Problem vielleicht von selbst lösen. Wir haben Gott und uns selbst als Adressaten zurückgewiesen, offenbar um auf ein unbestimmtes ›wie von selbst‹ zu setzen. Das Ergebnis ist weniger enttäuschend als es den Anschein hat.
„Wenn wir uns auf die Gelassenheit einlassen, wollen wir das Nicht-Wollen“, meint Martin Heidegger.
Das Selbst im ›wie von selbst‹ ist also immer noch unser eigenes Selbst, das etwas will, nämlich nicht zu wollen. Unser Selbst gewinnt seine Handlungsfähigkeit zurück, indem es vorerst darauf verzichtet zu handeln. In anderen Worten: Indem wir das Problem, das uns plagt, dezidiert nicht angehen, reduzieren wir den Lösungsdruck auf ein Maß, das es uns erlaubt, die Beweglichkeit zurückzugewinnen, die nötig ist, um das Problem überhaupt erst anzugehen. Dieses absurde Konstrukt ist das exakte Gegenbild zum durchaus rationalen Konstrukt der Neurose oder der Suchtkrankheit, die ja beide gescheiterte Selbstheilungsversuche darstellen. Wohlgemerkt: Das Konstrukt ist das Gegenbild, aber nicht zugleich das Gegenmittel. Zum Gegenmittel fehlt ihm noch Wesentliches.
Vielleicht lässt sich dieses Fehlende in der zweiten Teilaussage des »Gebets des Alkoholikers« finden. Darin wünsche ich mir, den Mut aufzubringen, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Wenn ich nicht darauf vertrauen möchte, dass mir der Mut von einem höheren Wesen eingeblasen wird, muss ich ihn selber fassen. Aber wie den Mut fassen, wenn mich ebendieser verlassen hat? Das eine Ding, das ich als Kranker mit Sicherheit nicht ändern kann, ist die Krankheit selbst. Immerhin habe ich bereits die Gelassenheit gewonnen, davon abzulassen mich selbst heilen zu wollen. Welches aber sind die Dinge, die ich als Kranker ändern kann? Es sind potentiell all jene Dinge, die außerhalb des pathologischen Horizonts zu finden sind. Ich wünsche mir also den Mut aufzubringen, einen Schritt aus meinem neurotischen Universum herauszutreten, um im Bereich des Unverfänglichen Handlungen zu setzen. Die Vergeblichkeit solchen Tuns im Hinblick auf die Krankheit steht von vornherein fest. Erneut kein Gegenmittel in Sicht.
Doch es geht hier weniger um die Dinge, als ums Tun als solches. Es gilt ins Tun zu kommen, das bekanntlich Ausdruck eines Wollens ist. Mut wäre demnach einen Willen zu fassen, ganz egal welchen Inhalts. Auch der zweite Teil des »Gebets des Alkoholikers« zielt auf die Erbringung einer Vorleistung ab. Ich soll meine Aufmerksamkeit auf Dinge lenken, die ich ändern kann, um das Handeln zu üben.
In ihrem Kern könnte man den Inhalt der beiden ersten Teilaussagen des »Gebets des Alkoholikers« so zusammenfassen …
„Ich soll meine Aufmerksamkeit vom Zentrum des Problems weglenken und mich um Nebensächlichkeiten kümmern.“
Ziel dieser Fokusverlagerung ist es, auf der einen Seite keinen Misserfolg einfahren zu müssen, wo man nicht erfolgreich sein kann und auf der anderen Seite Erfolge zu erzielen, wo die Chancen dafür gut stehen. Im »Gebet des Alkoholikers« verbirgt sich also eine Handlungsanleitung, deren Befolgung negative Erlebnisse vermeidet und positive Erlebnisse – seien sie auch noch so irrelevant – generiert. Ich werde also dazu aufgefordert, die Positionen der Gelassenheit und des Muts zu vertauschen. Die Gelassenheit soll zur Anwendung kommen, wo allergrößter Mut gefragt wäre. Mut soll gefasst werden, im Hinblick auf die Dinge, denen ich mit allergrößter Gelassenheit begegnen könnte. Diese Handlungsanleitung widerspricht aller menschlichen Erfahrung, wonach es einer verstärkten Fokussierung bedarf, um ein Problem mit Nachdruck lösen zu können.
Und gerade weil diese Handlungsanleitung der menschlichen Erfahrung und der üblichen Vorgangsweise bei der Bearbeitung eines Problems widerspricht, bedarf es der Weisheit als eines Dritten, das hinzukommen muss, um die Erfüllung der beiden ersten Wünsche zu ermöglichen. Nun soll aber die Weisheit, die im »Gebet des Alkoholikers« gefordert wird, lediglich dazu dienen zwischen den Dingen, die ich ändern kann und den Dingen, die ich nicht ändern kann, zu unterscheiden. Es handelt sich bei dieser Weisheit also um eine rein operative Weisheit. Das hat auch seine Richtigkeit. Als Weisheit bezeichnet man bekanntlich ein ›Wissen-um-zu‹. Sie besteht darin, ein erworbenes Wissen anwenden zu können. In diesem Fall geht es darum, eine Unterscheidung treffen zu können. Eine operative Weisheit kann aber nur dann zur Anwendung kommen, wenn es ein erworbenes Wissen gibt.
Dazu bedarf es einer völlig anders gearteten Weisheit, als jener, die wir uns im »Gebet des Alkoholikers«erbitten. Um den Prozess in Gang zu setzen, benötige ich eine Weisheit, die darin besteht einer Handlungsanleitung zu folgen, die – wie sich gezeigt hat – dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Bei der gesuchten Weisheit handelt es sich daher genau genommen um eine Torheit. Als rational denkender Mensch würde ich nie auf den Gedanken kommen, dass am Beginn des Wegs zur Heilung ein irrationaler Akt gesetzt werden muss. Da ich die benötigte Weisheit nicht aus meiner Erfahrung ableiten und daher auch nicht aus mir selber schöpfen kann, muss ich in diesem Fall auf die Weisheit, oder besser gesagt, auf die Torheit eines Anderen vertrauen.
