Notiz über zwei Begriffe

Was machen wir Menschen, wenn wir einen Sachverhalt mit den Mitteln der Sprache nicht angemessen ausdrücken können? In den seltensten Fällen werden wir ein neues Wort oder einen neuen Begriff erfinden. Zu groß erscheint uns die Gefahr, nicht verstanden zu werden, da wir uns auf diesem Wege über die Konvention hinausbegeben. Viel häufiger verschaffen wir uns Abhilfe, indem wir ein Wort, das eine Bedeutung aufweist, die der insinuierten nahekommt, ein wenig missbrauchen. Dieses Manöver gelingt jedoch nur, wenn wir eine gewisse Unschärfe des Begriffs in Kauf nehmen. Der Ausdruck leidet dann an einer Untererfülltheit und nicht selten sind wir mit seiner behelfsmäßigen Verwendung nicht ganz zufrieden.

Eine weitere Möglichkeit dem Problem zu begegnen, besteht darin nach einem entsprechenden Wort in einer anderen Sprache Ausschau zu halten, das wir für unsere Zwecke entlehnen können. So drücken wir im Deutschen mit dem französischen Wort fatigue etwas aus, wofür das Wort Müdigkeit nicht hinreicht. Mit dem Lehnwort fatigue sprechen wir von einer gesteigerten Form der Müdigkeit, von einer Müdigkeit, die sowohl physisch als auch psychisch ihr Maximum erreicht.

Zwei Punkte sind an diesem Beispiel bemerkenswert. Zum einen weist der französische Begriff keineswegs die Dimension auf, die er im Deutschen annimmt. Im Französischen fungiert das Wort schlicht und einfach als Bezeichnung dessen, was für uns die gewöhnliche Müdigkeit ist. Erst als Fremdwort in unserer Sprache erfährt seine Bedeutung die besagte Potenzierung. Und dann stellt sich noch die Frage, weshalb es überhaupt zu dieser Entlehnung kommt. Besitzen wir im Deutschen nicht ohnehin ein Wort auf welches wir naheliegender Weise zurückgreifen können? Was anderes meinen wir, wenn wir davon sprechen todmüde zu sein?

Fatigue

Als einen Grund für die Übernahme des Worts aus der anderen Sprache könnte das Fehlen einer adäquaten Substantivierung des Begriffs im Deutschen ausgemacht werden. Dieser Mangel ließe sich jedoch wiederum durch eine Wortschöpfung beheben. Anstelle des sperrigen Todmüde-seins könnten wir das Hauptwort Todmüdigkeit bilden. Aber irgendetwas hält uns davon ab, damit zufrieden zu sein. Was hat die Fatigue der Todmüdigkeit voraus? Vielleicht spielt hierbei das Tabu vom Tod zu sprechen eine Rolle. Während vom Tod zu sprechen einen gewissen Schrecken auslöst, vermittelt die Fatigue bloß ein Unbehagen.

Und dann schwingt noch etwas in dem Fremdwort als solches mit, das dem deutschen Wort abgeht. Es ist der fremde Klang oder die ungewohnte Form, die der bloßen Bedeutung etwas hinzuzufügen scheint. Dieses Ungewohnte will sich nicht zur Gänze in das Haus unserer Sprache einfügen, um Heideggers Bild aufzugreifen. Da es als ein Fremdes erkenntlich bleibt, haftet dem Wort Fatigue bei jedem Gebrauch etwas Geheimnisvolles an, das den Ausdruck steigert. Das Wort scheint nachgerade einer Zauberformel entnommen zu sein. Jedenfalls weist es eine gewisse Unschärfe auf, die wir diesmal jedoch nicht als eine Untererfülltheit, sondern im Gegenteil als eine – der bloßen Bedeutungssteigerung assistierende – Bedeutungserweiterung wahrnehmen, wenngleich wir deren tatsächlichen Umfang nicht zu bestimmen vermögen. Das Fremdwort ist mit einem Mehr ausgestattet, dessen Inhalt und Größe sich uns entziehen. Man kann in diesem Mehr eine Aura sehen oder den Schimmer eines Unbewussten oder das Hereinsickern des Transzendentalen. Es geht hier aber weniger um die konkreten Bedeutungsinhalte, die den Signifikanten heimsuchen können. Es ist die verminderte Valenz, die zwischen dem Signifikanten und den möglichen Signifikaten besteht, die die diffuse Bedeutungsanreicherung hervorruft, deren es offensichtlich bedarf, um eine bessere Übereinstimmung des Ausdrucks mit unserer Vorstellung von dem Sachverhalt zu bewirken. Der klar umrissene, deutsche Begriff der Todmüdigkeit erscheint uns zu konkret und darum nicht präzise genug.