Jetzt endlich ist er ans Licht getreten, der Andere, der sich nicht vollständig aus dem Spruch hat tilgen lassen. Und jetzt offenbart sich auch, wie er all meinen Attacken so hartnäckig trotzen konnte. Ich kann die Wünsche, die in dem Spruch vorgetragen werden, nicht aus mir selbst heraus erfüllen, weil ich meinen rationalen Horizont nicht transzendieren kann. Es muss kein Gott sein auf dessen irrationale Rationalität ich vertraue, um den Heilungsprozess starten zu können. In jedem Fall aber muss es sich um eine externe Instanz handeln, der ich größeres Vertrauen entgegenbringe, als mir und meinesgleichen. Mit einem Wort, es muss sich um eine Autorität handeln.
Ich muss auf einen Anderen hören, um den geforderten irrationalen Akt setzen zu können. Dem rational denkenden Menschen kann dies nur gelingen, indem er auf die Expertise des Anderen vertraut. Dazu muss die Expertise des Anderen außer Zweifel stehen. Es muss ein Wissensgefälle zwischen dem Anrufenden und dem Angerufenen bestehen, in anderen Worten: Der Angerufene muss etwas wissen, das der Anrufende nicht weiß. Das gesuchte ›Wissen-um-zu‹, das den Heilungsprozess zu starten vermag, entpuppt sich als die törichte Weisheit des Anderen, der ich nur dann folgen kann, wenn mir der Andere als Instanz begegnet. Der Andere als Instanz wird mit einem großen A geschrieben.
Wie sich herausgestellt hat, weist das »Gebet des Alkoholikers« in seiner bekannten Form zwei Unschärfen auf, die es für einen rational denkenden Menschen zunächst unbrauchbar machen …
- Das hypostasierte Wesen verdeckt, dass in dem Spruch eine Handlungsanleitung für den Betenden selbst verborgen liegt.
- Die Einengung der Weisheit auf ihren operativen Charakter verdeckt, dass der Heilungsprozess mit einer weisen Torheit starten muss, die ich nur von einem Anderen erhalten kann.
Der gewundene Gang der vorgenommenen Untersuchung beweist, dass mein reflexhaftes Urteil, bei dem »Gebet des Alkoholikers« handle es sich um einen abgeschmackten Sophismus, keineswegs darin gründete, dass ich die beiden Schwachstellen instinktiv erfasst hätte. Sein ebenso komplexer wie wertvoller Inhalt hat sich mir tatsächlich erst in der genauen Auseinandersetzung erschlossen. Wenn ich von meiner Abneigung, mich ausführlich und aufrichtig mit derartigen Weisheiten zu beschäftigen, darauf schließe, dass es vielen Menschen ebenso ergehen wird, dann frage ich mich, für wen der Spruch überhaupt Sinn ergibt. Und dennoch steht zweifelsfrei fest, dass rasch konsumierte und kaum hinterfragte Weisheiten ihren Zweck durchaus erfüllen können. Vielleicht existiert kein Instinkt, der einen frühzeitig darauf hinweisen kann, ob in einem derartigen Spruch eine echte Weisheit verborgen liegt oder nicht. Vielleicht existiert aber ein Instinkt bei den Menschen, der sie dazu bringt, eine Weisheit anzunehmen, unabhängig davon, ob eine solche im Verborgenen tatsächlich existiert oder nicht. Vielleicht genügt in manchen Fällen schlicht und einfach das Staunen über die Größe der Worte, um das benötigte Vertrauen zu erlangen. Wenn das stimmt, dann genügt es, die äußere Form einer Weisheit wahrzunehmen, um einen Nutzen daraus ziehen zu können. Der Inhalt des weisen Spruchs ist dann zwar nicht gleichgültig, aber doch irgendwie nebensächlich. Selbst dann, wenn die Weisheit missverstanden wird, kann sie eine positive Wirkung im Empfänger entfalten. Weisheiten funktionieren offenbar auch in Form eines Placebos. Nicht einmal der Name eines Autors, dessen Autorität für die Güte der Weisheit bürgt, muss bekannt sein. Bisweilen hat es geradezu den Anschein, als würde das Nicht-Wissen um die Person des Autors dessen Instanzhaftigkeit noch verstärken.
Ich muss das »Gebet des Alkoholikers« also nicht an Gott richten, um von den darin verborgenen Weisheiten zu profitieren. Es genügt, wenn ich sie aus dem Munde einer Person vernehme, auf die ich hören kann. Und ich kann selbst dann meinen Nutzen daraus ziehen, wenn ich sie nicht bis ins Letzte ergründe. Das macht doch Mut für mehr Gelassenheit.
- Gemeinhin wird das »Gebet des Alkoholikers« dem Theologen Reinhold Niebuhr zugeschrieben. Gesichert ist, dass er die hier genannte Fassung kurz vor der Mitte des 20. Jahrhunderts niedergeschrieben hat. Man kennt das »Gebet des Alkoholikers« auch noch unter dem Titel »Gelassenheitsgebet«. ↩︎
- Ich spreche hier natürlich von einer negativen Theologie, wie sie sich bei den Neuplatonikern ankündigt, im Werk des Pseudo-Dionysius ihren ersten Ausdruck findet, im »Periphyseon« des Johannes Scotus Eriugena reift und in einer kleinen Schrift des Nikolaus von Kues mit dem Titel »De apice theoriae« ihre Blüte erreicht. ↩︎