Ennui

Eine ähnliche Begründung können wir auch noch für ein anderes aus dem Französischen entlehntes Wort anführen. Ennui lässt sich zweifelsohne und geradeheraus mit Langeweile übersetzen. Nun schreibt man die Verwendung eines Fremdworts bisweilen vorschnell dem Drang zu, einen Ausdruck der Bildungssprache in den Mund nehmen zu wollen, um eine solche, nämlich die Bildung, anzuzeigen. Das mag vorkommen, wird allerdings der Bedeutungssteigerung nicht gerecht, mit der wir zumindest in dem Begriff Ennui konfrontiert sind.

Begeben wir uns auf die Suche nach einem deutschen Wort, das annähernd dazu in der Lage ist wiederzugeben, was in diesem Fremdwort anklingt, stoßen wir auf den Ausdruck zu Tode gelangweilt sein. Wie die Fatigue scheint auch die Ennui dazu angetan zu sein vom Tod zu schweigen. Substantivisch könnten wir von der Todlangeweile sprechen. Damit hätten wir einen Neologismus geschaffen, der mit jenem anderen – der Todmüdigkeit – gemein hat, dass er kein Verständnisproblem aufwirft. Und dennoch hinterlässt uns auch diese Wortschöpfung irgendwie unbefriedigt. Wir haben es nicht ganz getroffen. Fehlt auch diesem deutschen Ersatzbegriff die Unschärfe, die offenbar nötig ist, um das gesamte Bedeutungsfeld abzudecken?

Bis hierhin weisen die Begründungen für die Verwendung der beiden Fremdwörter eine große Übereinstimmung auf. Ein genauer Blick auf den Bedeutungsinhalt von Ennui enthüllt uns jedoch, was zunächst vom Glanz der diffusen Bedeutungserweiterung, die das Fremdwort als solches mit sich führt, überstrahlt wird: Die Langeweile ist kein Affekt unter anderen. Das lässt sich schon allein an dem Umstand ablesen, dass sich das Nachdenken über die Langeweile in der gesamten Philosophiegeschichte viel größerer Beliebtheit erfreut als dies von einem derart beiläufigen Thema zu erwarten wäre. Es scheint ihr eine Aufmerksamkeit zuteil zu werden, die die Bedeutsamkeit des Phänomens weit übersteigt. Was bringt uns immer wieder dazu, dieser doch bloß lästigen Anwandlung des Gemüts auf den Grund gehen zu wollen? Offensichtlich unser Misserfolg bei dem Vorhaben. Die Langeweile scheint sich dem Zugriff unseres Verstandes zu entziehen. Martin Heidegger versucht es deshalb in seiner transzendental-ontologischen Untersuchung ›Die Grundbegriffe der Metaphysik‹ mithilfe seiner nachspürenden Vernunft. Dort unterscheidet er drei Formen der Langeweile. In der ersten Form werden wir von der Langeweile gequält durch ein „Hingehaltensein“ und eine gleichzeitige „Leergelassenheit“. Wir warten etwa am Bahnhof auf den Zug und langweilen uns. Die zweite Form der Langeweile begegnet uns mitunter auf einer Abendgesellschaft, die uns nicht sonderlich interessiert, obwohl wir sie gerade deshalb besuchen, weil wir der Langeweile entgehen wollen. „Wir langweilen uns hier bei etwas“, ohne sogleich die Flucht zu ergreifen. In der dritten Form der Langeweile erkennt Heidegger dagegen eine metaphysische Grundstimmung. Dieser letzten und tiefen Langeweile werden wir gewahr, wenn wir mit nichts beschäftigt sind, aber alles und jedes unternehmen könnten. „Es ist uns dann ganz einfach langweilig.“ Die dritte Form der Langeweile berührt uns im Innersten und löst mehr als ein bloßes Unbehagen aus.

Ich behaupte, der ins Deutsche übernommene französische Begriff der Ennui drückt genau diese tiefe, existenzielle Form der Langeweile aus und steht damit auf einer Stufe mit einem anderen existenziellen Faktum, nämlich dem Tod. Diese Verwandtschaft der Langeweile mit dem Tod kann in dem Fremdwort mitschwingen, ohne offenbar werden zu müssen.

Der unmittelbare Bedeutungsgehalt stellt keinen Anlass für uns dar, Ennui anstelle von Langeweile zu sagen. Auch der bildungssprachliche Gebrauch liefert keinen hinreichenden Grund dafür. Neben dem Vorzug 1) eine Bedeutungserweiterung spürbar zum machen, deren Unschärfe etwas offen lässt, bewirkt das Fremdwort Ennui 2) eine Bedeutungssteigerung, ohne den Tod ins Spiel bringen zu müssen. Darüberhinaus schafft seine Verwendung 3) eine Bedeutungsvertiefung, die an das Wesen des Daseins selbst gemahnt, das sich in der metaphysischen Grundstimmung der Langeweile kundzutun pflegt.